KULTUR

Vor der Arbeit kommt der Sex – Drehbuchautor Uli Brée im Interview

Uli Brée liegt mit Grippe im Bett, als wir ihn für das Interview erreichen. Schon die zweite im heurigen Jahr. Trotzdem arbeitet er weiter an der bereits vierten Staffel der „Vorstadtweiber“, schreibt den heimischen „Tatort“ und hat nebenbei noch Zeit für Sex mit seiner neuen Liebe Janny.

Interview: Manfred Rebhandl / Fotos: Oskar Schmidt

Herr Brée, wie ist das werte Befinden dort bei Ihnen im schönen Tirol, im Haus, in dem der „Bergdoktor“ gedreht wurde?
Danke. Ich liege gerade mit Grippe. Aber heute ist der erste Tag, an dem es mir wieder besser geht.


Ist das eine richtige Grippe oder das, was man einen Männerschnupfen nennt?
Nein, nein, das ist schon was Richtiges und es ist sogar schon die zweite in diesem Jahr. Das ist wirklich kein Männerschnupfen.

Tut mir leid. Erinnert Sie das Darniederliegen an Ihre Anfangszeiten als ­Kabarettist mit dem überaus erfolgreichen Programm „Männer-Schmerzen“?
(lacht) Na ja, ein bisserl vielleicht. Aber das ist lange her.

Wie läuft’s sonst? Es läuft extrem gut bei Ihnen, wie man überall hört und sieht. Wird das nicht langsam auch ein bisserl langweilig oder haben Sie immer noch große Freude an Ihrem Erfolg, an Ihrer Medienpräsenz? Uli Brée, der erfolgreichste Autor, seit es heimisches Fernsehen gibt?
Als Schreiber macht es mir immer noch großen Spaß, das Schreiben macht mich immer noch sehr glücklich. Aber sonst versuche ich ja, mich eigentlich sehr rauszuhalten aus der Öffentlichkeit, an der Präsentation der „Vorstadtweiber“ habe ich gar nicht erst teilgenommen, ich ziehe mich immer mehr zurück.

Nicht immer wird seine Arbeit entsprechend gewürdigt. Zur Präsentation der 3. Staffel „Vorstadtweiber“ fuhr er darum erst gar nicht nach Wien. Foto: (c) Oskar Schmidt

Ist das immer noch ein ungelöster Konflikt mit dem ORF: Sie beklagten oder beklagen ja immer wieder die mangelnde Wertschätzung des Autors bei solchen Projekten, dass er zur Rohschnittabnahme erst gar nicht eingeladen wird usw.
Na, die Präsenz in der Öffentlichkeit oder die Wahrnehmung, dass es dahinter einen Typen gibt, der sich diese ganzen kranken Sachen ausdenkt, das ist schon da mittlerweile, da beklage ich mich nicht.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass die Sachen, die Sie sich ausdenken, „krank“ sind, um Ihr Wort zu verwenden, oder anders gefragt: Was ist möglich, was geht? In der Serie „Dallas“ in den 80er-Jahren z.B. starb der Held Bobby Ewing irgendwann – und dann war er wieder da, frisch und lebendig. Kann man so etwas von Ihnen auch noch erwarten?
Ich denke, das mit dem Bobby Ewing, tot in der Dusche und dann lebt er wieder, so was geht nicht mehr durch heutzutage. Aber sonst ist natürlich alles möglich. Es sollte halt emotional nachvollziehbar sein, muss aber nicht unbedingt logisch sein, denn ein Leben nach den Gesetzen der Logik lebt ja sowieso niemand.

Ein nicht kleiner Teil Ihrer Präsenz umfasst auch Ihr privates Leben, das auch nicht ganz frei ist von Turbulenzen – ist das ein bisschen die kleine Übung im echten Leben für das große Fernsehspiel im falschen? Verzichten Sie bewusst auf Struktur, leben Sie von einem Tag in den nächsten?
Sagen wir mal so: Ich gehe aufrichtig mit meinen Abgründen um, das würde ich schon sagen. Mein Leben ist aber natürlich schon sehr strukturiert, wenn du so viel schreibst wie ich, dann muss das eine Struktur haben, das geht ja nicht anders. Außerdem habe ich Kinder, ich habe Familie bzw. Familien, das Leben muss ich auch danach ausrichten. Aber viel ausgelassen in meinem Leben habe ich nicht, da haben Sie schon recht, und damit muss ich umgehen.

Können Sie einen typischen Uli-Brée-Tag beschreiben? Wann steht er auf, wann trinkt er den ersten Kaffee, wie viele Zeichen pro Tag haut er rein in den Computer, wann schreibt er den ersten Turning Point …?
Man kann das so beschreiben, dass ich eigentlich in den Tag hineinsurfe ….

Uii! Sie fangen mit Internet an?
(lacht) Nein, nein … Ich meine, dass ich zwischen 9 und 10 anfange zu arbeiten. Und vorher will ich eigentlich den Tag draußen lassen …

Bis dahin haben Sie dann schon gefrühstückt, gesportelt, sind eine Runde mit dem Motorrad gefahren …
… oder ich habe Sex gehabt.

Noch besser! Die ganze Nacht lang oder haben Sie dazwischen geschlafen?
(lacht) Nein, nein, nur jetzt in der Früh meine ich.

Mit Grippe? Scheint also gut zu laufen mit der neuen Partnerin?
Ja, mit ihr bin ich wirklich sehr glücklich.

Ist das die wunderschöne Dame, die man auf Ihrer FB-Seite prominent sieht?
Rothaarig?

