AKUT

Krisensex. Im Bann apokalyp­tischer Geilbolde

Im Frühling stellten Psycho­logen ein heißes Jahresende in Aussicht: Es wird ein Baby-Boom sein, denn wir werden geil sein. Warum? Weil uns die Geschichte lehrt, dass große Krisen unsere Triebe mobilisieren. Als wahr gilt aber auch, dass Geschichte sich selten wiederholt. Was also? Der WIENER checkte die großen Krisen der ver­gangenen 100 Jahre.

Text: Manfred Sax / Foto Header: Getty Images

Wie heißt es so nett? Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Man denke an Jerome Newton.(1) Wenn es um Sex ging, hatte dieser Newton miese Karten. Er war ein Alien, seine Geliebte steckte Lichtjahre entfernt auf einem anderen Planeten. Aber er wollte Sex mit ihr, und er hatte Sex, wenn auch umständlich. Er klaubte sich die Haftschalen aus den Augen und schnitt sich die Brustwarzen ab, das schuf eine Art Astral-Verbindung, eine Pipeline. Dann holte ihm das Stubenmädchen Mary-Lou einen runter, und so wurde die gewonnene Energie quasi zu Newtons Geliebter ­rübergepumpt. Allerhand.


Bekanntlich ist es die Sehnsucht, die zuletzt stirbt. Wie der Gschrapp, der für ein lange ignoriertes ­Spielzeug erst wieder entflammt, nachdem es weggeschmissen wurde, hast du plötzlich wieder drinnen Bock, wenn es draußen kracht. Für Singles ein Erfindungsgeist weckendes Drama in Zeiten von Lockdown und sozialer Distanz, für Paare eine Alternative: Man hat mehr Zeit zuhause, es gibt keine Ausreden, jedenfalls theoretisch. Und nicht nur das, da ist auch noch diese Sache mit der Angst. „Psychologen haben erkannt, dass Todesangst die sexuelle Sehnsucht weckt“, sagt Dr. Justin Lehmiller(2) vom Kin­sey-Institute, USA. „Es ist ein Mechanismus, mit einer Situation fertig zu werden.“ Zudem steht Angst in Zusammenhang mit Erregung. „Erhöhter Puls und Blutdruck können sexuelle Erregung triggern.“ (Lehmiller) Nicht zu vergessen die ewige Sehnsucht nach Unsterblichkeit, Sex erlaubt dir den Transfer deines Genpools, also ein Weiterleben, wenn auch nur für deine Gene. Nicht viel, aber besser als nichts. Macht in Summe ein Motiv, das (nicht nur) die Wissenschaft „Apocalyptic Hornies“ nennt – in etwa „apokalyptische Geilbolde“. Und wie die Probleme dann auf dich zukommen mögen: Sex ist jedenfalls die Lösung.

Kein Wunder, dass die Psychologen nicht lange warteten. Schon im vergangenen März gingen die Prognosen um die Welt: Es wird ein Baby-Boom sein, denn wir werden geil sein. So ist das nun mal bei großen Krisen. Man machte sich sogar Gedanken, wie man die Elterngeneration der „Coronababys“ nennen sollte – Coronials? Baby-Zoomers? Damit nicht genug, blüht uns nach dem überstandenen Klopapiermangel nun ein Kondommangel. Es will nicht jeder Mensch ein Baby, aber alle wollen ficken.

Allein, wir haben nun Herbst, und es fehlen die Zeichen: kein Engpass bei den Kondomen, kein Ansturm auf Schwangerschaftstests, kein gar nichts. Was ist los mit den Babys? Wo bleibt die Geilheit? Stimmt es überhaupt, dass große Krisen Babys triggern? Der WIENER machte sich schlau. Mit einem Rückblick auf große Krisen der vergangenen 100 Jahre.

Spanische Grippe. Petting-Partys
Zur Lage: „Lockerung der Quarantäne: Schulen und Spielplätze werden wieder geöffnet“ +++ „Studenten brechen Quarantäne, um eine Show zu sehen“ +++ „Das Tragen von Masken auch auf der Straße empfohlen“ +++ „Bitte vor Betreten des Gebäudes die Hände waschen“ +++ Nein, hier geht es nicht um Corona, die Situation war im Jahr 1918 ähnlich, wenn auch trister. Der Erste Weltkrieg lag in den letzten Zügen, die Opfer wurden zu Zahlen (9 Mio. Soldaten, 13 Mio. Zivilisten), und da war dann noch die „spanisch“ genannte Grippe (geschätzte Opfer: insgesamt 50 Mio.). In den Schlagzeilen auch die Suffragetten unter Führung von Emmeline Pankhurst, konsequent in Sachen Emanzipation unterwegs. Gedankensprünge zur #Metoo-Bewegung der Gegenwart sind schwer zu unterdrücken. Eine waschechte Krise. Wie stand es also mit dem Sex? Waren die apokalyptischen Geilbolde aktiv?

