Interview

Kurt Molzer interviewt Kurt Molzer

Franz J. Sauer

Eine ruhige Ecke in der Bar des Wiener Hotel Imperial. Kurt Molzer (der Interviewer) sitzt an einem Tisch. Vor ihm ein Glas Gin Tonic. Kurt Molzer (der Befragte) betritt den Raum, irischer Tweedmantel mit Einstecktuch, Rollkragenpullover, Cordhose, knöchelhohe Maßschuhe aus Pferdeleder. Er hängt den Mantel an einen Kleiderhaken, setzt sich ebenfalls an den Tisch und bestellt einen 25 Jahre alten schottischen Glenfarclas-Whisky.

Molzer (der Interviewer): Was wir hier machen, ist im Grunde journalistischer Selbstmord, nicht? Kurt interviewt Kurt.
Molzer (der Befragte): Egal, der Journalismus ist eh tot. Es lebe der Journalismus!

Du siehst furchtbar aus. Wie ein Nachruf, den man in einer ­Flasche Wein ertränkt hat.
Danke für deine Schmeicheleien.

Gibt es einen Grund für dein miserables Aussehen?
Hart getrunken gestern, aber der Schein trügt, ich bin fit, ein physisches Wunder, kann saufen an einem Abend wie ein alter Matrose und am nächsten Morgen schwimme ich schon wieder meine zwei Kilometer, kein Problem trotz meiner inzwischen 58 Jahre.

Wie lange brauchst du für die zwei Kilometer?
Dreißig Minuten. 

Das ist ziemlich schnell.
Was sonst.

Trotzdem, ich finde, du bist alt geworden. Bereust du die Nächte, die Exzesse? Den ganzen Wahnsinn, den du als Recherche verkauft hast?
(Kurt, der Befragte, zündet sich eine Zigarette an, obwohl das strengstens verboten ist.) Ich bereue die Nächte, in denen ich zu früh schlafen gegangen bin. Und die Sätze, die ich nicht geschrieben habe, weil ich zu beschäftigt damit war, das Leben zu genießen, über das ich eigentlich hätte schreiben sollen.

Du hast dich immer als Dandy inszeniert. Ist das im Jahr 2026 nicht furchtbar anstrengend? Überall tragen die Leute nur noch Turnschuhe und tracken ihren Puls.
Ein Dandy zu sein ist überhaupt nicht anstrengend, ich sehe es als eine soziale Dienstleistung. Ich bin das bunte Rauschen im grauen Alltag der Gesundheitsapostel. Mein Puls ist mir übrigens völlig egal, solange er noch da ist.

Du bist seit Jahrzehnten die Speerspitze des gehobenen Hedonismus. Wird man nicht irgendwann müde, immer der bestangezogene Mann im Raum zu sein?
Es ist keine Ermüdung, sondern heilige Pflicht. Wie ein Leuchtturm weise ich den Schiffbrüchigen in ihren Polyesterhemden den Weg. Manchmal schaue ich in den Spiegel und denke: „Kurt, du schuldest der Welt eigentlich eine Entschuldigung dafür, dass du so verdammt gut aussiehst.“ Aber dann trinke ich einen Schluck Whisky und die Demut vergeht.

Du schreibst immer noch. Warum eigentlich? Hat die Welt nicht langsam genug von deinen Eskapaden und diesen ausschweifenden Sätzen, die erst drei Absätze später zum Punkt kommen?
Ich kann nicht anders, und auch wenn es abgedroschen klingt: Ich brauche das Schreiben wie die Luft zum Atmen. Ich will an Sätzen feilen, bis sie bluten, um jedes Wort kämpfen, als wäre es das letzte Stück Fleisch in einem Rudel hungriger Wölfe. Die Welt wird immer dümmer, regiert von Algorithmen und KI, die keine Erektionsstörungen haben. Da braucht es jemanden, der noch mit echtem Herzblut scheitert. Eine KI weiß nicht, wie sich der dritte Martini am Nachmittag anfühlt. Ich schon.  

Eine KI weiß nicht, wie sich der dritte Martini am Nachmittag anfühlt. Ich schon.

Wer liest deine Geschichten noch?
Ich und ein paar andere.

