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Es geht voran – Status quo der Rückenmarksforschung & Wings For Life World Run

Am 5. Mai sind Hunderttausende Menschen weltweit auf den Beinen, um für einen guten Zweck zu laufen: Mit den Jahren formierte sich der Wings for Life World Run zu einer globalen Bewegung, bei der jeder Einzelne für die Rückenmarksforschung spendet und dazu beiträgt, dass Querschnittsverletzte wieder aufrecht im Leben stehen und sogar einige Schritte gehen können. Geförderte Projekte wie die revolutionäre STIMO-Studie und weitere Studien wurden durch Wings for Life bereits erfolgreich auf den Weg gebracht. Ein Status quo.

Text: Anneliese Ringhofer

Beste Stimmung liegt in der Luft. Läufer und Rollstuhlfahrer versammeln sich und starten aus­gehend vom Rathausplatz ihre Runde durch Wien. Es ist punkt 13 Uhr. Zum exakt selben Zeitpunkt fällt der Startschuss in Rio de Janeiro, Melbourne, Pretoria sowie Taichung in Taiwan und in vielen anderen Städten und Orten auf der ganzen Welt. Manche sprinten via App individuell oder in Gruppen los und queren die Landschaft ihres Vertrauens auf eigene Faust. Egal, wo gelaufen wird, alle verfolgen das gleiche Ziel: laufen für die, die es selbst nicht können. Und wer es kann, „entläuft“ dem Catcher Car so lange wie möglich. Dreißig Mi­nuten nach dem Start nimmt das Auto die Verfolgung auf und stellt somit eine rollende Ziellinie dar. Es ist ein einzigartiges Konzept, bei dem es keine vorgegebene Streckenlänge gibt. Die bei herkömmlichen Marathonläufen schnellen Finisher bleiben länger im Rennen, jene, die es gemütlicher angehen, sind kürzer dabei. So viel ist sicher: Das Ziel erreicht garantiert jeder. „Wer schon einmal mitgelaufen ist, weiß, dass es ein emotionaler Event ist, der anders ist als andere Lauf-Wettbewerbe. Weltweit stehen die Rollifahrer im Mittelpunkt, das spürt man auch“, erzählt Anita Gerhardter, CEO der Wings-for-Life-Stiftung und maßgeblich an der ­Entwicklung und Umsetzung des Wings for Life World Run beteiligt.


Bahnbrechende Rückenmarks­forschung unterstützt durch den Wings for Life World Run, der weltweit stattfindet. Foto: (c) Christopher Kelemen for Wings for Life World Run

Wings-for-Life-Initiator Heinz Kinigadner und Sohn Hannes mit Anita Gerhardter (CEO WfL) und Leichtathletiklegende Colin Jackson. Foto: (c) Joerg Mitter for Wings for Life World Run

Mit den Jahren wuchs diese weltweit einmalige Lauf-Veranstaltung, die am 5. Mai bereits zum sechsten Mal stattfindet, zu einer globalen Bewegung heran, denn der Zweck des Wings for ­Life World Run ist für viele – so auch für Anita Gerhardter – ­eine Herzensangelegenheit: Querschnittslähmung eines Tages heilbar zu machen. Aus diesem Grund fließen die Startgelder zu 100 Prozent in die Rückenmarksforschung. Das motiviert jährlich Hunderttausende Menschen, darunter mehr als 10.000 Österreicher, dazu, in die Laufschuhe zu schlüpfen und sich durch die körperliche Betätigung nicht nur selbst etwas Gutes zu tun. Denn es lohnt jeder Schritt, in vergangenen Jahren wurden so bereits 23,6 Millionen Euro gesammelt. Die Spendengelder gehen direkt in die gemeinnützige Stiftung Wings for Life, die seit der Gründung 2004 bereits 191 Forschungsprojekte unterstützte, teils mehrere Jahre und Projektphasen.

