AKUT

Geisterbuchstaben

Sarah Wetzlmayr

Von den Zeichen der Zeit bleiben nicht nur unsere Gesichter nicht verschont, auch die Hauswände vieler Wiener Geschäftslokale tragen sie mit Stolz – wie bald ein spannender Bildband verraten wird.

von Sarah Wetzlmayr

Sonne und Dreck hinterlassen Spuren. Nicht nur in unseren Gesichtern und unter unseren Fingernägeln, sondern auch an den Hauswänden von Geschäftslokalen, denn dort wo vormals Plastikbuchstaben an oder direkt vor den Wänden der Geschäftslokale prangten, bleiben – gut vor Umwelteinflüssen geschützt – farblich abgehobene Schriftzüge zurück. Philosophisch gesehen, eine herausragende Illustration dessen, dass in jedem scheinbaren Neubeginn immer auch noch einzelne Puzzleteile der Vergangenheit stecken. Oder so. Oder eben Schriftzüge, die oft jahrelang nach Geschäftsauflassung noch verraten was es hier früher einmal zu kaufen gab.


„Sie sind flüchtige Zeitzeugen, ständig von Demontage und Übermalung bedroht: Ghostletter entstehen überall da, wo Schriftzüge von Portalen demontiert werden und ihre Spuren hinterlassen. Viele von ihnen sind noch jahrelang, einige sogar jahrzehntelang im öffentlichen Raum sichtbar. Durch sich rasant verändernde Beschriftungsmethoden werden Ghostletter in ein paar Jahren aber wohl ganz aus dem Stadtbild verschwunden sein. Wir wollen dieser aussterbenden Spezies das europaweit erste Buch widmen.“

Sie sind Teil der Typographie der Stadt – die „Ghostletters“, wie sie der Wiener Grafiker Tom Koch benannt hat – angelehnt an den Begriff „Ghostsigns“, der im amerikanischen Raum schon weit verbreitet ist und eine relativ große Community um sich scharen konnte. Gemeinsam mit den beiden Fotografen Daniel Gerersdorfer und Paul Schleicher und dem Wien Museum, auf deren Facebook-Page dazu aufgerufen wurde in Wien gesichtete Ghostletters zu fotografieren und einzuschicken entstand die Idee zu diesem Projekt. An die 600 Einsendungen kamen, von denen dann 120 ausgewählt und nochmals fotografiert wurden. Um die Ghostletters vor möglicher Übermalung und dadurch ihrem endgültigen Verschwinden aus dem Wiener Stadtbild zu bewahren, soll im Oktober auch ein Buch dazu erscheinen, das über eine Crowdfunding-Plattform bereits ausfinanziert wurde. Es geht dabei aber nicht nur um die Schriftzüge an sich, sondern auch um die Geschichten dahinter und die Menschen die diese erzählen – und von denen die Buchstaben an den Wänden schlussendlich nur einfache Abdrücke sind. 

Fotos © Daniel Gerersdorfer, Paul Schleicher