KULTUR

Gleichheit schlägt Gerechtigkeit – Philosoph Robert Pfaller im Interview

Wie die populistische Rechte zusammen mit der pseudolinken Mitte gegen die politische Linke kämpft und warum. Darüber schreibt der Philosoph Robert Pfaller in seinem neuen Buch „Erwachsenensprache: Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“.

Interview: Manfred Rebhandl / Fotos: Götz Schrage

Herr Pfaller, was heißt Erwachsensein? Soll man als erwachsener Mensch damit umgehen können, dass man nicht jedes Skirennen gewinnen kann? Stichwort „Widrigkeiten des Erwachsenseins“. Oder hat man wie Donald Trump nicht doch das Recht, auch als Erwachsener mit überhaupt keiner Kränkung oder Zurückweisung umgehen können zu müssen?
Erwachsensein heißt, zwischen unerträglichen Traumata und Dingen, die zum Leben gehören, unterscheiden zu können. Populistische Führerfiguren wie Trump, Berlusconi oder auch Jörg Haider müssen eine Art unversehrter, narzisstischer Vollkommenheit verkörpern für Menschen, die selbst sehr viele Kränkungen und Zurückweisungen erfahren haben. Diese fordern die Unversehrtheit gar nicht für sich selbst, sondern wollen sie nur in ihrem Führer dargestellt sehen – das verschafft ihnen ein Gefühl des Protests gegen die Eliten. Da macht es ihnen offenbar auch wenig aus, dass das Idol oft selbst Teil dieser Eliten ist. Ein paar verbale Entgleisungen des Idols genügen meist, um es als „Mann des Volkes“ erscheinen zu lassen – selbst wenn es in der ökonomischen Politik alles andere ist und tut. Darin besteht die Pseudopolitik der Rechten.


Was kann man dagegen tun?
Wenn die Leute eine ernstzunehmende Alternative haben, wie es zum Beispiel Bernie Sanders im US-Wahlkampf gewesen wäre, lassen sie recht schnell von der trotzigen, narzisstischen Objektwahl ab. Ein Kandidat, der mit den Leuten redet und zeigt, dass er ihr Leid und ihre wirklichen Interessen kennt, und der auch deutlich macht, dass die Lösungen der Probleme nicht immer einfach sind, kann der populistischen Rechten oft sehr schnell ihre karnevaleske Unterstützung aus der Arbeiterklasse entziehen.

Warum kommen Leute wie Sanders trotzdem nicht oder nur schwer an die Macht?
Weil sie vonseiten des „progressiven Neoliberalismus“ – wie die Philosophin Nancy Fraser die hegemoniale Mitte-Links-Ideologie des Westens genannt hat – meist mit den infamsten Vorwürfen bekämpft werden. Die Entstehung einer wirklichen politischen Linken zu verhindern ist das vordringlichste Ziel der pseudolinken Mitte. In diesem Punkt kooperiert sie hervorragend mit der populistischen Rechten, die in diesem Kasperltheater willig die Rolle des Krokodils spielt.

„Erwachsen zu werden ist die einzige Chance der Linken, von der Verliererstraße wegzukommen.“ Foto: (c) Götz Schrage

In der Schule meiner Tochter soll während des Skikurses ein Abschlussrennen stattfinden, bei dem es aber keinen Sieger bzw. keine Siegerin geben soll, weil das all die anderen 300 „verletzen“ könnte. Kann man so erwachsen werden?
Sogar Kinder kann man infantilisieren: indem man ihnen nicht zutraut, mit Niederlagen umzugehen und faire Verlierer zu sein. Wenn man ihnen das aber zu ersparen versucht, frustriert man sie in ihrem Bedürfnis, erwachsen zu werden und dies zu erlernen.

