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Sex mit der Ex

Alles war gut. Sie waren weder Feinde noch Freunde, sie waren nur noch Fremde mit Erinnerungen. Aber dann wurde es 2020. Dem Vernehmen nach finden Ex-Lover wieder zueinander.

Text: Manfred Sax / Fotos: Getty Images

Es war aus, nämlich fix. Die Nachwehen waren die üblichen. Zuerst ging der Wind, sie machte sich textingmäßig bei Freundinnen Luft, etwa: „Er lügte wie gedruckt, wenn er ‚guten Morgen‘ sagte, lief ich immer zum Fenster, um zu sehen, ob es wirklich Morgen ist.“ Ihre Wünsche hatten plötzlich Tiefgang: „Ich wünschte, das Wochenende käme so schnell wie mein Ex“, seufzte sie. Er wiederum versuchte, die Dinge positiv zu sehen, zumal am Stammtisch: „Hach, dieses Bier ist so kalt wie das Herz meiner Ex.“ Aber irgendwann glätteten sich die Wogen, das Verhältnis normalisierte sich. Wenn sie einander über den Weg liefen, waren sie weder Feinde noch Freunde, sie waren nur noch Fremde mit Erinnerungen. Alles war gut. Aber dann wurde es 2020, die Dinge abnormalisierten sich, die Erinnerungen wurden wach, seltsamerweise nur die netten.
Zeit für einen Text an die Ex.


Soweit die aktuelle Wetterlage, sagen Psychologen. Sie nennen es „Sexuelle Nostalgie“. „Wenn wir durch eine lang anhaltende ­Pandemie navigieren“, meint Dr. Madeleine A. Fugére(1), „erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, sexuelle Nostalgie für ehemalige Partner zu empfinden.“ Das klingt so einleuchtend, dass man es nicht weiter besprechen müsste. Allerdings gibt es auch eine groß angelegte Studie zum Thema, Titel: „Sexuelle Nostalgie als Reaktion auf unbefriedigte sexuelle und Beziehungs-Bedürfnisse“(2). Die Findungen eroberten nicht wirklich Neuland. Man konnte be­stätigen, dass Menschen in einer glücklichen Beziehung weniger für sexuelle Nostalgie anfällig als solche, denen etwas fehlt zur Wunschlosigkeit. Allerhand. Außerdem steht sexuelle Nostalgie mit gewissen Sentimenten in Zusammenhang, etwa Geruch oder Plätzen oder Liedern. Drittens werden Menschen sexuell nostalgisch, wenn sie Abwechslung vermissen bzw. eine bestimmte nachwirkende sexuelle Erfahrung, die in ihrer Gegenwart fehlt. Die ­Studie bietet noch mehr, aber der Punkt hier ist, dass sie bereits abgeschlossen war, als 2020 begann. Die Umstände haben sich radikal geändert, die Vergangenheit ist heute eine gute alte Zeit.

In normalen Zeiten ist es so, dass du okay bist, wenn du nach vorne blickst statt zurück. Wenn dich die Vergangenheit nicht sonderlich tangiert, machst du etwas richtig. Aber der gegenwärtige Alltag ist absurd. Auf Dauer sind Lockdown und soziale Isolation und der ganze mit „Vernunft“ ­argumentierte Zustand ein Hund. Mit Konsequenzen. Der oder die Ex zwischen deinen Ohren kann eine gehörige Verwandlung ­durchmachen, bei all der Zeit, die du hast.

Was macht nun etwa Frauen bei Gedanken an ihren Ex nostalgisch? Da fallen im Netzwerk Stichworte wie die Sehnsucht nach Stabilität und Sicherheit, nämlich in Anbetracht dessen, was gerade da draußen abgeht. „Jeder Mensch will sich safe fühlen und die Ungewissheiten des Moments eliminieren“, sagt sie. Und da ist auch noch diese stet wachsende Sehnsucht nach einem „Cuddle“, einer simplen Umarmung. Daher der Ex, den kennt sie, der ist für sie kein unbe­schriebenes Blatt, mit dem geht das. Okay, es gab Gründe für die Trennung, aber es war nicht alles schlecht. Er wiederum denkt in memoriam Ex mal an Sex, andermal an Sex, aber generell eigentlich an Sex. Nicht mit jeder Ex, nur mit der, an die er gerade denkt. Das passiert ihm immer häufiger, klar, Pornhub kann auf Dauer die Sensation von Haut an deinen ­Fingerkuppen nicht ersetzen.

Was tun? Das Dumme ist, dass Sex und soziales Distanzieren nicht zusammenpassen, das gibt’s nicht mal im Tantra. Noch dümmer, dass Experten und andere Ratgeber beim Thema Dating ideenlos werden, die viel strapazierte „Vernunft“ bügelt alles nieder, all die Gefahren, you know. Appelle ans Gewissen werden laut, und überhaupt, die Pandemie währt nicht ewig, irgendwann sind die Zeiten wieder normal. Nur ist es halt auch so, dass ein Schwanz kein Gewissen hat. Irgendwann kriegt die Vernunft den Mittelfinger.

Sex also. Es muss nicht notwendigerweise die Ex sein, im Normalfall wäre sie es wahrscheinlich nicht, und dass es jetzt aber ziemlich sicher die Ex ist, hat weniger mit sexueller Nostalgie, sondern vielmehr mit Ökonomie zu tun. Die Ex ist vertraut, da fallen etliche Komponenten des üblichen Datings weg, es gibt kaum Fragezeichen, die sonst ­abzuklären sind. Es braucht kein kompliziertes Kennenlernen, es braucht nur das gegenseitige Einverständnis. Es heißt zwar, dass man nicht abheben soll, wenn die Vergangenheit anruft, weil sie nichts Neues zu sagen hat. Aber darum geht es. Darum will er bei einer bestimmten Ex landen, nicht bei den anderen. Bei dieser Ex war nicht Sex der Trennungsgrund, sondern alles andere. Und jetzt geht es um Sex. Tatsächlich hat die Neurowissenschaft einen Grund geliefert, warum es diese bestimmte Ex ist, die dich sexuell nostalgisch macht: weil es da ­Unvergesslichkeiten gab, die dir kraft der Hormone Vasopressin und Oxytocin eine Mustervorlage ins Gehirn gestanzt haben. Und wenn diese Ex außerdem deine erste Ex war, mit der du den ersten gemeinsamen Orgasmus gefeiert hast, dann war sie ohnehin der unauslöschliche Maßstab für alles, was in deinem späteren ­Leben horizontal geschah.

Vernunft ist gut. Aber irgendwann muss der Trieb. Dann hat es sich mit vernünftig.


(1) Psychology Today: www.psychologytoday.com/us/blog/dating-and-mating/202008/when-you-re-most-likely-long-sex-your-ex
(2) journals.sagepub.com/eprint/N6QUGYYBMRUTX9JPBVT6/full