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Warum killt Corona mehr Männer als Frauen?

Als der WIENER im Sommer diese Frage stellte, konnte die Wissenschaft nur spekulieren. Eine taufrische Studie liefert erstmals eine mögliche Erklärung. Der ­Unterschied liegt in der Immun­reaktion, heißt es da.

Foto: Getty Images

Die Lage im Schnitt: Bei den Infektionen halten sich die Geschlechter in der Waage (Männer: 52 %, Frauen: 48 %), das Sterbeverhältnis allerdings: drei zu eins. Der Befund dazu noch im Sommer: Männlichkeit ist eben ein Risikofaktor. Nicht wirklich aufschlussreich.


Nun aber warf eine Studie eines Teams des New Haven Hospitals (USA) etwas Licht auf die Sache. Der Grund für den wahrscheinlicheren männlichen Biss ins Gras könnte in geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der Immunreaktion liegen. Eine Analyse von 98 Patienten mit bestätigter Covid-19-Infektion brachte zu Tage, dass Frauen eine ­„robustere und anhaltende“ T-Zellen-Reaktion produzieren als Männer. T-Zellen sind weiße Blutzellen des Immunsystems, die fremde Eindringlinge attackieren. Bessere T-Zellen, bessere Gesundungs-Chancen. Die männlichen Patienten produzierten hauptsächlich sogenannte Zytokine, das sind Signalmoleküle, die Immunzellen Richtung Entzündung schicken. Deren Rolle allerdings kann in schweren Covid-19-Fällen kontraproduktiv sein, weil sie einen „Zytokinsturm“ entfachen – also das Immunsystem zum Zwecke der Infek­tionskontrolle „überreagieren“ lassen. Flüssigkeit in der Lunge, Gewebeschäden und Organversagen können die Folge sein. Fazit der Forscher: Es brauche unterschiedliche Strategien, um sicherzugehen, dass die Behandlung von Frauen und Männern gleichermaßen ­effektiv ist.

Studie: Sex differences in immune responses to Covid19, published in Nature, www.nature.com/articles/s41586-020-2700-3