In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich auch eingehend damit, dass jeder nur noch an sich denkt und sich sofort als Opfer sieht, wenn etwas nicht so läuft, wie man es gerne hätte. Ich zum Beispiel habe Schuhgröße 48 und bekomme oft nur schwer Schuhe, was mich sehr verletzt. Soll ich deswegen eine Anlaufstelle gründen?
Ihr amüsantes Beispiel scheint mir recht gut zu zeigen, dass man die wirklichen Probleme der Leute nur schlecht mit Richtlinien und Anlaufstellen lösen kann. Was den Leuten fehlt, sind positive Ressourcen wie aus­reichende Entlohnung, soziale Sicherheit, Zukunftschancen, Zugang zu Bildung, ­Geselligkeit etc. Sie leiden nicht in erster Linie unter negativen Phänomenen wie Verletzbarkeit. Wenn das größte und vorrangigste Problem in Ihrem Leben lediglich die Verletzbarkeit Ihrer Gefühle ist, dann gehören Sie schon zu einer verdammt privilegierten Gruppe. Typisch für Privilegierte ist übrigens auch die Forderung nach repressiven Apparaten wie Anlaufstellen und Polizei. Unterprivilegierte hingegen fordern in der Regel produktive Apparate wie Unterstützungs- und Förderstellen: Suppenküchen, Volkshochschulen, Bildungs-, Pflege- und Sozialarbeit etc.

Ein ewiges Thema ist auch Geschlechtergerechtigkeit mit teils auch anstrengenden Auswüchsen wie genderneutraler Sprache. Gibt es Ihrer Meinung nach aussichts­reiche Bewegungen, die es eventuell doch noch schaffen könnten, aus Amerika, „God’s own country“, doch noch Amerika, „God’s and Goddess’s own country“, zu machen – respektive gibt es Aussicht darauf, aus Gott doch noch eine Frau zu machen?
Geschlechtergerechtigkeit auf Götterebene wird es im Monotheismus niemals geben. Wir Europäer sollten uns darum lieber an unsere Traditionen aus der griechischen und römischen Antike erinnern, als es nicht nur Göttinnen, sondern zum Beispiel auch kindliche, sexuell gierige oder betrunkene Götter gab. Nur sehr kindlich gestimmte Menschen wollen, dass ihre Götter allwissende, allmächtige, unsichtbare Väter sind. Erwachsenere Menschen können auch mit moralisch oder intellektuell weiter unten angesiedelten Göttergestalten sehr gut leben.

Lieber mal für sich alleine in einer Ecke stehen, als ständig den „anderen mit seinem Selbst zu belasten“. Foto: (c) Götz Schrage

Die Bewegung #MeToo kommt aus Amerika, das ja als besonders prüde gilt. Gibt es da Zusammenhänge?
Das scheint mir kein Zufall zu sein, und auch nicht, dass die prominentesten Kritikerinnen dieser Bewegung aus Frankreich kommen. Der in den USA vorherrschende und durch die neoliberale Ideologie verstärkte fanatische Kulturpuritanismus versucht das gesamte „schmutzige Heilige“, das Trinken, das Rauchen, den Sex, die bösen oder anzüglichen Worte etc., aus der Kultur zu eliminieren. Die Französinnen dagegen haben noch einen wohl aus dem Erbe der römischen Antike stammenden Sinn dafür, dass nicht alles an dieser scheinbar schmutzigen Sexualität nur zum Nachteil der Frauen ist; dass es sich vielmehr auch lustvoll und spielerisch zelebrieren lässt, wenn es sich nicht um gewalttätige Übergriffe handelt. Und dass gerade die Beseitigung solcher Kulturelemente auf längere Sicht die Handlungsmöglichkeiten der Frauen noch mehr einschränken wird als die der Männer.

Ein Beispiel?
Wenn die Kollegin schöne Schuhe anhat – sofern sie das überhaupt noch wagt und nicht auf Anraten wohlmeinender Ratgeberinnen grundsätzlich Sportschuhe trägt, um nicht „verwundbar“ zu erscheinen –, so muss man in den USA mittlerweile so tun, als hätte man die Schuhe nicht gesehen. In Frankreich dagegen muss man der Frau ein Kompliment machen für ihre Schuhe. Solche Verpflichtungen gingen in der Antike vor allem von den kindlichen und weiblichen Gottheiten aus. Ich glaube, nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen lebt es sich darum in Frankreich bedeutend angenehmer.