Wer sind diese paar anderen?
Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Es sind Leute, die wissen, dass ein zerlesener Franz Werfel mit vergilbten Seiten mehr Seele hat als ein ganzes beschissenes Silicon Valley. Leute, die nach Echtheit dürsten, die sagen: „Ja, das Leben ist eine riesige glitzernde Katastrophe, aber schaut euch diesen Sonnenuntergang an!“ Ich bin der Hofnarr, der die Wahrheit sagt, während er im Smoking in den Pool fällt.

Das Münchener Medienmagazin „Clap“ schrieb einmal über dich, du seist der letzte große Ironiker im deutschen Printjournalismus gewesen.
Schön, aber heute geht das nicht mehr, höchstens noch im WIENER. Wir leben im Zeitalter der Hypersensibilität und des moralischen Rigorismus, und wir erleben eine Kultur der Dauerempörung. Die Leute ersticken an ihrer eigenen Tugendhaftigkeit. Kurz: Wir haben es mit der post-ironischen Gesellschaft zu tun. Deshalb gibt es ja auch eine grandiose Fernsehsendung wie die „Harald Schmidt Show“ längst nicht mehr. Ich vermisse Harald Schmidt jeden Tag.

Harald und du, ihr wart schon echt große Nummern.
(Molzer, der Befragte, seufzt tief): Ja, aber es war einsam an der Spitze, ich fühlte mich – und fühle mich übrigens immer mehr – wie ein handgeschmiedetes Samuraischwert in einer Welt voller Plastikgabeln.

Hand aufs Herz: Deine Kolumnen waren Kult. Aber heute wirkst du wie ein Relikt, ein ausgestopfter Playboy, der vergessen hat, dass die Party vorbei ist.
Du bist ein großer Interviewer und ein noch größeres Arschloch. Ich bin kein ausgestopfter Playboy, sondern ein Klassiker.

Wie hält man als Klassiker diese Welt noch aus?
Schwer. Es ist eine Tragödie in Überlänge. Neulich wollte mir ein Kellner eine alkoholfreie Bloody Mary verkaufen. Ich biss weinend in mein Seidenstecktuch. Der gute Geschmack, im wahrsten Sinne des Wortes, wurde endgültig zur subversiven Untergrundbewegung.

Du hast viel über schnelle Autos und schöne Frauen geschrieben. Was ist davon geblieben?
Ein Porsche fährt heute elektrisch, was eine Beleidigung für das männliche Ego ist. Und die Frauen sind kompliziert geworden. Früher reichte ein Blick, ein frecher Spruch. Heute fragen sie mich nach meinem Sternzeichen, meiner politischen Einstellung und ob ich „toxische Maskulinität“ verkörpere. Ich antworte dann immer: „Schätzchen, ich bin nicht toxisch, ich bin nur sehr konzentriert abgefüllt.“

© Kurt Molzer

Was sagst du ihnen über deine politische Einstellung?
Dass ich Monarchist bin. 

Wie reagieren sie darauf?
Sie wissen im ersten Moment nicht, ob sie lachen oder mir den Vogel zeigen sollen. Und dann, wenn sie sich gefangen haben, sagen sie: „Nein, Kurt, ernsthaft.“ Worauf ich sage: „Ich wünsche mir ernsthaft den Kaiser zurück.“

Finden die Frauen das lustig?
Nein. Sie verziehen keine Miene. Frauen lachen heute viel seltener als früher. Weil sie die Welt retten wollen. Ich sage dann: „Lass uns lieber den Abend retten.“

Hast du in den letzten zwanzig Jahren eine Story geschrieben, in der du nicht die Hauptrolle spielst?
Ich habe es versucht, es war ein Bericht über neue Winterreifen. Nach dem zweiten Absatz saß ich allerdings schon wieder in einem Aston Martin auf dem Weg nach Monte Carlo, mit einer Brünetten namens Chantal und einer Flasche Bollinger im Handschuhfach. Die Reifen waren gut, aber ich war besser.

Du warst immer der Jäger der Nacht, der Frauenflüsterer. Wie sieht die Jagd heute aus, wenn man für ein falsches Kompliment schon fast vor dem Tribunal landet?
Ich jage nicht mehr. Ich beobachte nur noch diese jungen Männer, die Angst haben, eine Frau anzusehen, ohne vorher ein juristisches Gutachten einzuholen.