Beim Wings for Life World Run (hier 2018 in Wien) nehmen auch viele Rolli-Fahrer teil. Foto: (c) Matthias Heschl for Wings for Life World Run

Wie deprimiert Patienten mit der Diagnose Querschnittslähmung anfangs sind und wie es dabei auch den Angehörigen und Freunden die Füße unter dem Boden wegzieht, weiß Gerhardter aus ihrem privaten Umfeld. Hannes Kinigadner verunfallte 2003 bei einem Benefiz-Motocross­rennen und sitzt seitdem im Rollstuhl. Daraufhin luden sein Vater und Motocross-Legende Heinz Kinigadner und Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz weltweit führende Rückenmarksforscher nach Salzburg ein und erfuhren, dass es Hoffnung gibt für Hannes und alle anderen Querschnittspatienten. Ein Jahr später gründeten sie die gemeinnützige Stiftung für Rückenmarksforschung Wings for Life, mit der ein jahrzehntelanger „klassisch unterförderter Forschungsbereich“ (Gerhardter) unterstützt wird. Es formierte sich ein Team aus den weltbesten Experten verschiedener Gebiete: der Stammzellforschung, Molekularbiologie, Traumatologie, Neurochirurgie uvm. Wissenschaftlicher Direktor der Stiftung ist der doppelpromovierte Arzt und Neurobiologe Dr. Dr. Jan Schwab, er war von Beginn an maßgeblich am Aufbau der Stiftung beteiligt. Ausgewählt werden die Forschungsprojekte in mehreren Schritten von einem internen Beratergremium und von externen Gutachtern. Gefördert werden: Grundlagenprojekte im Labor, präklinische Projekte und klinische Studien am Menschen. Die geförderten Wissenschaftler arbeiten an renommierten Instituten wie der Harvard Medical School in den USA, der Cambridge University in Großbritannien, am ­Karolinska-Institut in Schweden, an der Charité in Berlin oder auch an der Universität Wien.

Wolfgang Illek (re.), Leiter Fundraising, mit dem wissenschaftlichen Direktor der Wings-for-Life-Stiftung Prof. Dr. Dr. Jan Schwab, einem der weltweit renommiertesten Spezia­listen auf dem Gebiet der Neuroregeneration. Foto: (c) Wings for Life

„Innerhalb der Neurologie liegt das Hauptaugenmerk auf dem Gehirn. Das Rückenmark spielte lange eine Nebenrolle und stellt jetzt so was wie the last frontier der modernen Biomedizin dar“, erklärt Professor Schwab, der weltweit zu den renommiertesten Spezialisten auf diesem Gebiet zählt, seit dem Jahr 2000 in dem Bereich forscht, und seit 2014 an der Ohio State University (USA) einen Lehrstuhl innehat. Die neurologischen Grundlagen kurz erklärt: Gehirn und Rückenmark bilden das zentrale Nervensystem. Wird das Rückenmark verletzt, kann das Gehirn mit dem Körper nicht mehr hinreichend kommunizieren. Werden bei einer Rückenmarksverletzung motorische Nervenfasern beeinträchtigt, kommt es zu einer Muskellähmung. Die Zerstörung sensibler Nervenfasern verursacht dagegen den Verlust von Empfindungen wie Berührungen, Druck, Schmerz und Temperatur.

Dass verletzte Nervenzellen im Rückenmark nach bestimmten Behandlungen zur Regeneration fähig sind, haben Studien ab den 1980er-Jahren gezeigt. Pionier­arbeit leistete hier Professor Dr. Sam David. Mit den Jahren entdeckte man, dass Nervenfasern, wenn sie eine wachstumsfördernde Umgebung haben, tatsächlich wieder wachsen können. Professor Schwab erklärt uns im Interview, wie das funktionieren kann: „Im Gehirn und Rückenmark bildet Myelin eine Art Isolierschicht der Nervenfasern. Es ist angereichert mit Proteinen, die sich beeinflussen lassen, damit ein beschränktes Ausmaß an Nervenfaserwachstum wieder möglich wird.“ Federführend bei diesem Ansatz ist seit den 1990er-Jahren der Schweizer Prof. Dr. Martin Schwab. „Er setzt Antikörper gegen das von ihm benannte Nogo-Protein ein. Diese Studie befindet sich mit einem großen klinischen Konsortium in der Phase-II-Prüfung. Das Zeitfenster hierfür ist relativ früh, ­also drei bis vier Wochen nach einer Rückenmarksverletzung wird dieser wachstumsfördernde Antikörper gegeben“, erläutert sein deutscher Namenskollege Prof. Jan Schwab. Analog dazu gibt es eine ähnliche klinische Studie von Dr. Stephen Strittmatter an der Yale University (USA), die unterstützt durch Wings for Life zurzeit an chronischen Querschnittspatienten startet.

