KULTUR

Die bipolaren Toten – über den Tod der Cranberries-Sängerin Dolores O’Riordan

Liebe machen, Liebe brechen – fühlt sich alles gleich an. Sang einst Jimi Hendrix. Er hatte sie. Ebenso wie Curt Cobain, Ernest Hemingway, Winston Churchill, Carrie Fisher – und die nun „unerklärlich“ verstorbene Cranberries-Sängerin Dolores O’Riordan. Bipolare Störung ist ein Hund.

Text: Manfred Sax

Man nannte den Zustand mal manisch-depressiv. Jimi Hendrix widmete ihm sogar ein Lied, nicht dass er ihn sonderlich schätzte, „manische Depression ist ein frustrierendes Chaos“, sang er. Du kannst ganz oben auf 100 sein und geradezu euphorisch, aber der nächste Nullpunkt, das schwarze Loch der Depression, kommt bestimmt. Du kannst in den Spiegel schauen, ohne dein Gegenüber zu erkennen. Die wissenschaftlich sicher fundierte Umtaufe auf „bipolare Störung“ änderte da wenig, zumal im Kapitel „Ursachen“ immer noch Begriffe wie „individuell verschieden“ und „unklar“ dominieren.


Manche Menschen verwandeln die Störung in einen Erfolg. Carrie Fisher, unter anderen Identitäten auch eine Star Wars-Prinzessin, mit 24 als bipolar gestört diagnostiziert, schrieb nach einer überlebten Überdosis ihren sinnlich-absurden Bestseller ”Postcards from the Edge“, aus dem auch ein Film-Vehikel für Meryl Streep wurde. Andere Künstler, wie Beach Boys-Mastermind Brian Wilson, hinterließ die Störung Jahrzehnte lang kreativ gelähmt. Ernest Hemingway, lange zwischen Genie und Wahnsinn jonglierend, gab sich die Kugel, als das Genie nur noch sporadisch flackerte. Und Kurt Cobain wartete gar nicht erst lange. Bipolare Störung ist ein Hund.

Als Dolores O`Riordans Stimme erstmals ihre Runde durch die Radiostationen der Welt machte, gab es ein globales Aufhorchen. Da war es wieder, dieses nicht zu imitierende, wehklagend weiblich Irische. Das Lied hieß ”Linger“ und handelte von der enttäuschten Liebe eines weiblichen Teenagers. Der Zeitpunkt – die frühen 90er Jahre – war perfekt, die bisherige Inhaberin dieser „Stimme Irlands“, Sinead ”Nothing Compares to You“ O’Connor, gerade Unperson geworden, weil sie öffentlich das Bild des Papstes zerrissen hatte. Mit Sinead, übrigens auch mit bipolarer Störung bedient, war kein irischer Staat mehr zu machen. Aber jetzt gab es Dolores. Deren Persönlichkeit sich im Handumdrehen verwandelte, wie ihr damaliger Produzent Stephen Street dem Rolling Stone flüsterte: „Beim Probesingen ein nervöses Mauerblümchen, auf der Bühne plötzlich ein hitzköpfiger Star. Die Transformation war unglaublich.“

Heute, ein Vierteljahrhundert und 40 Millionen Tonträger später, regnet es Würdigungen und Nachrufe. Ms O’Riordan wurde gestern früh in einem Londoner Hotel unweit des Hyde Parks tot aufgefunden, Todesursache ungeklärt, und rätselhaft sowieso. Ein Star, die Stimme Irlands, eine der reichsten Frauen des Landes. Es ging ihr doch gut, oder? Sie war in der jüngeren Vergangenheit in Vergessenheit geraten, man erinnerte kaum noch, dass vor drei Jahren, als sie im Scheidungsstress war, ihre Bipolarität einen robusten Auftritt hatte, sie im Flugzeug einer Stewardess den Fuß brach und einen Polizisten per Kopfstoß flachlegte. Seit gestern weiß man, dass sie in London war, um das Remake ihres Cranberries-Hits ”Zombie“ durch eine Band namens Bad Wolves mit ihrer Stimme zu veredeln. Aber diese unnachahmbar irische Stimme wird nie wieder singen.

Foto – Header: (c) Alterna2 / CC by 2.0