AKUT

Liebe ist Bullshit

Sarah Wetzlmayr

Romantische Liebe ist ein von einer hormonellen Droge getriggerter Fake. Sie kommt betörend aufgemacht daher und ist im Kern hirnlos.

TEXT: MANFRED SAX

Liebe? Hm. Danke der Nachfrage, aber: nein, danke. Bedarf gedeckt. Beim Thema Liebe fällt mir immer jene blonde Miss ein, die mal in die Redaktion kam und verblüffend schlichte Fragen stellte. Sie war auf „wenn du sie nicht überzeugen kannst, verwirre sie“ gestylt und ich nehme an, ich tat ihr den Gefallen. Als sie wieder weg war, blickte mich die Kollegin vom Nebentisch besorgt-empört an und meinte: „Sag mal, geht es dir noch? Die Alte war doch total hirnlos!“ – „Stimmt schon“, sagte ich, „aber welch eine Taille.“ So ähnlich wie mit jener hirnlosen Taille ist es mit der Liebe: Sie kommt betörend aufgemacht daher – und zeigt der Denkstelle den Finger. Das sagt auch die Wissenschaft. Viele der Ingredienzien, die Liebe ausmachen, sagt sie, kommen aus einer Zone des Reptiliengehirns, die Säugetiere schon vor 65 Millionen Jahren animierte, ihren Genpool auf die nächste Generation zu transferieren. Und nichts gegen Animalisches. Aber dafür gibt es ja Sex. Wozu sich auch noch in der Liebe zum Affen machen?


Liebe geht immer schief

Na, zum Beispiel wegen des Entertainments. Bekanntlich setzte Ovid den schelmischen Amor ein, damit die Götter ob der menschlichen Verrücktheit was zu lachen hatten. Dieser Amor befruchtet die Schriftstellerei bis heute. Seit es Literatur gibt, ist Liebe Thema Nummer eins. Natürlich geht Liebe in guter Literatur immer schief. Das muss so sein. Weil Liebe „blind“ ist (Geoffrey Chaucer), ein „aus Seufzerschwaden gemachter Rauch“ (William Shakespeare), eine „Geisteskrankheit“ (Plato). Schon das Wort weist darauf hin. Liebe kommt von „Lubh“ (Sanskrit) und meint eine Sehnsucht. Eine Bedürftigkeit, die so natürlich ist wie Hunger und Durst, wenn auch nicht so einfach zu stillen. Wenn Liebe heute in Depression umschlägt, wird sie wie eine Zwangsstörung behandelt: Diagnose Serotoninmangel, Therapie Prozac.

Liebe ist biologisch programmierte Dummheit

Die klassischen Liebespaare gaben sich Verliebtheit wie einen unwiderstehlichen Befehl zur angewandten Hirnlosigkeit. Ein verliebter Paris entführte Helena, Gattin von König Menelaos, der darüber erst wieder lachen konnte, nach- dem Troja vernichtet war. Shakespeares Othello erwürgt in einem unbegründeten Eifersuchtsanfall seine Desdemona, auf dass „niemand sie besitze, die ich so liebte“ – und verübt dann Selbstmord, was sonst, sie war ja jetzt auch für ihn nicht mehr da. Geht es um Liebe, schützt keine Kultur vor kongenialer Dummheit. In China stellten „Jade-Göttin“ Mulan und Lover Chang Po ihre Liebe über alle Tradition, worauf sie lebendig begraben wurde. In Japan wurde die Kurtisane Abe Sada zum Idol, weil sie ihren Lover Ishida Kichizo zu Tode liebte. In Verona tat eine Julia so, als wäre sie tot, worauf ihr Lover Romeo sich umbrachte – und sie sich dann selbstverständlich auch. Inzwischen, auf der Insel, reichte dem Ritter Lancelot der Anblick eines Kammes mit ein paar darin verfangenen Haarsträhnen der Guinevere, um sich rettungslos in sie zu verlieben und ihrem Gatten Arthur Hörner aufzusetzen. Selten eine gute Idee, wenn so ein Gatte außerdem König ist. Das alles kann passieren, wenn es um Liebe geht. Eine Emotion, die viele kennen, aber wenige genießen. Eine maximal beschränkte Welt, die mit drei Bewohnern bereits gefährlich übervölkert ist. Mal ehrlich: Ist das nicht sagenhaft bescheuert? Man muss kein Wissenschaftler sein, um zum Schluss zu kommen, dass verliebte Paare nicht ganz dicht sind. Tatsächlich aber beschäftigt sich die Wissenschaft gewissenhaft mit diesem „Phänomen“. Was zum Teufel passiert mit unseren Gehirnen, wenn wir uns verlieben? Dr. Helen Fisher, berühmte Anthropologin des Kinsey-Instituts in New York, kam zu diesem Schluss: Liebe ist biologisch programmierte Dummheit.

