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Schiache Frau – Dirk Stermanns Kolumne im WIENER W429

Dirk Stermanns kleiner Sohn verhält sich in seinem Kinder-Alltag wie ein zukünftiger Wiener Bürgermeister. Bis er bei einem Wirtshausbesuch eine Frau beleidigte.

Mein Sohn ist freundlich und hat ein sonniges Gemüt. Normalerweise glaubt man sich neben ihm auf der Straße in einem Bürgermeisterwahlkampf. Er grüßt die Leute im Bezirk mit einem Hallo, Servus oder Pfiat di. In 16 Jahren ist er volljährig und man kann nicht früh genug mit dem Wahlkampf beginnen. Da werden sich alte Säcke wie Sebastian Kurz warm anziehen müssen, wenn mein Sohn einmal im wählbaren Alter ist.

Umso überraschter war ich, als ich mit ihm im 2. Bezirk in einem Gasthaus saß. Es war ein lauer Abend, er aß begeistert sein Riesenwürstel (auch volksnah) und trank dazu sein gutes Wiener Hochquellwasser. Keinen weißen Spritzer, aber das wird er noch lernen. ­Niemand wird Bürgermeister ohne Spritzerstandfestigkeit. Das werde ich ihm noch erklären müssen. Wasser hat so was Sebastian-Kurziges.

Er tunkte sein Riesenwürstel in den Senf, hatte dann mehr Senf auf den Fingern als auf der Wurst und starrte eine Frau am Nebentisch an. Er ließ sie nicht aus den Augen. Die Frau sah eigentlich sehr sympathisch aus und lächelte freundlich zurück. Vielleicht ahnte sie schon, dass da der kommende Burgermasta saß. Mein Sohn aber lächelte nicht zurück, sondern starrte sie an, wie er Menschen anstarrt, die ihm seinen Bagger wegnehmen.

„Mein Sohn starrte sie an, wie er Menschen anstarrt, die ihm seinen Bagger wegnehmen.“

„Hab ich ein Eichhörnchen im Haar oder warum schaust du so?“, fragte die Frau, die um die vierzig war. Mein Sohn starrte sie weiter schweigend an. Plötzlich rief er, so laut, dass jeder im Gastgarten ihn hören konnte: „Schiache Frau!“

Die Frau lächelte gequält zurück. Ungefähr so, wie HC Strache ­geschaut haben mag, als Michael Köhlmeier ihm anbot, bei der Entnazifizierung seiner Gesinnungs­gemeinschaft behilflich zu sein. Mehrere Gastgartenbesucher ­schauten zu der Frau. Sie wollten sehen, ob mein Sohn recht hatte mit seiner Einschätzung. War diese Frau tatsächlich so schiach, wie sie der zukünftige Bürgermeister empfand?

Mir, der ich ja seit 30 Jahren immer noch Gast in diesem Land und dieser Stadt bin, war die Situation sehr unangenehm. „Nein, die Frau ist nicht schiach“, sagte ich, laut genug, dass die Frau mich hören konnte. „Doch, schiache Frau“, rief er wieder und ich versuchte, ihn abzulenken. „Schau, da vorne ist eine Baustelle! Mit einem Bagger und einem Kran!“ Er liebt Baustellen, Bagger und Kräne. Aber er hatte weiterhin nur Augen für die Frau. „Schiache Frau“, sagte er, noch lauter als zuvor. Ich zuckte mit den Schultern und wandte mich entschuldigend an die Frau, die ein frühlingshaftes Kostüm trug. „Er meint es nicht so. Er mag gerade das Wort schiach gern und deshalb sagt er es“, erklärte ich ihr.

„Nein. Wirklich schiache Frau“, sagte er energisch. „Kindermund tut Wahrheit kund“, rief ein älterer Mann, der aussah wie Bruno Bettelheim, es aber nicht sein konnte, weil Bruno Bettelheim sich schon vor drei Jahrzehnten das Leben genommen hat. Bettelheim war Psychoanalytiker und Kinderpsychologe.

„Aber es ist ja nicht die Wahrheit. Die Dame ist ja sehr apart“, antwortete ich dem Bettelheim-Doppelgänger. „Nein, schiache Frau“, wiederholte mein Sohn, der aus seinem Bürgermeisterwahlkampf komplett ausgestiegen war. „Wieso sagen Sie, die Dame ist apart? Wie sexistisch ist das denn? Würden Sie das auch zu einem Mann sagen? Der Mann ist sehr apart?“ Eine jüngere Frau mit einer kleinen Tochter schaute mich wütend an.

„Das weiß ich nicht. Vielleicht würde ich auch einen Mann als apart bezeichnen“, antwortete ich. „Nein. Das würden Sie nicht sagen. Und ihr kleiner Sohn beurteilt Frauen auch schon nach rein äußeren Kriterien. Nur weil die Frau schiach ist, sagt ihr Sohn das.“

„Die Dame ist doch gar nicht ­schiach“, warf ich ein.
„Doch. Schiache Frau“, sagte mein Sohn.
„Nein, sie ist hübsch“, verteidigte ich die Frau, in deren Haar ich mir jetzt wirklich ein Eichhörnchen wünschte, damit diese dämliche Diskussion ein Ende finden konnte. Die von meinem Sohn beleidigte Frau stand entnervt auf und stieß beim Verlassen des Lokals an den Tisch der Frau mit der Tochter. Ein Glas fiel um, die süße Limonade ergoss sich über Mutter und Tochter.
„Schiache Frau“, sagte die Tochter, die sich im Alter meines Sohnes befand. Beide Kinder strahlten sich an.

Foto: © Udo Leitner