Weitere Übeltäter, die Nervenfasern daran hindern, nachwachsen zu können, sind direkt an der Verletzungsstelle, der Narbe, zu finden: repulsive, also wachstumsfeindliche Moleküle. Diese Entdeckungen stellten in den 90er-Jahren bereits wichtige Meilensteine in der Rückenmarksforschung dar. Der Neurobiologe Professor Zhigang He aus Boston hat 20 Jahre später herausgefunden, dass es nicht nur die Umgebung ist, die Wachsen oder Nichtwachsen der Nerven beeinflusst, sondern auch die Aktivität einer Nervenfaser. „Diese sogenannte intrinsische Regenerationskapazität ist eine Art Regler, wie aktiv die Nervenfaser selbst ist, um überhaupt auswachsen zu können“, so Professor Schwab. Einige Jahre später, um 2010, kamen die ersten zellulären Therapien auf, die noch nicht klinisch umsetzbar sind, aber zumindest zeigen, dass man Zellen zu neuronenähnlichen Strukturen transdifferenzieren und diese ins Rückenmark transplantieren kann.

Neue Hoffnung für Querschnittsgelähmte dank der STIMO-Studie von Prof. Courtine (re. hinten) und Prof. Bloch (Mitte hinten). Foto: (c) EPFL Lausanne for Wings for Life World Run

Ein Durchbruch ist die epidurale Stimulation, mit der es gelingt, eigentlich nicht sichtbare Nervenfunktionen in einzelnen Fällen durch ein elektrisches Feld so weit verstärken zu können, dass Patienten in der Lage sind, willentlich ihre Gliedmaßen oder einzelne Muskeln zu bewegen. Für Furore sorgte im vergangen Herbst die in technologischer Hinsicht revolutionäre STIMO-­Studie von Professor Grégoire Courtine und Professor Jocelyne Bloch aus Lausanne (CH), die von Wings for Life seit Beginn an unterstützt wird. Das Erfolgserlebnis wurde mit David, einem ­Probanden der Studie, filmisch festgehalten: Er machte zunächst mit dem Rollator einen kurzen Spaziergang, in der Folge konnte er sogar autonom und freihändig einige Schritte gehen. Auf dem Gebiet der epiduralen Stimulation sorgt auch Dr. Harkema von der University Louisville (USA) für Hoffnungsschimmer bei den Querschnittspatienten, unterstützt von der Christopher & Dana Reeve Foundation in den USA.

Mittels epiduraler Stimulation und einem parallel absolvierten Computer-gestützten Training konnten bereits einige Querschnittspatienten wie David Mzee wieder mit Rollator und sogar freihändig gehen. Foto: (c) EPFL Lausanne for Wings for Life World Run

Einer der Väter der Elektro­stimulation forschte vor rund 20 Jahren an der Universität Wien: Dr. Dimitrijevic hatte damals bereits herausgefunden, dass Patienten, die funktionell komplett gelähmt sind, unter Umständen keinen anatomisch kompletten Querschnitt haben. Heute ist der Wissensstand weiter. Professor Schwab: „Obwohl der Patient keine Bewegung mehr unterhalb der Verletzungsstelle hat, sind noch Fasern intakt. Es gibt hier auch Gewebsbrücken, das wissen wir von anatomischen Studien. Diese gehen an der Verletzungsstelle vorbei und können sehr wohl Funktion tragen, sie tun es aber nicht. Durch das elektrische Feld, durch diesen Verstärker, können sie aufgeweckt werden und fangen tatsächlich in einem geringen, aber in den meisten Fällen doch wesentlichen Umfang wieder an, Funktion zu ermöglichen – dies betrifft nicht nur die motorischen Fasern, sondern auch die sensiblen und autonomen Fasersysteme.“ Fazit: Die Patienten spüren Berührungen wieder zum Teil oder sie schwitzen wieder unterhalb der Verletzungsstelle.