Thema Gleichheit: Werden die vergleichsweise wenigen „Vorzeigeschwarzen“ wie amerikanische Basketballstars oder „Vorzeigefrauen“ wie Kanzlerin Angela ­Merkel von den „Eliten“ instrumentalisiert, um soziale Ungleichheiten zu zementieren bzw. auszubauen? Nach dem Motto: „Du schlecht verdienende Supermarktverkäuferin brauchst gar nicht mehr zu verdienen, bemüh dich halt ein bisserl, dann kannst du auch Bundeskanzlerin werden und mehr verdienen!“
Diese „Repräsentationspolitik“ von marginalisierten Gruppen etwa in Regierungen, im Fernsehen oder auf Diskussionspodien war gut gemeint: Sie sollte den Angehörigen dieser Gruppen zeigen, dass sie es auch zu etwas bringen können. Diese Politik hat aber, glaube ich, mehr geschadet als genützt. Denn sie hat ja die realen Chancenungleichheiten vertuscht, die übrigens in Wirklichkeit viel öfter der Zugehörigkeit zur falschen Klasse ge­schuldet sind als den Faktoren Hautfarbe, ­Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Religion.

Die Grünen vertreten exemplarisch genau diese Themen. Sind sie deswegen unerwachsen? Und sind sie deswegen vielleicht sogar am Verschwinden?
Ich denke, das kann man bei aller Verkürzung so sagen. Die von ihnen praktizierte Prioritätenliste gesellschaftlicher Probleme bildete wohl eine Art weltfremder Spekulationsblase. Sie musste genauso zwangsläufig platzen wie die faulen Papiere während der Bankenkrise.

Sie kritisieren auch immer die EU bzw. die „Ideen“ der EU: Einerseits darf hier dem „Kapital“ keine Beschränkung auferlegt werden, schreiben Sie in Ihrem Buch. Anderseits propagiert die EU immer wieder und sehr offensiv jegliches Ende von „Beschränkung“ oder „Diskriminierung“ von Minderheiten. War das ein Schmäh von Anfang an? Die EU also ein geplanter „failed state“?
Da die EU es nicht fertiggebracht hat, eine gemeinsame Steuer- und Sozialpolitik zu entwickeln, wirken ihre Anti-Diskriminierungs-Richtlinien gelinde gesagt ein wenig oberflächlich. Die Vorstellung, man müsste nur noch ein paar überkommene Vorurteile und Diskriminierungen beseitigen, damit alle Menschen gleichberechtigte Marktteilnehmer werden können, ist die neoliberale Propagandaidee schlechthin. Neben dem sozialpolitischen Versagen der EU gibt es aber auch das außenpolitische sowie das demokratiepolitische Versagen. Die Außenpolitik der EU wird ja dank NATO maßgebend von Staaten mitbestimmt, die nicht der EU angehören.

Philosoph Robert Pfaller sieht einen Zusammenhang zwischen wachsender ökonomischer Ungerechtigkeit und allen politisch korrekten Gleichbehandlungs-
debatten – den drohenden Sieg der Neoliberalen. Foto: (c) Götz Schrage

Der Blick auf die großen sozialen ­Ungleichheiten soll also durch die Ver­lagerung des Blicks auf die kleinen Differenzen getrübt werden?
Genau darin besteht der Trick des „progressiven Neoliberalismus“.

Nun geht es in Ihrem Buch um „erwachsene Sprache“. Im Kunstbetrieb z.B. wird das Wort „Neger“ aus den meisten Publika­tionen verbannt, sogar aus Pippi-Lang-strumpf-Büchern.
Eines ist ja offensichtlich: Es gibt nicht gute Worte und böse. Gerade erwachsenes Sprechen zeichnet sich durch Möglichkeiten der Doppelbödigkeit, der Ironie, des Witzes etc. aus – oder auch durch Zeichen märchenhafter Fiktionalität wie bei Pippi Langstrumpf. Oder fragen wir uns Folgendes: Ist es wirklich besser, wenn die Kinder lesen, dass Hänsel und Gretel nicht die „böse Hexe“, sondern die „alleinerziehende Lebkuchenbäckerin“ in den Ofen stecken und verbrennen?

