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Stermann: Die Fäulnis

Ich stelle mir vor, dass sie in Wahrheit nur zu zweit oder dritt sind. Vielmehr hoffe ich das. Im gesamten deutschsprachigen Facebookland. Sie geben sich verschiedene Nicknames, sodass sie mehr scheinen. Als gäbe es Hunderte, Tausende von ihnen. Aber sie sind an einer Bierbestellenden FPÖ-Hand abzuzählen. Sie fristen eine traurige Existenz. Ihr Ikea-Regal bricht mehrmals täglich zusammen, ihre Freundin hat Mundgeruch, sie selbst werden beim Arzt nie aufgerufen, weil sie so unscheinbar sind. Ihre Freundin sagt ihnen, dass sie aus dem Maul stinken. Ja, spinnt die Alte? Stinkt selber aus dem Hals wie tausend Teufels-fürze und sagt so was? Der Abszess am Gaumen ist aufgeplatzt, eitrige Suppe kommt raus, und das nur, weil man beim Arzt wieder stundenlang saß und von der Sprechstundenhilfefut ignoriert wurde, weil man scheinbar aussieht wie nichts, wie Luft, wie niemand. Vielleicht hat man eine Arbeit, vielleicht auch nicht, was man tut, ist so sinnlos, dass man es nicht mehr unterscheiden kann. Man arbeitet acht Stunden -irgendwas, was schon ein zurückgebliebener Dreijähriger nach vier Stunden geschafft hätte, und wird deshalb auch etwa so bezahlt wie ein zurückgebliebener Dreijähriger. Man hält sich für belesen, weil man in der U-Bahn täglich die Gratiszeitung liest, und die Lieblingsseiten im Netz heißen www.Hass.de oder www.Hass.at.

Obwohl man Hunde mag, wurde man in der Früh von einem Pudel mit einem Baum verwechselt. Drecksköter. Vögel scheißen einem auf den Kopf, der ohnehin schon rissig ist. Kopfhaut wie aus einem Dermatologenhandbuch. Die Bilder auf den Zigarettenpackungen sehen auch nicht anders aus als ein Blick in den Spiegel. Man ist zu wenig. Erwartet mehr. Keine Frau lacht einen an, manche aus. Die meisten schauen weg, durch einen hindurch. Das hat man sich anders vorgestellt. Man hielt sich für etwas Besonderes. Jeder Mensch tut das. Nur bei den zwei, drei Hasspostern will es irgendwie nicht funktionieren, da ist ein Gap zwischen Eigenwahrnehmung und Außenwirkung. Da könnte man aus der Haut fahren, die pergamentig und teigig wirkt, und auch schon hasszerfressen.

Die Wohnung ist scheiße, aber zu teuer. Die Fenster kann man nicht weit genug aufreißen, als dass die Fäulnis aus dem Mund der Freundin rauswehen könnte. Den eigenen Abszess riecht man schon gar nicht mehr. Den Mund öffnet man daheim nur noch zum Biertrinken. Wenn man sich die Freundin genauer ansieht, wirkt sie wie eine Deixfigur. Und die regt sich auf? Sein Atem ist vergleichsweise lavendelhaft, findet er. Er kommt ganz einfach zu kurz, und das schon lang. Schon seine Mutter, so erzählte man es sich in der Familie, hatte ihn bei der Geburt beim ersten Anblick wieder zurückschieben wollen. Aber die Ärzte hatten ihn schon gesehen.

„Ein hässliches Kind, aber ein Kind“, hatte die Hebamme bei der Geburt gesagt, nicht ahnend, dass er Jahre später der König der Hassposter würde. Er und die anderen ein, zwei Poster. Mehr kann es nicht geben, da bin ich mir sicher. Das wäre auch zu tragisch. Das will man sich nicht ausmalen, dass es mehr von dieser Sorte gibt. Was für eine tragische Welt wäre das. Hassposter nähren ihre inneren Monster, weil sie nichts kennen, das sie mögen könnten. Ihre geistigen Springerstiefel sehnen sich nach Liebe, aber ihre Finger tippen mühsam Hass in die Tastatur, die verklebt ist von eifrigem Yougeporne.

Kann man diese armen Kreaturen in die Gesellschaft zurückholen? Vielleicht. Aber wozu? Man kann sie ja auch dort lassen. In ihrer Welt. Die trauriger ist als ein Charles-Dickens-Roman. Nur schlechter geschrieben. Und keinen Verleger findet außer Facebook. Aber wie steht es schon auf dem Leinensackerl, das ich von meiner Buchhändlerin geschenkt bekommen habe: „Facebook is not Franz Kafka!“

Vielleicht könnten sich die zwei, drei Hassposter ja einmal in der analogen Welt treffen. Von fadem Antlitz zu fadem Antlitz. Und sich im jeweils anderen erkennen. Und erschüttert zu Boden blicken.Kolumniert seit Jahren im WIENER, heißt wöchentlich Österreich willkommen und ist erfolgreicher Autor.