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Straßengangs übernehmen Corona-Prävention in Brasilien

Jakob Stantejsky

Während wir uns hierzulande schon fast an das Leben mit der Ausgangsbeschränkung gewöhnt haben, sieht die Situation in fernen Ländern ganz anders aus. Im Brasilien von Bolsonaro nehmen nun die Straßengangs die öffentliche Gesundheit in die Hand.

Foto: Getty Images

Als Donald Trump sich vor zwei, drei Wochen noch als großer Corona-Skeptiker – um nicht zu sagen: Verweigerer – hervortat, war wohl niemand so wirklich überrascht, dass in den Augen des POTUS auch die verdammt reale Pandemie ein „democrat hoax“ war. Mittlerweile musste auch das orangeste Staatsoberhaupt der Welt widerstrebend einsehen, dass ein paar Maßnahmen wohl angebracht wären. Immerhin können die Bürger der USA nun dank der „beautiful tests“ total beruhigt sein, schließlich ist ja alles unter Kontrolle. Sagt halt Trump, die Wahrheit sieht freilich wie immer ein bisschen anders aus.


Wir wollen das Beste für die Bevölkerung. Wenn die Regierung nicht dazu in der Lage ist, das Richtige zu tun, wird es das organisierte Verbrechen tun.

Brasiliens Hardliner Bolsonaro

In Brasilien hingegen käme Trump mit seiner Wischiwaschi-Methodik als Anti-Corona-Hardliner rüber, vor allem im Vergleich mit Präsident Jair Bolsonaro. Der rechtskonservative, von vielen wohl nicht ganz zu Unrecht als rechtsextrem bezeichnete Staatschef des größten Landes Südamerikas hatte die Welt schon im Kampf gegen den Amazonas-Waldbrand in Fassungslosigkeit versetzt. Man wolle keine Hilfe aus dem Ausland, giftete Bolsonaro damals. Eh verständlich, so eine gratis Rodung tut der Wirtschaft sicher gut. Und Umweltschutz findet bei dem 65-jährigen ohnehin nicht statt.

Kein Corona in Brasilien, meint Bolsonaro

Nun weigert sich Bolsonaro aber weiterhin hartnäckigst, gegen den Coronavirus vorzugehen. Die Krankheit, an der innerhalb einiger Wochen schon mehrere tausend Menschen gestorben sind, sei „nur eine kleine Erkältung“ und man dürfe sich nicht von der „Hysterie“ und dem „Extremismus“ rund um Corona anstecken lassen. Nur fürs Protokoll: Mit Hysterie und Extremismus sind Berichterstattung und Maßnahmen gegen den Virus gemeint. Auf deutsch: Bolsonaro, der mit zweitem Vornamen übrigens auch noch Messias heißt, will am liebsten nichts gegen den Coronavirus unternehmen und lässt sowohl der Krankheit als auch dem öffentlichen Leben sehr viel Freilauf. So sind Schulen und Touristenhotspots mittlerweile zwar geschlossen, von Ausgangsbeschränkungen und ähnlichem ist allerdings noch nicht mal die Rede. Ironisch, dass inzwischen vermutet wird, dass sich der Messias selbst mit Corona infisz- äh, infiziert haben könnte. Karma is halt a bitch.

Brasiliens Gangs übernehmen

In Brasilien brennt also der Zuckerhut und jetzt treten unverhoffte „Retter“ auf den Plan. Seit gestern verbreiten diverse Straßengangs in den Favelas Rio de Janeiros über Graffiti die Nachricht, dass alle Anwohner ab sofort eine Ausgangssperre ab 20 Uhr zu respektieren hätten. „Wir wollen das beste für die Bevölkerung. Wenn die Regierung nicht dazu in der Lage ist, wird es das organisierte Verbrechen tun“, heißt es etwa. Dass mit den Gangs nicht zu spaßen ist, dürfte eh jedem klar sein, aber nur zur Sicherheit wird auch festgehalten: „Wer auch immer nach dieser Zeit auf der Straße gesehen wird, wird lernen, [die Ausgangssperre] beim nächsten Mal zu respektieren.“ Nur mit einem blauen Auge dürfte derjenige, an dem ein Exempel statuiert wird, wohl kaum davonkommen.

Eine wirkungsvollere Ausgangssperre kann man sich eigentlich kaum vorstellen, denn wer will schon bei den Gangs der Favelas anecken? Ob und wie Bolsonaro auf diese gesundheitliche Selbstjustiz reagiert, ist derzeit noch nicht bekannt. Dass die Gangs mit diesem eigenmächtigen Vorgehen die Bevölkerung gefährden, kann man ihnen ja eigentlich kaum vorwerfen. Ganz im Gegenteil, auch wenn organisiertes Verbrechen alles andere als leiwand ist, in diesem Fall kann man sich ein paar Sympathien nur schwer verkneifen.