Wissenschaftliches Mastermind der Stiftung: Prof. Dr. Dr. Jan Schwab bei einem Wings-for-Life-Meeting. Foto: (c) Wings for Life

Professor Schwab selbst forscht seit 20 Jahren an der Immunlähmung, derzeit an der Ohio State University (USA). „Bei der Immunlähmung sind die autonomen Nervenfasern, die zur Nebenniere, zum endokrinen System, also zum Hormonsystem des Körpers gelangen und dann auch Immun­funktionen mitsteuern, fehlerhaft – und letztendlich ist auch das Immunsystem selber betroffen: Lymphknoten, Knochenmark, Milz. All diese Organe sind dann nicht mehr korrekt mit dem Gehirn verbunden und damit anfällig für falsche Signale, die in der Folge dazu führen, dass das Immunsystem abgeschaltet wird.“ Gegen Infektionen werden meist Antibiotika gegeben, doch geforscht wird an einer präventiven Behandlung. Ein wichtiger Beitrag, „um nicht nur Infektionen zu verhindern, sondern die damit assoziierte Mortalität, denn Patienten sterben an diesen Infektionen, wenn sie schwer verlaufen“ (Professor Schwab).

Beim Wings for Life World Run (hier 2018 in Wien) nehmen auch viele Rolli-Fahrer teil. Foto: (c) Matthias Heschl for Wings for Life World Run

Geforscht wird in alle möglichen Richtungen: molekular-­pharmakologisch, zellbasiert sowie neurorehabilitativ, um die Querschnittslähmung eines Tages heilbar zu machen. „Wir versuchen, all diese validen Ansätze mit den besten Köpfen dieser Welt voranzutreiben, denn wir wollen eine optimale Therapie erreichen“ so Professor Schwab. Viele Wege führen also zum Ziel, dass die Patienten mit einer Rückenmarksverletzung eines Tages selbst laufen werden können.

Wings for Life – Stiftung für Rückenmarksforschung

Gegründet wurde die Stiftung 2004 durch Motorsport­­-legende Heinz Kinigadner und Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz. Ein international renommiertes Ärzte- und Wissenschaftsteam unter der Leitung des wissenschaftlichen Direktors Professor Dr. Dr. Jan Schwab forschen im Bereich der Rückenmarks- und Querschnittsverletzung. Seit dem Bestehen der Stiftung wurden bereits 191 internationale Forschungsprojekte unterstützt, derzeit sind 67 Projekte am Laufen, sie sind teils im ersten, zweiten sowie dritten Förderjahr. Infos zu den geförderten Projekten, dem Team und zur Stiftung selbst: wingsforlife.com

Weltweit nehmen jedes Jahr Hundertausende am Wings for Life World Run teil. Hier der Start des Wings for Life World Run 2018. Foto: (c) Philip Platzer for Wings for Life World Run

Wings for Life World Run

Am 5.5.2019 um 13 Uhr (MESZ) fällt der Startschuss am Wiener Rathausplatz und vielen weiteren Austragungsorten. Dann wird weltweit simultan gelaufen. Bei der 6. Ausgabe des Wings for Life World Run kommt es zu einer Neuerung: Das Catcher Car, das die Läufer einholt, wird im Gegensatz zu den Vorjahren mit nur 14 km/h starten und die Geschwindigkeit alle 30 Minuten erhöhen, bis es die Maximalgeschwindigkeit 34 km/h erreicht hat. Spitzenläufern wird es so schwieriger gemacht, dem Catcher Car lange zu entlaufen. Für alle, die bis ca. 40 km laufen, wird die geänderte Geschwindigkeit keine Auswirkung haben. Sie werden deswegen nicht kürzer laufen. Die Anmeldegebühr beträgt 50 Euro und fließt zu 100 Prozent in die Rückenmarksforschung. In Wien ist der Lauf bereits ausgebucht, doch man kann jederzeit abseits der organisierten Städteläufe dabei sein! Man kann via App einzeln oder in sogenannten „Organized App-Runs“ teilnehmen. Dafür bezahlt man 20 Euro Startgebühr online mit der App und läuft oder rollt dem virtuellen Catcher Car so lange davon wie nur möglich. Hier geht‘s zum Download der App (funktioniert bei allen Mobiltelefonen): wingsforlifeapp. Mehr Infos: fb/wingsforlifeworldrun, wingsforlifeworldrun.com