Auch vor gut hundert Jahren waren aufgrund einer Pandemie Masken angesagt. Die noch unter dem Eindruck von Giftgas-Einsatz des geraden endenden Kriegs stehende Bevölkerung nahm das eher gelassen.
Foto: Getty Images

Kolportiert ist(3), dass die Behörden den Trieben die Suche nach Entspannung nicht leicht machten. Von Küssen wurde abgeraten, vor vom Krieg heimkehrenden Soldaten eindringlich gewarnt, sie kamen von weit weg, waren also Risikofaktor, bitte ­Abstand halten. Genau das, was ein Soldat nach Jahren im Dreck braucht – schafft es irgendwie nach Hause, und dann nicht einmal eine Umarmung. In Cincinnati, USA, stand eine Anti-Kuss-­Statue, in Madrid wurde ein Mann verhaftet, weil er seine Gattin küsste. Harte Zeiten. Aber 1920 war die Grippe weg. Es brauchte keinen Impfstoff, sie ging von allein. Und die ­Geilbolde wurden locker.

Sexsymbole gab es, allen voran Mata Hari, eine exotische Tänzerin, die „promisk und verführerisch war und ihren Körper offen zur Schau stellte“, wie es hieß. Die umwerfende Holländerin war zwar schon tot, weil sie außerdem Spionin war und standrechtlich erschossen wurde (1917), aber ihre Nacktfotos machen Weltumrundungen bis heute. Wer aber abgesehen vom Einhänder intim werden wollte, musste kreativ sein. Es gab weder Tinder noch Texting, aber es gab Bleistift und Papier. Romantik war gefragt, Liebesbriefe wurden zum unverzichtbaren Musshaben. Und es gab Tagblätter, die ständig vergriffen waren – wegen der Heiratsanzeigen, dem Schlüssel zum Date. Im Lauf der 1920er Jahre begannen die Triebe, zu tanzen, man hätte es sexuelle Revolution nennen können, wären die Worte nicht verpönt gewesen. In New York war der „Kissing Screen“ en vogue, eine dünne Scheibe, die man – Safety first – zwischen die Lippen der einander Küssenden schob. Und ebenso heiß wie schaumgebremst kamen die skandalösen „Petting-Parties“ rüber, wo Paare im Freundeskreis in den Clinch gingen und allerlei schmutzige Sachen machten; die Freunde waren quasi Sittenpolizei, die vorbeugend einschritt, wenn der eine oder andere verbrunzte Lover über den Gedanken stolperte, auch noch ficken zu wollen.

OKboomer. Das Schwein in der Pythonschlange
Dass der Akt dennoch mit beträchtlich erhöhtem Gusto voll­zogen wurde, ist verifiziert. Eine Grafik des US-Zensusbüros z. B., zeigt einen deutlichen Baby-Boom. Ab 1919 hob die registrierte Fertilitätsrate binnen zwei Jahren von 2,6 auf 2,8 Kinder (pro Frau) an. Der Boom begann quasi „pünktlich“ neun Monate nach Kriegsende und endete 1922, um dann bis heute Jahr für Jahr abzusacken. Aber ein starker grafischer „Ausreißer“ sollte sich noch finden. Im Lauf der 1930er-Jahre war die bezeichnende Linie auf einen Tiefstand von 1,8 Babys abgerutscht, um dann zwischen 1946 und 1964 eine große Ausbuchtung in die Demografik zu stanzen, die in der Folge als „Schwein in der Pythonschlange“ einen Namen erhielt, weil es optisch so rüberkam, als hätte eine Python eine Sau verschluckt. Dieses Schwein – die in jenen 18 Jahren geborenen Kinder – ist heute die Generation der Baby-Boomers. Interessantes Detail: Als weltweit emsigste Rein-und-raus-Fans erwiesen sich die Österreicher und Franzosen, die durchschnittliche Österreicherin warf 2,8 Babys. Möglich natürlich, dass mangelnde Aufklärung mit im Spiel war. Abgesehen vom Nachkriegskater, der wohl nach Trost schrie, halfen Umstände mit. Der Wiederaufbau schuf Zukunftsoptimismus, die Boomer-­Generation war jene, für die es Jahrzehnte lang wirtschaftlich nur bergauf ging. Der Kinsey-Report über die Sexualität des Mannes (1948) und der Frau (1953) unterstützte die horizontale Abenteuerlust. Die Anti-Baby-Pille des österreichischen Chemikers Carl Djerassi kam 1961 auf den Markt, später eine Plattform für die flügge gewordene Boomer-Generation, um die sexuelle Revolution anzuzetteln. Großartig für den Hormonhaushalt, wenn auch das Ende jeglichen Baby-Booms. Affengeil zu sein, führte nicht mehr notwendigerweise zu Kindern. Heute steht die Latte weltweit auf 1,4 Kinder pro Frau, Tendenz weiterhin fallend.