Wenn du ganz tief in dich ­hineinhorchst – wie fühlst du dich wirklich?
Hm, ich würde sagen, wie ein handgeschalteter V12-Motor in einer Fußgängerzone, ein bisschen laut, völlig unvernünftig, aber jeder bleibt stehen und schaut hin, weil das Geräusch einfach besser ist als dieses elektrische Summen der Gegenwart.

Ich jage nicht mehr. Ich beobachte nur noch diese jungen Männer, die Angst haben, eine Frau anzusehen, ohne vorher ein juristisches Gutachten einzuholen.

Stil sei die einzige Form von Widerstand, die dir geblieben sei. So hast du es mal ausgedrückt. Ist ein teurer Anzug im Angesicht globaler Krisen nicht ein bisschen peinlich?
Im Gegenteil. Es ist die letzte Höflichkeit gegenüber dem Abgrund. Wenn wir schon untergehen, dann bitte mit ordentlichen Manschettenknöpfen. Der Schlendrian ist der Vorbote der Barbarei. Wer sich nicht mehr ordentlich anzieht, gibt innerlich auf.

Ist denn wirklich alles schlecht an unserem Zeitalter?
Ach wo! Wir sind die erste Generation, die ein Burnout erleiden kann, während sie im Liegen per App Pizza bestellt. Das nenne ich Fortschritt! Wir haben Geräte in der Tasche, die das gesamte Wissen der Menschheit enthalten, und wir nutzen sie primär, um uns Videos von Waschbären anzusehen, die versuchen, Zuckerwatte zu waschen. Wenn das nicht die Krönung der Zivilisation ist! Wir haben Hafermilch, die nach Pappe schmeckt, aber fünf Euro kostet. Früher gabs nur Kuhmilch aus dem Euter – wie unzivilisiert!

Ein Wort zu deinen Kritikern …
Die Armen. Sie arbeiten sich an mir ab, während ich mich an mir selbst erfreue. Das ist eine sehr einseitige Liebesbeziehung. Ich verzeihe ihnen. Es ist schließlich nicht einfach, im Schatten eines Giganten zu stehen, der in Wahrheit nur ein alternder Geck mit einem defekten Laptop ist.

Vorhin warst du noch ein Leuchtturm und ein Klassiker. Jetzt bezeichnest du dich selbst als alternden Geck. Da soll sich einer auskennen.
Heute behaupte ich etwas, morgen zweifle ich daran, übermorgen leugne ich es, und jeden Tag kann ich mich irren. Voltaire. Mein Lieblingszitat.

Einer deiner Kritiker sagte mal, dein Schreibstil sei eine Mischung aus Hemingway auf Speed und einem Werbeprospekt für Luxusuhren.
Totaler Schwachsinn, ich habe mich nie an Hemingway orientiert. Der wäre heute übrigens Influencer für Angelhaken.

Was ist dein größtes Talent?
Dass ich mich selbst nicht ernst nehme. Und dass ich es schaffe, beim Blick in den Spiegel gleichzeitig „Gott, bist du gut“ und „Mein Gott, was ist aus dir geworden“ zu denken, ohne dabei den Verstand zu verlieren.

Wer sind deine größten Helden?
Tarzan, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi Effendi, Bud Spencer. Unverwundbare Titanen.

Was möchtest du einem heute 25-Jährigen mit auf den Weg geben?
Hör auf, dein Essen zu fotogra­fieren. Es wird davon nicht besser, nur kälter. Ein Schnitzel muss man essen, nicht posten. Und zieh dir vernünftige Schuhe an.

Deine Prognose für die Zukunft?
Hamdulillah!

Kurt, ich danke dir, dass du dir Zeit genommen hast.
Keine Ursache. Ich mache das hier nur, weil du der Einzige bist, der meine Sätze unfallfrei zu Ende ­denken kann. Und weil du die Rechnung bezahlst.

Eine letzte Frage noch: Wenn du morgen abberufen wirst – was soll auf deinem Grabstein stehen?
Habe ich den Herd ausgemacht?