KULTUR

Manfred Rebhandl

Manfred Rebhandl geht ins Theater

Auf dem Weg ins Theater kommt Rebhandl noch am Café Hummel vorbei, wo er früher nie vorbeiging, ohne einzukehren und gut gelaunt wieder rauszugehen.

Text: Fred Mann

Dort trifft er den ehemaligen Kellner seines Vertrauens, Peter, den er noch glatzköpfig in Erinnerung hat, ein überaus netter Mensch und kompetenter Gastromitarbeiter, außerdem Fan seiner Bücher, vor allem der Superschnüffler hat es ihm angetan: „A Wauhnsinn!“

Überraschend für Rebhandl trägt Peter an diesem Abend eine Halbmatte auf seinem Schädel, bis zu den Schultern und in der Mitte gescheitelt: „Wie früher!“, sagt Peter, der eine Vergangenheit als Rock´n´Roller hat. „Steht dir gut!“, sagt Rebhandl, „Ehrlich!“

Auch die Lesebrille, die Peter mittlerweile trägt, geniert ihn nicht, Rebhandl und Peter sehen dem Altern entspannt entgegen: „Ich muss aufs Klo“, sagt der eine, „Ich auch“ der andere, „Bitte, nach dir“, sagen beide.

Neben ihm stehend, erzählt Peter Rebhandl, dass er ihn, Rebhandl, neulich auf ORF III gesehen hätte, in der Sendung erLesen. „Du schaust ORF III?“, fragt Rebhandl, während sie beide abtropfen. Dies speist nun seine Hoffnung, dass auf der Welt doch noch nicht alles verloren sei. Man verabschiedet sich mit herzlichem Händedruck, selbstverständlich, nachdem man sie zuvor gewaschen hat.

„Hm? Wo ist das nochmal?“, fragt Rebhandl dann auf der Straße, er war noch nie im Theater in der Josefstadt. Endlich findet er die Bude, wo eine Ansammlung alter Menschen in Lodenmänteln einerseits und Pelzmänteln ihm den Weg weist. „Ich habe reserviert“, sagt er an der Kassa, man fragt ihn nach seinem Namen, und er antwortet spaßeshalber: „Turrini. Peter Turrini.“ Aber der Dame sagt dieser Name rein gar nichts, jedoch sagt ihr auch „Rebhandl, Manfred Rebhandl“ nichts. Er bezahlt widerwillig 13 Euro und orientiert sich erst mal, „Aha“, sagt er, „Parkett rechts, Parkett links“. Und ich frage ihn: „Reden Sie öfter mit sich selbst, oder mit wem reden Sie eigentlich?“

Überrascht zeigt sich Rebhandl über das hohe Aufkommen blinder Menschen, die an diesem Abend ins Theater strömen. „Wie wollen die überhaupt was sehen?“, fragt er sich und mich, „wenn sie blind sind? Verdammt! Das Leben hört nie auf, einem interessante Fragen zu stellen!“

Er gibt seinen Mantel ab, was ihn 1,30 kostet, die er auf 1,50 rundet, das Weinderl an der Bar kostet 3,10, die er auf 3,50 rundet. „Da gehen sich heute keine Sacherwürstel mehr aus!“, sagt er angefressen. „Echt nicht ganz billig, so ein Theaterabend! Das heißt dann wieder: Eine Woche nur Nudeln!“

Rebhandl langweilt sich bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Show, er stellt sich zu einer Büste von Fritz Muliar, den er Zeit seines Lebens gehasst hat, und macht Faxen. Dann stellt er sich zu einer von Hans Moser, den er auch gehasst hat, und sagt. „Ich war immer Dick und Doof Fan. Österreichische Comedy der 50er und 60er Jahre hat mich nie interessiert. Da lieber Heinz Erhard, Wörthersee und so. Und heute natürlich Eddy Lizzard.“
„Florian Scheuba?“, frage ich.
„In den Kübel!“, sagt Rebhandl.

 

Der Blick auf das Programm stimmt ihn endlich ein wenig heiter: „Nur zwei Stunden!“ Er hat nämlich gehört, dass es Theaterstücke auch im 12 Stunden-Bereich gibt, „Peter Stein und so, you know.“ Zwei Stunden aber halte er mit seinen reißenden Füßen locker aus. Man gibt Anatol von Schnitzler, ein gutes, abgehangenen Fin de Sicle-Filet, auch wenn Rebhandl zunächst dachte, man gäbe Liliom.

