AKUT

Der WIENER ist 40

Und damit genau um 40 Jahre älter, als alle, die in diesem Land etwas von Medien verstanden, ihm an der Wiege geweissagt haben.

Mit ungefähr diesen Worten eröffnete WIENER-Erfinder und Herausgeber Gert Winkler (1942–2016) seine Festschrift zum fünfjährigen Jubliäum im Oktoberheft von 1984. Tatsächlich kam der WIENER als etwas auf die Welt, das die Medienlandschaft so nicht kannte. Grund genug also, hierzulande der Meinung zu sein, wenn man so was bräuchte, gäbe es das ja schon. Weit gefehlt, wir wir heute wissen. Viele Mitstreiter des WIENER – ob sein deutscher Ableger TEMPO, sein Dauerkonkurrent Basta, das schicke Sportmagazin oder auch das kurzlebige, umso schärfere EGO – haben die Medienbühne längst verlassen. Möglicherweise, weil ihnen zu wenige Leser folgten. Vielleicht aber auch, weil sie von ihren Verlegern zu wenig geliebt wurden. Zu wenig gehegt und gepflegt.

Der WIENER war seinen Machern immer schon Herzensangelegenheit. Eine Tradition, die sich seit 1979, als mit dem Quartett Gert Winkler / Günter Lebisch / Michael Satke / Franz Manola vier leidenschaftliche Nicht-Zeitungsleute (bis auf Manola) ans Werk machten, um auf überdimensionierte Art und Weise mit dem „Wiener Understatement“ aufzuräumen, bis ins Jahr 2019 herübergerettet hat, wenn eine Mini-Bude wie die Josel & Sauer GmbH mit sechs Mitarbeitern, einem Dutzend Freien mit Liebe zur Marke WIENER sowie einem durchwegs fast schon pathologischen Hang zur Selbstausbeutung antritt, sechs Mal im Jahr einen 200 Seiten-Ziegel von Männermagazin an den Kiosk zu stemmen.


Wie dem auch sei – man kann mit Stolz auf 435 Print-Ausgaben zurückblicken. Eine Medien-Lifeline, die freilich ihre Durchhänger hatte, aber auch einiges an Höhepunkten lieferte. Der WIENER deckte Skandale auf, griff Themen wie AIDS erstmals ohne Samthandschuhe an, rief zum Protest in der Au, berichtete als Erster hierzulande von Acid, Techno oder Clubbing. Und testete mit Freunden wie Lenny Kravitz Superautos wie den Rolls Phantom oder den Mercedes SLR.

Journalistische Lichtgestalten in der Geschichte des WIENER gab es viele (eine Gesamtaufstellung aller Namen findet sich ab Seite 28). Auf der Brücke als Chefredakteure standen: Franz Manola, Rudolf Wojta, Michael Hopp, Markus Peichl, Andreas Dressler und Michael Geringer, Gerd Leitgeb, Wolfgang Höllrigl, Andreas Wollinger, Peter Mosser, Alexander Machek, Waltraud Hable, Max Mondel, Gundi Bittermann, Helfried Bauer, Joe Wieser, Manfred Sax, Jakob Hübner und Franz J. Sauer. Sie gaben die Richtung vor, den Schmäh, das Schmalz, die „Fett’n“ brachten stets alle Redakteure und Fotografen in bestem Ensemble-Geist zustande.

Im Folgenden findet sich nun die Zeitreise des WIENER. Die wir 1979 beginnen, im heutigen 2019 einen Zwischenstopp machen lassen, die wir aber in feister Voraussicht nach bestem Wissen und Gewissen in kleinen Häppchen auch bis ins Jahr 2059 fortführen wollen. Ohne Anspruch auf Verwirklichung, selbstverständlich. Aber wenn es bis jetzt geklappt hat – warum sollte es nicht weitergehen


1979

Ansichtssache
Vier Plätze einer Stadt im Wandel der Zeit. Ein Markt, zwei Bahnhöfe, ein Shoppingtempel an einer Hauptverkehrsader, die sich massiv gewandelt hat. Was sagen diese Bilder über die Zeit aus, in der sie entstanden? Gefühlssache …

Der Naschmarkt bei der Käsehütte, lange vor Bobo und Slowfood, kurz nach Kottan.

Der alte Südbahnhof, den sein Wesen als Kopfbahnhof letztlich zu Fall brachte. Und das zu einer Zeit, als Zigarettenwerbung nicht nur erlaubt, sondern auch noch cool war.

Das Kaufhaus Gerngroß, Ecke Stiftgasse / Mariahilfer Straße, eben frisch ausgebrannt.

Eine der Otto-­Wagner-Stationen der Vorortelinie, die damals gegen ihren Abriss kämpften.


2019

Wien damals und heute
Ein Aufnahmeort, eine Perspektive, zwei verschiedene Jahrzehnte – das ist ein Zeitensprung. Wie hat sich unsere Stadt die letzten 150 Jahre entwickelt? Welche baulichen Veränderungen hat es gegeben? Wie hat das Wien deiner Jugend ausgesehen? Diese Fragen kann dir das Projekt „Zeitensprünge“ beantworten, in dem alte Aufnahmen exakt nachfotografiert werden. Sie vergleichen und erzählen, verwundern und gefallen. Ein tolles Online-Projekt des Wiener Hobby­fotografen Alexander Fried.

Weniger Markt, mehr Fressmeile. Aber die Käsehütte gibt es immer noch!

Den Südbahnhof gibt es nicht mehr, er ist jetzt von diesem Bild aus gesehen rechts und ein Durchzugsbahnhof. Am Platz des alten Bahnhofs hat nun die Erste Bank ihre Zentrale aufgebaut.

Gerngross heute: ein moderner Einkaufstempel, der schon nach außen Exklusivität vermittelt. Und an einer Fußgängerzone liegt.

Die Vorortelinie heute in altem Glanz, wie von Otto Wagner geschaffen. Die Parkplätze wichen dem Autobus.


2059

Thom Van Dyke
Bild und Worte
Illustrator mit Leidenschaft, um dabei manches verschwommen wirken, Fehler gelten, und sich darüber hinaus immer wieder überraschen zu lassen. Schwerpunkt Konzept – still form follows function.

Auch unsere Einkaufsroboter trinken nach getaner Arbeit ihren Elektro-Latte im Neni.

Umsteigen von der S1 aus Gänserndorf Richtung Orbit. Und der Erste Campus blickt auch schon wieder in die Zukunft.

Jungle in the City! Endlich wurde aus der Begegnungszone eine Bewegungszone. Und der Gerngross liefert die Dressen.

Züge gibt’s nicht mehr, im Zeitalter des Beamens. Sie dienen bloß noch zu Partyzwecken. Aber Otto Wagner gibt’s noch immer …


Fotos: Zeitensprünge (8), Franz Sauer (4) / Illustrationen: Thom van Dyke (4)

zeitenspruenge.at