In diesem Geburten-Index lässt sich der Babyboom vulgo „Das Schwein in der Python“ (rot) gut erkennen.
Foto: Wikimedia

Aids. Comeback des Kondoms
Bei Erwähnung der Seuche (bis dato 770.000 Tote) rastet man gedanklich habituell in den 1980er-­Jahren ein, das ist verniedlichend, weltweit 38 Mio. Menschen leben heute mit dem HIV-Virus, ein Impfstoff wurde nie gefunden, antiretrovirale Behandlung gestattet eine „normale“ Lebenserwartung. Der Ausbruch von Aids schuf eine Welle der Angst, von Baby-Boom keine Spur, der Boom ereignete sich in der Kondom-Industrie, die Dinger, in Österreich einst nur „Blausiegel“ genannt, hatten ein breites Spektrum und schillernde Namen – Lavetra Contur zartfeucht, London Gefühlsecht feucht, Olla Glyder schleimhautfreundlich und so weiter. Ja, die apokalyptischen Geilbolde waren eindeutig aktiv, die Generation der Yuppies allerdings extrem busy, keine Zeit für Kinder, die sexuellen Stichworte hießen „Safe Sex“, „Quickie“ und „One Night Stand“.

9/11 Terrorsex
Es war eine der angesagten Evolutionen, die tatsächlich stattfanden. Schon zehn Tage nach dem Attentat hatte der Autor Cole Kazdin in Online-Magazin Salon.com einen Baby-Boom als unweigerliche Konsequenz des Terrorakts prophezeit. Die Fertilitätsgrafik zeigt heute nur einen kleinen Ausschlag nach oben, die Zahlen aber sprechen Bände, neun Monate nach dem Anschlag meldeten US-Spitäler einen Geburtenzuwachs von 25 Prozent im Vergleich zum Sommer davor. Paare, die den 11. September 2001 getrennt erlebt hatten, berichteten von ungewöhnlichen Sexakten in den Tagen danach. Ein Homosexueller, der sich am Tag null zur Arbeit im World Trade Center verspätet hatte, erzählte, wie er am selben Tag online einen Partner fand und Sex hatte, „als wäre es das letzte Mal“. Junge heterosexuelle Karrieristen begannen, sich plötzlich für BDSM-Sex zu begeistern. Sexuell betrachtet hatte der Fall der Twin Towers belebende Konsequenzen. „Die Ereignisse“, hieß es in Salon.com, provozierten einen radikalen Wandel der Prioritäten. Arbeit und Besitz zählten vorübergehend nicht mehr, nur Beziehungen waren „echt“. ­Soziologen orteten zwei signifikante Trends. Die einen wollten sich familiär zurückziehen und Kinder machen, die anderen wurden zu Partylöwinnen und -löwen, weil der Gedanke, es könnte die letzte Party sein, nicht mehr so abwegig erschien. Oder, wie der britische Observer im Babyboom-Sommer ’02 zusammenfasste: „Die ­einen lebten plötzlich für die ­Zukunft, die anderen für den ­Moment.“

Corona. Virtuell geil
Somit zurück in die Gegenwart. Ist ein Baby-Boom zu erwarten? Sicher nicht. Bist du geil? Eindeutig. Das verriet die Statistik des Portals Pornhub, das heuer einen Besucheranstieg von 25 Prozent meldete. Die Pornoprofis ­Erika Lust und Casey Calvert ­berichteten dem WIENER sogar ein Plus von 30 Prozent.(4) Die Geilbolde sind unterwegs, wenn auch nur via Taschentuch Richtung Papierkorb. Sexuelle Beziehungen sind heute so kompliziert wie schon in der Pandemie vor 100 Jahren. Die pessimistische Nachricht: Es kann dauern, you know. Die Geschichte zeigt, dass ein Fickboom erst getriggert wird, wenn die Krise vorbei ist. Und die Spanische Grippe währte Jahre. Wenn du neue Zweisamkeit willst, wenn du ficken willst, gilt obiger Satz von der Not, die erfinderisch macht. Die Optionen bislang: Skypesex, Sexting und eine Date-Variante, die „Hook-up Pact“ getauft wurde – die diskrete Vereinbarung zum Treffen an einem verschwiegenen Ort. Nur kann das nicht alles sein, da ist sicher noch einiges drin. Schlag nach bei Jerome Newton.

Foto: Getty Images

Quellen:
(1) Der Außerirdische aus dem Science-Fiction-­Film „Der Mann der vom Himmel fiel“.
(2) kinseyinstitute.org/news-events/news/2017-05-01-justin-lehmiller-writer.php
(3) www.cosmopolitan.com/sex-love/a33901472/dating-during-spanish-flu-pandemic/
(4) WIENER 440