Interview

Rebhandl interviewt Hosea Ratschiller

Hosea Ratschiller wurde gerade mit dem „Programmpreis des Österreichischen Kabarettpreises“ für das beste Bühnenstück ausgezeichnet, trotzdem ist seine Freude getrübt. Mit dem ausgezeichneten Stück „Ein neuer Mensch“ wollte er ab nächster Woche durch Deutschland touren, aber die Sache mit Corona macht ihm einen Strich durch die Rechnung.

Datum: 8. 9. 2020
Ort: „Café Engländer“, 1010 Wien
Interview: Manfred Rebhandl
Fotos: Maximilian Lottmann

wiener: Und? Wie geht’s?
ratschiller: Der Sohn einer Freundin hat heute früh gehustet …


Ui? Corona?
Vielleicht. Meine Tour nach Deutschland fällt wahrscheinlich ins Wasser, weil Wien ja jetzt für die Deutschen Sperrgebiet ist.

Macht’s Ihnen trotzdem Spaß, bei den Deutschen aufzutreten?
Na ja, es ist so: In Österreich gibt es diese Einteilung in Kabarettt, Comedy und Satire nicht, dort schon …

Sie sagten gerade sehr schön „Kabarettttt“, so wie es die ­Deutschen sagen.
Dort kannst du die Leute also nur enttäuschen, wenn du so ­theatrale Sachen machst wie ich, das ist dort immer ein Stahlbad. Beim Kabarett musst du die Schlagzeilen des Tages durchmachen, und wenn du was anderes darbietest, hast du die Hausübungen nicht gemacht. Natürlich gibt es Ausnahmen – Helge Schneider, Gerhard Polt –, aber grundsätzlich bedeutet Kabarett in Deutschland, sich im Rollkragenpullover hinzustellen und irgendwas mit Merkel zu machen. Die finden es anrüchig, wenn man private Sachen einflechtet. Das ist dort ein bisschen wie mit der Literatur in Japan, wo es lange Zeit verpönt war, über Liebe zu schreiben.

Und bei uns geht das?
Lukas Resetarits hat bei uns damit angefangen, vom Privaten auszugehen und in die Welt zu schauen, der Hader hat das dann zur Vollendung gebracht.

Wie schaut’s mit Lisa Eckhart aus? Bewundern, beneiden oder bemitleiden Sie sie?
Mit Mitte 20 einer der größten Stars in diesem Genre zu sein, noch dazu als Frau, das finde ich unglaublich, für Frauen ist es ja tatsächlich nochmal schwieriger. Da verzeihe ich ihr, dass nicht jede Nummer gleich gut gelingt. Sie muss ja die ganze Zeit im Fernsehen auftreten, muss immer irgendwas G’scheites sagen, hat einen enormen Druck, und dann ist das nicht einmal gut bezahlt.

Fernsehen ist schlecht bezahlt?
Man hat mir neulich die Moderation einer 20.15-Uhr-Sendung angeboten: für 800 Euro. Meine Erfahrung mit Kultur ist sowieso eine des ständigen Kürzens.

Sie wuchsen in Kärnten in linksradikalen Kreisen auf, mit diesem schönen Vornamen. Ich hab mir beim Herfahren gedacht, was für einen Boost mein Leben wahrscheinlich bekommen hätte, wenn meine Eltern mich Hosea Rebhandl genannt hätten. An der Bar wäre ich gestanden und hätte gesagt: Hallo Schatzi, ich bin der Hosea …
(Lacht.) Meine Erfahrungen mit diesem Vornamen in Kärnten ­waren durchwachsen. Bis ich 18 war, haben die Behörden geglaubt, ich wäre eine Frau. Ich wurde deswegen zunächst auch nicht zum Bundesheer einberufen, die haben mich dort echt als Frau geführt. Und während der ganzen Pubertät hat man mich Hose genannt, das hat gut gepasst, weil ich bis 13 gezwungen war, aus Geldmangel die Hosen meiner Cousinen aufzutragen, ­violette und rosarote Stoffhosen. Mir wäre das gar nicht aufgefallen, dass das komisch ist, aber in der Schule war ich eben „die Hose“. Erst mit 13, als die Hormone sich ausbreiteten, habe ich gemerkt, dass ich mit diesen ­Hosen gar nicht zwingend Meter machen werde. „Hosi“ war dann in Wien auch schwierig wegen dem gleichnamigen Haus für ­Homosexuelle, ich galt ja sowieso immer als latent schwul, hab ­irrsinnige Pickel gehabt. Aber! Dann bei der Jungschar, das war schon in Wien, kam die Silvia. Sie war 17 und das Girl, das alle wollten, ich war 15, und die hat entschieden, dass wir zusammen sind. Das war eine Aufwertung von „Volltrottel!“ zu „Bist du ­deppert, zwei Jahre älter!“

Woran zerbrach das Glück?
An unterschiedlichen Vor­stellungen von der Zukunft.