Der Arsch von nebenan ist plötzlich was besonderes

Überraschung! Laut Fisher spuken drei Hormone im Gehirn der Verliebten. Testosteron macht geil, Dopamin die Sache „romantisch“ und Oxytocin sorgt für Anhänglichkeit. Dieses Trio macht ein aufgeliebtes Gehirn verrückt, und evolutionsbiologisch gesehen – überleben und fortpflanzen – war das selbstverständlich mal sinnvoll. Zwei der drei Ingredienzien sind es noch immer. Testosteron motiviert zum Kindermachen, also zum Überleben der Spezies. Oxytocin sorgt dafür, dass der Mann bei Frau und Kind bleibt. Passt. Bliebe also Dopamin. Der Grund, warum verliebte Paare sind, wie sie sind. Dopamin ist eine Art Verzerrer, der Clark Kent in Superman verwandelt und eine Ente zum Schwan erhöht, wenn auch nur in den Augen der Verliebten. Dopamin ist rosa Brille, es vernichtet die Fähigkeit, rational zu denken, jeder vernünftige Einwand, der gegen die Verliebtheit spräche, wird einfach gelöscht. Verliebte Menschen glauben nur, was sie glauben wollen. Der Arsch von nebenan ist plötzlich was Besonderes und jedenfalls wert, 90 Prozent der Zeit nur an ihn bzw. sie zu denken und einander doofe Sprüche zu texten und süße Ich-hab-dich-ja-sooo-liebs zu flüstern. Das macht verliebte Paare für die Umwelt so sagenhaft langweilig.

Von Megadepression zum Vollrausch und retour

In seiner Essenz ist Dopamin eine hormonelle Droge, die „romantische“ Liebe zum Fake entwertet: Du bist nie in den oder die andere(n) verliebt, wie sie sind, sondern immer nur in das Bild, das du von ihnen hast. Wer braucht so was? Natürlich wird der Drogencharakter des Hormons erst transparent, wenn die Liebe platzt. Dann kommen die Nebenwirkungen, die Energie ist beim Teufel und du kippst von Megadepression zu Vollrausch und retour. Cold Turkey. Also wirklich: Dann schon lieber Kokain-Entzug. Ist viel harmloser. Der eigentliche Verlierer bei diesem hirnlosen Love-you-Spiel ist der Sex. Ein hormonelles Ungleichgewicht – Männer haben weit mehr Testosteron im Blut als Frauen – manifestiert. Mechanismen, die man fast nicht zu erwähnen wagt, weil sie so sehr zum Klischee geronnen sind. Etwa, dass Männer Liebe spenden, um Sex zu kriegen, und umgekehrt. Dass es also einer Liebeserklärung bedarf, um diese „Liebe“ zu konsumieren. Fatal. Drei Worte kommen so verdammt leicht über die Lippen.

Romantische Liebe ist Bullshit

Weil Dopamin nicht nur Dummheit, sondern auch Testosteron triggert, ist es so, dass deklarierte Liebe häufig zu Sex führt, Sex aber nur gelegentlich zu Liebe. Das ist das Vernünftige am Sex, er trennt den Fake von der Substanz. Es macht Sinn, miteinander mal ordentlich horizontal zu kommunizieren, ohne das Treiben durch Liebesgeflüster zu verwässern. Liebe kann warten, am besten bis nach ihrem ersten Orgasmus, der schüttet die Hormone im Einklang mit der Realität und unkorrumpiert von blinder Liebe aus. Romantische Liebe ist Bullshit, sie ist bedürftig und egoistisch und wartungsintensiv und Hirngespinst. Sie stellt Bedingungen an den oder die Geliebte(n), hat also mit der sogenannten „wahren“, bedingungslosen Liebe nichts gemein. Wenn du wahre Liebe willst, kauf dir einen Hund. Der hat das drauf.

Illustration: Stefanie Sargnagel