Sie sehen momentan im wesentlich zwei gesellschaftliche Gruppen: die „Neo­liberalen“ mit ihrer Austeritätspolitik und die Rechten mit ihrer Freude am Zer­stören. Wo sind in diesem Kräftemessen die ­Linken geblieben und gäbe es eine ­Chance für sie, wenn sie „erwachsen“ werden würden?
Ja. Wieder erwachsen zu werden ist die einzige Chance der Linken, um von der Verliererstraße wegzukommen. Und erwachsen werden heißt, nicht mehr auf
den Schmäh hereinzufallen, soziale Benachteiligung als Verletzbarkeit von Gefühlen zu verharmlosen.

Ihr Lieblingsschimpfwort ist wohl „postmodern“?
Es wurde zu wenig erkannt, dass die Postmoderne das kulturelle Programm des Neoliberalismus ist.

„Den anderen nicht mit seinem Selbst belasten.“ Ist das vielleicht Ihr Lieblingssatz überhaupt? Und gehen letztlich alle gesellschaftlichen Probleme darauf zurück, dass jeder es doch tut – den anderen mit seinem Selbst zu belasten?
Diese Formulierung des Soziologen Richard Sennett trifft, glaube ich, ganz gut jene narzisstische Haltung, die im Moment kritische Öffentlichkeiten zerstört. Natürlich ist diese ­Haltung nicht die einzige Ursache für die Misere, in der wir uns befinden. Aber sie ist auf der Ebene des Überbaus der entscheidende Beitrag dazu, dass es nicht mehr gelingt, etwas an der ökonomischen Basis und an den schärfer gewordenen Klassengegensätzen zu verändern. Erwachsenheit – verstanden als die Fähigkeit, seine eigenen Befindlichkeiten ein Stück weit hinter sich zu lassen und auch den jeweils Anderen nicht als „Dieb des Genießens“ wahrzu­nehmen – wäre dafür ein guter Anfang: ein ethisches Programm, mit dem sich ein politischer Raum öffnen lässt.

Sexuell läuft es gerade auch nicht so gut in unseren Gesellschaften. Wir bewegen uns in Richtung Puritanismus der Amerikaner, die alles „Schmutzige“ aus der Öffentlichkeit verdrängt sehen wollen. Eine besonders tragische Rolle nehmen in diesem Zusammenhang die amerikanischen Universitäten ein. Wann wird es bei uns auch so weit sein, dass Geschlechtsverkehr nur noch nach Vertragsunterzeichnung abgewickelt werden darf?
Die Zustände an den US-amerikanischen Universitäten sind besorgniserregend und sollten uns eine Warnung sein. Dort finden unter dem Vorwand sexueller Belästigung offenbar schon regelrechte Hexenjagden statt, denen übrigens oft gerade auch feministische Professorinnen und Studentinnen zum Opfer fallen. Und die wirklichen Probleme wie die üblichen Besäufnisse, „binge drinking“, nach denen Studierende mit anderen im Bett landen, ohne sich erinnern zu können, dies gewollt zu haben, die werden davon nicht einmal berührt. Hoffen wir, dass uns entsprechende Entwicklungen erspart bleiben.

Robert Pfaller
wurde 1962 in Wien geboren. Er ist Professor für Philosophie und unterrichtete u.a. an der Angewandten in Wien und der Kunstuniversität in Linz. Sein großes Thema der letzten Jahre ist die zunehmende Beschneidung von Freiheiten der Bürger und die Bevormundung durch den Staat. So wäre aus dem „Verzicht auf Lust eine Lust am Verzicht geworden“, wie er immer wieder beklagt. Er ist Mitbegründer der Bewegung Mein Veto, die sich zum Beispiel gegen das Rauchverbot wendet. Er publizierte viele Bücher, sein neuestes „Erwachsenensprache“ ist bei Fischer erschienen.