Wie war’s bei den Katholen?
In der Jungschar war ich, weil ich in Wien keine Freunde hatte. Ich war dann bei denen auch Gruppenleiter, bis sie mir eines Tages aus heiterem Himmel den Schlüssel weggenommen und mich rausgehaut haben, weil sie draufgekommen bin, dass ich gar nicht getauft war. „Schleich dich!“ und „Tschüß!“

Hatten Sie in Kärnten keine ­klassische Nazikindheit, solange Sie dort lebten?
Oh ja! Auf der Straße hat man sich ja ganz selbstverständlich mit „Heil Hitler!“ gegrüßt, im Gasthaus sowieso. Man sah ­immer die klassischen Paare, wo die Frau dann manchmal zu ihm ­gesagt hat: „Psst, Vati! Jetzt hör einmal auf!“ Aber er hat natürlich nicht aufgehört.

Da war schon Haider Landeshauptmann. Wo waren Sie an dem Tag, als er verunglückte, und – klassische Sportreporterfrage: Was empfanden Sie dabei?
Er ist ja an meinem Geburtstag verunglückt, und im ersten ­Moment war ich sehr pietätlos, muss ich zugeben, und habe mich durchaus gefreut, weil er ja doch meine Kindheit und Jugend negativ beeinflusst hat. Sehr schnell sah ich dann aber, dass da ja ein Mensch gestorben war mit Angehörigen …

Träumen Sie von einem Seegrundstück mit Motorboot?
Mein Urgroßvater hat einen ­Baugrund gesucht, er bekam zwei Hektar direkt am See oder ein Grundstück beim Bahnhof angeboten. Er hat sich gedacht: See? Feucht! Ich weiß nicht, wie viele Millionen das heute wert wäre. Die Bauern, die die Seegrundstücke hatten, die hatten damit gar keine Freude. Die, die sich durchgebissen haben, zogen das große Los. Nach einer Vorstellung in Kärnten kam einmal ein Paar zu mir und hat mir erzählt: Der Waffenproduzent Glock kauft jetzt nicht mehr nur Seegrundstücke auf, sondern überhaupt alles, wo Wasser drauf ist. Hab ich mir gedacht, okay, wann kommt jetzt die Kritik daran, aber es kam keine. Die fanden das super, weil: Hauptsache, kein Chinese! Wenn man sich auseinandersetzt mit dem, was wir Rechtsruck nennen, dann muss man sich diesen Bewusstseinszustand der Leute vor Augen führen.

Sind Sie bei Glock schon mal zu Gast gewesen?
Nein, aber ich würde hingehen.

Sie sind im Internet recht mit­teilsam, kann man das sagen?
Ich war vor ein paar Jahren recht krank und hab ein Jahr im Bett verbracht, parallel dazu habe ich Hofer und Van der Bellen beim Wahlkampf verfolgt und wie Kurz die ÖVP abgeschafft hat. Normalerweise muss ich über solche Sachen mit jemandem reden, aber das konnte ich nicht. Also fing ich an, auf Facebook darüber zu schreiben, mittlerweile ist es eine Sucht. Es sind ein paar ­Tausend Leute, die das lesen und darauf reagieren. Das ist ja so konzipiert, um eine Sucht zu ­erzeugen.

Schaut man sich dann an, wer was liked?
Es gibt so Jackpot-Likes, wo man sich echt freut. Ich respektiere z. B. den Florian Klenk sehr, und mir taugt die Stefanie Sargnagel. Wenn die was liken, dann gibt es eine eitle Freude. Die Likes-Ausreißer nach oben sind interessanterweise immer Frauenthemen, politisch finde ich ja das wichtigste Thema das Frauenvolks­begehren, weil Frauen im Land systematisch verarscht und in die Armut getrieben werden. Wenn ich dazu etwas schreibe, dann explodiert es.

