KULTUR

Chicago darf nicht Eisenstadt werden!

Jakob Stantejsky

In den frühen 90ern plakatierte die FPÖ „Wien darf nicht Chicago werden“. Ein Vierteljahrhundert später stehen wir in der „Windy City“ – umringt von imposanter Architektur, entschleunigenden Grünflächen und dem Trump-Tower, der weiß Gott was, aber sicher irgendwas kompensiert – und fragen uns: Warum eigentlich nicht?

Text: Maximilian Barcelli / Foto Header: Getty Images, Fotos: Getty Images (6), Skydeck Chicago (1) Joshua Mellin (1)

Freilich, der Slogan bezog sich nicht auf die Großartigkeit der Stadt. Und in Sachen Kriminalität ist eine Annäherung an Chicago tatsächlich so wünschenswert wie ein Melanom von der Größe einer Mango. Die Vororte dort verspeisen, wie die meisten größeren U.S.-Städte, Wien Favoriten und Fünfhaus zum Brunch. (Apropos Brunch: Der Shore Club in Chicago kombiniert Strandflair und Lobster Benedict zum Niederknien!). Als Tourist tangiert einen das genauso wie die frauendiskriminierenden Gesetze der Arabischen Emirate oder der ungeschlagen hohe Anteil an IS-Soldaten von den Malediven: nämlich kaum bis gar nicht.


Was dafür umso mehr auffällt: Wie liberal die Stadt in den doch recht konservativen Staaten ist. Die LGBT-Szene ist tief in Chicagos Geschichte verankert und wächst weiterhin rasant. Händchenhaltende Gleichgeschlechtliche sind dort so exotisch wie ein umgefallener Sack Reis in China – im positiven Sinne. Homosexualität ist in der Mitte angekommen; sie wird nicht nur toleriert, sondern akzeptiert. In Chicago würde man sich nicht an läppischen 63.000 Euro stören, die für Ampelpärchen ausgegeben wurden. Wie modern die Stadt mit Homosexualität umgeht, zeigt sich auch im Rathaus, das genau übersetzt City Hall heißt und sich by the way schnurstracks in die Liste der eindrucksvollen Gebäude katapultiert: Dort sitzt seit Mai 2019 Bürgermeisterin Lori Lightfoot, eine schwarze lesbische Frau. Deren politische Konkurrenz postulierte übrigens nicht „Chicago darf nicht Wien werden“. Wieso sollte sie auch? Immerhin läuft die Stadt am Michigansee eher Gefahr, zum Burgenland zu werden.

Denn Chicago und Umgebung ist die Heimat von geschätzt 60.000 Menschen (andere Quellen sprechen von über 100.000) mit burgenländischem Migrationshintergrund. Das macht „The Windy City“ zur theoretisch größten Stadt des österreichischen Bundeslandes. Und zwar mit Abstand: Die Bevölkerungszahl in Eisenstadt beträgt lediglich rund 15.000. Gründe fürs Auswandern gab es wahrscheinlich viele, der Lake Michigan gehört aber nicht dazu.

Mit einem See kann das Burgenland nämlich ebenso dienen, auch wenn der Neusiedlersee verglichen mit Lake Michigan ein Gartenteich ist. Lake Michigan ist ein Gigant. Er ist deutlich größer als die Slowakei. Er ist 181-mal so groß wie der Neusiedlersee. Und er verleiht der Stadt eine besondere Atmosphäre. Obwohl der Ozean viele Flugstunden entfernt ist, fühlt man sich dem Meer nahe. Das gegenüberliegende Ufer ist selbst im Flieger, also fünf- bis sechstausend Meter überm Grund, nicht zu erkennen. Vom North Avenue Beach aus, wo auch der Shore Club mit dem tollen Lobster Benedict residiert, sowieso nicht. In Amerika sind halt nicht nur die Gebäude big.

Das zweitbiggeste von ihnen ist mit 442 Metern der Willis Tower. Bis zur Fertigstellung des One World Trade Centers 2014 war er sogar das höchste in den Staaten und bis 2010 und dem Burj Khalifa das der Welt – zumindest absolut gesehen, also Funkmasten inklusive. Mittlerweile hat Asien aufgerüstet, der Willis Tower befindet sich mit einer Gesamthöhe von 527 Metern global „nur“ noch auf Rang 10. Daran denkt das höhenangstgeplagte Individuum aber nicht, wenn es in der 103. Etage auf einem von vier Glasbalkonen mit transparentem Boden steht und 412 Meter in den Abgrund blickt.

So gigantisch die neuen Wolkenkratzer auch sind, imponierender sind die Bauten aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. 1871 wütete ein vernichtendes Feuer in der Stadt, 17.000 Gebäude wurden zerstört. In den nächsten Jahrzehnten musste neu aufgebaut werden, es entstanden atemberaubende Bauten wie das Wrigley Building, der Merchandise Mart oder das Chicago Athletic Association-Gebäude. Letzteres beherbergt seit vier Jahren ein elegantes Vintage-Hotel, das sich vor allem mit dem direkten Zugang zur Rooftop-Bar Cindy’s auszeichnet. Die erreichen Normalsterbliche sonst über einen Lift, dem meist eine elendslange Menschenschlange voraussteht. Oben gilt es während eines gepflegten Drinks, den Ausblick über Lake Michigan, einen Teil der Skyline und dem Millenniumpark zu genießen.

Der Wasserweg eignet sich ideal zur Erkundung der Stadt. Chicago River ist Chicagos Donau­kanal – nur dass er (zumindest optisch) weniger abgeranzt wirkt. Das war nicht immer so. Tatsächlich führte die extreme Vermüllung des Flusses einst zu einer Cholera-Epidemie. Gegenmaßnahmen und Aufräumarbeiten wurden durchgeführt. Heute paddelt man mit dem Kajak übern Chicago River – so man dazu bereit ist, die abendlichen Tapas im „Cafe Ba-Ba-Reeba“ abzutrainieren. Kraftschonender sind die diversen Touristenschiffe.

Warum leben jetzt aber so viele Burgenländer in Chicago? Die Antwort ist wenig spektakulär: Sie waren Wirtschaftsflüchtlinge und wollten den „American Dream“
leben. Dazu muss man aber nicht zwangsweise in die Staaten, sondern nur nach Kittsee: In der burgenländischen 3000-Seelen-Gemeinde gibt es einen Ortsteil namens Chikago. Der heißt so, weil der aus Amerika zurückgekehrte Kittseer Josef Zambach verblüfft über den emsigen Häuserbau in seiner Heimat festgestellt hat: „Ihr bauts da ja wie in Chicago!“ Übrigens: Burgenländer haben wir keine getroffen. Und Witze über diese verstehen die Chicagoer auch nicht. Glauben Sie uns, wir haben’s probiert.