Und mit Tätowierungen auf der Schulter.
Genau, das ist die Janny. Sie ist mit ihrem Sohn vor einem Jahr zu mir nach Tirol gezogen.

Wohnen Sie da in der Nähe von Vorstadt-­Superweib Nina Proll?
Sie und der Gregor (Bloeb) wohnen eine Viertelstunde entfernt von mir. Aber ich wohne auf der Sonnenseite Tirols, die beiden auf der Schatten­seite drüben.

Bei Ihnen heißt das nicht umsonst „Sonnenplateau“. Der Blick über den Bildschirm hinaus auf die hohen Berge – ist das etwas, was der Seele und dem Hirn des Schreibers gut tut?
Ja, auf jeden Fall. Und nicht nur das. Teil meiner Arbeit ist es auch, jeden Tag eineinhalb Stunden spazieren zu gehen. Zum Denkprozess gehört dazu, dass ich spazieren gehe.

Der Blick auf die Tiroler Berge erdet den deutschen Vielschreiber. Eineinhalb Stunden pro Tag geht er spazieren. Da strukturiert er seine vielen Projekte. Foto: (c) Oskar Schmidt

Jetzt gibt es in den „Vorstadtweibern“ die neue Figur eines Scheidungsanwalts. Denken wir uns Uli Brée als Serienkonsument: „Better Call Saul“ zum Beispiel, über Anwalt Saul Goodman – war das etwas, was Sie sich auch angeschaut haben? Lassen Sie sich von so etwas inspirieren?
Ja, das hab ich schon geschaut, aber da war ich ehrlich gesagt ein wenig enttäuscht, da bin ich nicht reingekommen. In „Breaking Bad“ mochte ich den Saul Goodman ja natürlich total gerne, den habe ich geliebt, aber in seine eigene Serie bin ich nie reingekippt, das hat mich nicht fasziniert.

Die zweite Staffel war sehr gut.
Ach so? Na ja, kann ich ja immer noch schauen.

Jetzt, da Sie Grippe haben. Ihre eigenen Drehbücher – schreiben Sie die immer chronologisch oder ackern Sie sich da durch wie der Gärtner durch Kraut und Rüben in seinem Garten?
Ich baue mir schon ein Buch für zehn Folgen zusammen, ich brauche zunächst ja ein Konzept. Und im Hauptstrang habe ich ein Ziel, manchmal vielleicht auch nur ein inhaltliches Ziel, oder eine Aussage, oder eine Erkenntnis. Dahin arbeite ich mich vor. Aber welche Wege ich dorthin einschlage, da lasse ich oft auch einfach die Dialoge laufen, und wenn die Dialoge in die oder in die Richtung gehen, dann nehme ich halt den Umweg und gehe in die Richtung, das macht es spannend. Die Figuren verselbstständigen sich, wenn ich sozusagen als der Marionettenspieler am Ende schon weiß, wie die Geschichte ausgehen soll. Das habe ich natürlich immer schon vor Augen.

Das heißt, Sie sind praktisch Ihr eigener Show-Runner, der sich dann praktischerweise die Drehbücher auch gleich selbst dazu schreibt. Sie liefern dann immer das ganze Package ab, die ganzen zehn Bücher für eine Staffel?
Ja, genau. Aber innerhalb der Folgen springe ich dann beim Schreiben natürlich schon herum.

Wenn Sie zur Abwechslung mal wieder Krimis schreiben: Die oberste Regel lautet nach wie vor, dass es nach zwei Minuten einen Toten geben muss, bzw. eine Tote? Oder mehrere?
Na ja, das hängt davon ab, welche Krimis ich schreibe. Ich schreibe ja den österreichischen „Tatort“ einerseits, bei dem es gewissermaßen strengere Regeln gibt, aber bei „Vier Frauen und ein Todesfall“ konnten wir machen, was wir wollten, da gab es diese Regeln nicht.

Kommen immer wieder Amateure daher, die Ihnen sagen: Herr Brée! Herr Brée! Ich hab da so eine super Idee! Aber Sie müssen Sie schreiben und wir teilen uns dann die Gage?
Jaja, da gibt es sehr viele von denen.

Die Bibi Fellner aus dem Österreich-„Tatort“ war wohl eine der schönsten Figuren, die Sie je geschaffen haben?
Ja, auf die Bibi Fellner bin ich wirklich sehr stolz. Da war unlängst ein schöner Artikel in der ZEIT, dass sie der neue Schimanski sei. Das finde ich schon sehr schön …

Sie führen also ein insgesamt reiches, erfülltes Leben, kann man das so sagen?
Wenn ich nicht gerade Grippe habe, ja.

Wann legen Sie wieder los?
Heute fange ich wieder an. Ich schreibe die vierte Staffel der „Vorstadtweiber“.

Uli Brée
Der 1964 im deutschen Dinslaken geborene Uli Brée schlug sich nach einer Clown-Ausbildung in Amsterdam und dem Besuch der Schauspielschule Kraus in Wien zunächst mit Gelegen­heitsjobs durch. Mit dem Stück „Männer-Schmerzen“ im Statt-Theater gelang ihm schließlich ein erster großer Erfolg. Heute gilt er als einer der besten und meistbeschäftigten Theater- und Drehbuchautoren im deutschsprachigen Raum, schuf u. a. die „Vorstadtweiber“ für den ORF, schrieb „Vier Frauen und ein Todesfall“ und kreierte die Figur der Bibi Fellner im heimischen „Tatort“. Der Motorrad-Fan hat mehrere Kinder mit verschiedenen Frauen und lebt in Tirol.