Sie kommen dabei sehr ernst rüber, nicht zynisch, nicht ironisch, nicht witzig.
Das ist einfach meine Form. Ich finde lustig, wenn Leute das können, ich bin besser in der Langform. Polemik ist nicht meines, das können andere besser.

Man könnte kritisch sagen, dass vieles, was Sie da schreiben, No-na-Positionen sind, Stich­worte: Moria, Flüchtlinge.
Finde ich eigentlich nicht, weil ich ja glaube, dass die überwäl­tigende Mehrheit der Bevölkerung anders denkt als ich. Als einer, der im TV und im Radio arbeitet, habe ich das als besonders wichtig empfunden, mich klar zu äußern, weil einige unbegründete Ängste gekriegt haben, es zu tun.

Gibt es jemanden in Ihrem Umfeld, der auch einmal sagt: „Halt bitte eine Woche die Goschn!“?
Ja sicher, mich selbst inklusive.

Der Markt ist relativ klein für mehr oder weniger immer die gleichen Leute. Sie haben sich relativ breit aufgestellt mit Bühne, Radio, TV, Moderation.
Vor ein paar Jahren bekam ich den Salzburger Stier, den bedeutendsten Kleinkunstpreis, und da hat man dann tatsächlich einmal die Möglichkeit, etwas zu fordern. Ich habe versucht, Platt­formen zu schaffen, wo Leute auftreten können, die Pratersterne, die Lesebühne. Das mache ich nicht, weil ich so edel bin, sondern weil ich finde, dieses Selbstvermarktungs- und Starprinzip muss durchbrochen werden. Ich habe beobachtet, dass Kollegen, die innerhalb kürzester Zeit eine Riesenkarriere hinlegten, dann auch innerhalb kürzester Zeit wieder kaputt waren. Oft passiert zu schnell zu viel, es gibt immer nur ganz oder gar nicht. Und du bist mittlerweile nicht mehr reich, wenn du fünf Jahre lang ein Superstar warst, du hast dann trotzdem Steuerschulden und keine Eigentumswohnung.

Auch der Ombudsmann auf FM4 hat Sie nicht reich gemacht, den Sie nun über 2.000 Mal gestaltet haben? Wie schreiben Sie den?
Ich bin mir bewusst, dass ich nicht genial bin, also arbeite ich einfach daran, früher mehrere Tage, jetzt Stunden. Was ich vielleicht gut kann, ist, Theaterstücke zu schreiben und sie zu spielen.

Der Tonfall des Ombudsmannes war von Anfang an so …
Der Tonfall hat sich verändert, war am Anfang viel gschissener, über die Jahre wurde er zu einem lieben Onkel. Mittlerweile hätte ich ihn gern wieder grantiger.

Älter werden beim Jugendsender: Wie fühlt sich das an?
Ich liefere dort nur die Kolumnen ab, bin zu selten im Sender, um mitzukriegen, dass man dort ­eigentlich jung sein müsste. Und den Hinweis, alt zu werden, kann ich eigentlich gar nicht brauchen, weil ich fühle mich noch deutlich älter als ich bin.

Sie sind also schon mehr Ö1?
Ja. Oder Radio Maria. Oder Radio Stephansdom. Irgendwas mit ­wenig Worten.

Und wenn die Sie nicht nehmen, was gäb’s noch für Alternativen?
Irgendwas mit Fußball. Ich bin ja ein großer Fanatiker, würde am liebsten nur zuschauen gehen und dafür bezahlt werden. Ich war in meine Volksschullehrerin ja nur deswegen verliebt, weil sie mit SAK-Torhüter Milan Oraze ­zusammen war …

Brot spielt eine Rolle in Ihrem preisgekrönten Stück. Gemma noch zum Öfferl hinüber und kaufen uns einen Laib?
Ja gerne. Wir müssen nur aufpassen, dass wir es derschneiden. Im Supermarkt das Brot, da legst das Buttermesser drauf mit der Breitseite und es sinkt durch, aber bei diesen neuen Broten …


Hosea Ratschiller
geboren 1981 in Klagenfurt, ist ein österreichische Schauspieler, Kabarettist, Kolumnist, Satiriker, Moderator und Radio­macher. Seit 2000 arbeitet Ratschiller beim Jugendsender FM4 des österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders ORF, wo er sich für den Ombudsmann verantwortlich zeichnet, und seit 2009 auch für Radio Ö1. 2017 spielte er im ORF-Film „Harri Pinter – Drecksau“ mit. Er lebt mit Freundin und Tochter in Wien.