„Na, scheißegal!“, sagt er, und geht in den Saal. Das Ehepaar, das vor ihm in Parkett Reihe Nummer 1 rechts Platz nehmen möchte, hat überhaupt Karten für die Kammerspiele mitgebracht, La Cage aux Folles. Also noch weniger Ahnung von Theater als Rebhandl. „Das wird eine geile Ehekrise!“, freut er sich diebisch, als die Gattin den allzublöden Gatten, der nicht mal das richtige Theater findet, mit Eiseskälte ersucht, sich doch zu „sputen!“ „Wie will er an ihr die Knöpfe finden, die sie glücklich machen?“, fragt sich Rebhandl, „wenn er nicht mal das richtige Theater findet!“

Das Lachen vergeht ihm aber, als er feststellen muss, dass ihm auf seinem von Visa Austria gesponserten Platz eine tragende Säule die Sicht versperrt. „Frechheit!“, schimpft er. „Gott sei Dank habe ich Mastercard!“

Der Vorhang geht in die Höhe, und Rebhandl ist nahe dran, alle, die noch nicht ihr Handy ausgeschaltet haben, anzuspringen. Nichts hasst Rebhandl mehr, als aufgedrehte Smartphones im Kino oder im Theater. Er zischt ein paar Mal deutlich, und dann herrscht Finsternis. Aber nicht vollkommene Stille, denn die Blinden bekommen das Geschehen auf der Bühne in ihre Ohren hinein geschildert, und zwar so laut, dass es alle hören können: „Der Vorhang geht hoch!“

Als dies der Fall ist, nickt Rebhandl zufrieden. Und als er den Anatol auf der Bühne sitzen sieht, einen alten Sack zusammen mit seinem Freund Max, der ein noch älterer Sack ist, entspannt er sich kurz. Er wird aber sofort wieder unruhig, als die beiden minutenlang nichts miteinander reden, obwohl der Max doch die Synchronstimme vom Ben Kingsley ist. „Verdammtes Regietheater!“, schimpft er.

Dann kommt aber die erste scharfe Maus (Fritzi!) aus einer Tür rechts der Bühne heraus gehüpft, und plötzlich liebt Rebhandl das Regietheater, seine Laune bessert sich schlagartig, als sie den Anatol anspringt wie eine Hüpfburg. Rebhandl überlegt laut, welcher Unterwäschehersteller diese Aufführung wohl gesponsert haben könnte: „Palmers? Triumph? Triumph eher nicht, zu geil das ganze!“

In der Folge verbringt Rebhandl viel Zeit damit, die auftretenden Damen auf einem eigens herausgeholten Zettel mit Punkten zu bewerten, seine Gewinnerinnen lauten am Ende: Bianca („Reite mich! Gib mir die Sporen!“) – „Sehr, sehr geil!“ Und Cora und Fritzi – „Auch sehr geil! Alle eine glatte Zehn!“

Ein wenig aber, sagt er in der Pause, als er sich doch Sacherwürstel kauft, fehle ihm in der ganzen Vorstellung vollkommen der „Charme der Vorstadt“, den er doch so sehnsüchtig erwartet hätte, käme er doch selbst aus der Vorstadt und liebe er diese über alle Maßen. Und je mehr er darüber nachdenkt, wo in diesem Stück eigentlich die Vorstadt geblieben sei und ihr „Charme“, desto mehr fehlt sie ihm.

„Geile Mädels kann ich mir im Internet auch anschauen“, beklagt er sich, „Und Unterwäschemodels sowieso! Im Theater aber, Herrgott, da will ich doch etwas anderes sehen! Da möchte ich Gefühle, da möchte ich Dramen, da möchte ich ….verdammtnochmal, da möchte ich Weinen!“

Weinen kann Rebhandl aber nicht einmal, als die „Diva“ Jonannson am Ende des zweiten Aktes – in dem er von der unfaßbar gut aussehenden, unfassbar langbeinigen, unfassbar blonden Lady im roten Kleid vor ihm abgelenkt ist – als Gabriele die berühmten „Sag deinem süßen Mädel…“-Worte spricht. „Vollkommen blutleer!“, schüttelt es Rebhandl vor Kälte beim Hinausgehen, „und die Tantiemen, die sich der Turrini für die Bearbeitung einsteckt, die sollte man ihm auf jeden Fall streichen!“

„Vor allem aber: Den Anatol hätten sie mich spielen lassen sollen! Und wenn schon nicht mich, dann den Peter!