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LeMans, Peugeot und der Pfeffer
Man kann die 24 Stunden von Le Mans über Rundenzeiten erklären. Oder über das Essen. Wir haben uns für das Essen entschieden und sind dabei ausgerechnet bei einer Pfeffermühle gelandet.

Le Mans, das größte Volksfest des Motorsports, hat heuer einen Jubilar: Peugeot fährt seit exakt 100 Jahren an der Sarthe. Wir sind vor Ort, zwischen Boxengasse und Campingkocher, und erzählen die Geschichte eines Rennens, das man auch mit dem Gaumen versteht.
In jeder guten Wiener Küche steht ein Franzose. Er ist aus Holz oder Stahl, etwa eine Handspanne hoch, und niemand schaut ihn je richtig an. Man greift nach ihm, dreht oben, und unten rieselt frisch gemahlener Pfeffer aufs Gulasch. Auf seinem Bauch, klein und unauffällig, sitzt ein Löwe. Derselbe Löwe, der am Samstag um Punkt 16 Uhr in Westfrankreich von der Startaufstellung losbrüllt, mit zwei Hypercars, 700 PS Systemleistung und der Absicht, 24 Stunden lang nicht stehen zu bleiben.
Ja, dieselbe Firma. Peugeot beginnt 1810 als Stahlmanufaktur im französischen Jura, mahlt ab 1840 Kaffee und bringt 1874 jene Pfeffermühle heraus, deren Mahlwerk bis heute der Maßstab ist. Auf das Mahlwerk gibt es Garantie auf Lebenszeit, was im Zeitalter der geplanten Obsoleszenz beinahe rührend wirkt. Autos baut man bei Peugeot übrigens erst seit 1891. Die Mühle war zuerst da. Wer also demnächst im Lieblingsbeisl zur Pfeffermühle greift, hält ein Stück Motorsportgeschichte in der Hand. Er weiß es nur nicht.







Womit wir in Le Mans wären. Wer dieses Rennen zum ersten Mal besucht, erwartet Motorsport und bekommt zuerst einmal Geruch: Holzkohle, Merguez, Frites, dazwischen Crêpes und der süße Dunst der Zuckerwatte vom Riesenrad, das hier so selbstverständlich zum Inventar gehört wie das unsrige zum Prater. Erst dann kommt der Sound. Weit über 300.000 Menschen campieren in der Rennwoche rund um den Circuit de la Sarthe, und sie tun dabei im Wesentlichen zwei Dinge: zuschauen und essen. Le Mans ist das größte Picknick Frankreichs. Mit angeschlossenem Rennen.

Die Stadt liefert die Pointe gleich mit, denn Le Mans ist die Heimat der Rillettes. Schweinefleisch, stundenlang im eigenen Fett geschmort, dann faserig zerzupft und aufs Baguette gestrichen. Kein Schaum, kein Pinzettengarnitur, kein Teller mit Architekturanspruch. Die Rillettes du Mans sind das ehrlichste Essen Frankreichs, Handwerk aus drei Zutaten und sehr viel Zeit. Man isst sie mit fettigen Fingern am Streckenzaun, während dahinter die Hypercars mit über 300 km/h die Hunaudières hinunterdonnern. Nirgendwo sonst auf der Welt liegen Genuss und Hochleistung so eng beieinander. Nirgendwo sonst applaudiert man einem Überholmanöver mit dem Baguette in der Hand.
Hundert Meter weiter, hinter dem Zaun, dreht sich dieselbe Geschichte um 180 Grad. In der Boxengasse ist Essen kein Genuss, sondern ein Werkzeug. Im Cockpit eines Hypercars herrschen über Stunden mehr als 40 Grad, ein Fahrer verliert pro Doppelstint mehrere Liter Flüssigkeit. Also wird gegessen wie trainiert: vor dem Rennen leicht verdauliche Kohlenhydrate, währenddessen kleine, schnell verfügbare Portionen, Elektrolyte nach Plan, Trinken nach Uhr. Zwischen den Stints kein Festmahl, sondern Eiweiß und, wenn der Rennverlauf gnädig ist, ein bisschen Schlaf. Das Schnitzel mit Erdäpfelsalat müsste hier draußen bleiben, der Kreislauf braucht das Blut an den Sinnen und nicht im Magen.
Und das Team isst mit. Ein Le-Mans-Einsatz beschäftigt Dutzende Mechaniker, Ingenieure und Strategen, die eine Nacht lang durchversorgt werden wollen, das Catering arbeitet dabei wie eine Großküche im Dauerservice. Wer einmal zugesehen hat, wie eine Boxencrew einen Reifenwechsel choreografiert, erkennt das Muster aus jeder guten Profiküche sofort wieder: Jeder Handgriff sitzt, jeder weiß, wann er dran ist, improvisiert wird nur, wenn es brennt. Küche und Boxengasse gehorchen demselben Gesetz. Es zählt nicht, wie aufwendig etwas ist. Es zählt, wie präzise.
Genau hier schließt sich der Bogen zum Jubilar. 1926 schickte Peugeot erstmals zwei Rennwagen vom Typ 174 S an die Sarthe, heuer, exakt 100 Jahre später, stehen wieder zwei Löwen am Start der 94. Ausgabe: die 9X8-Hypercars mit den Nummern 93 und 94, im zweiten sitzt mit Malthe Jakobsen ein junger Däne, den wir im Vorjahr zum Gespräch getroffen haben. Dazwischen liegen drei Gesamtsiege, 1992 und 1993 mit dem V10-Keil 905 und 2009 mit dem Diesel-Pionier 908. Die sportliche Wahrheit dieses Jubiläumsjahres ist allerdings eine nüchterne: Beide Autos haben die Hyperpole verpasst, die Konkurrenz von Ferrari bis Alpine fährt derzeit in einer anderen Liga. Aber Le Mans wird nicht im Qualifying entschieden, sondern über 24 Stunden Konstanz, Strategie und Nervenstärke. Wie ein gutes Schmorgericht: Wer zu früh zu viel Hitze gibt, verbrennt sich alles.
Am Sonntag um 16 Uhr wissen wir, ob der Löwe im Jubiläumsjahr aufs Podium brüllt oder leise nach Hause schleicht. So oder so fahren wir mit einer Gewissheit zurück nach Wien: Dieses Rennen versteht man erst, wenn man es gerochen und gekostet hat. Und mit einer zweiten, die noch länger hält. Der unscheinbare Franzose auf dem Küchentisch, der seit 150 Jahren klaglos seinen Dienst verrichtet, hat sein Rennen längst gewonnen. Man muss ihn nur einmal richtig anschauen. Der Löwe war immer schon da.
TEXT: Gregor Josel


