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Wie ticken chronische Zuspätkommer?

Jeder kennt ihn: den Zeitgenossen, der zum Zwei-Uhr-Termin verlässlich um dreiviertel Drei erscheint. Verständnis ist dennoch angebracht: Er kann nicht anders.

Fotos: Getty Images

Er macht es nicht absichtlich, das aber verlässlich: Arbeitsfrühstück um zehn? Beginnt sicher nicht vor elf. Darauf kannst du bauen. Das liegt an ihm, dem chronischen Zuspätkommer (CZ). Diesen Typus gibt es natürlich in allen Bereichen des Lebens. Insbesondere im Berufsleben gibt es aber auch die chronisch Pünktlichen, deren Verständnis begrenzt ist, wenn es um Zeit geht; sie könnten unwirsch reagieren und dem CZ mangelnden Respekt und übertriebene Arroganz vorwerfen. Nur wäre das falsch. Die Gründe für chronische Unpünktlichkeit sind komplexer, sagt Spezialistin Philippa Perry (1), die eine Klinik für CZs betreibt. Die häufigsten Gründe:


• Mangelndes Selbstwertgefühl: also das Gegenteil von Arroganz – das der CZ sogar quasi-logisch anwendet, um seine Position zu untermauern („Wäre mein Selbst ­etwas wert, hätte das Flugzeug doch sicher auf mich gewartet, oder?“).

• Unterbewusste Blockade: Ein Kunde Perrys kam als Kind immer zu spät in die Schule, weil seine Mutter zur kritischen Zeit das Badezimmer blockierte. Befund: Der resultierende CZ betrachtete Pünktlichkeit als unloyalen Akt seiner Mutter ­gegenüber.

• Exzessives Multitasking: ein sonniger Optimismus, mehr Aktivitäten in den Tag ­packen zu können, als realistisch möglich ist, häufig verbunden mit innerem ­Widerstand, den „Gang“ zu wechseln, also ein Tun zu beenden und das nächste zu beginnen.

• „Momentane“ Haltung: Gemeint ist eine Haltung, die sich primär dem soeben Erlebten widmet (= den Moment lebt) – und eine ganz andere ist als jene des chronisch Pünktlichen, der seine Gegenwart zugunsten eines zukünftigen Zieles einer zeitlichen Planung unterwirft. Und dadurch, so eine Kritik, auch Gefahr läuft, jeden gelebten Moment quasi zu verstümmeln. Fazit: Es ist nicht auszuschließen, dass der CZ mitunter richtig tickt.


(1) Philippa Perry: „The Book You Wish Your Parents Had Read“, https://www.amazon.co.uk/Book-Wish-Your-Parents-Children/dp/0241250994