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Weil wir Männer sind

Frage: Warum eigentlich beißen weit mehr Männer als Frauen ins Coronagras? Tenor der Wissenschaft: Stimmt; dieser Frage sollten wir uns mal annehmen. Bis dahin gilt der eine eruierte ­Befund: Männlichkeit ist ein Risikofaktor.

Text: Manfred Sax / Foto: Getty Images

Männlich gesehen ist es verständlich, zumal bei ­Familie: Einkaufen? Sorry, bis auf Weiteres nichts für die Geliebte; für den Nachwuchs sowieso nicht. Oder: Raucher im Haushalt? Überwältigend mehrheitlich der Mann. Dumm, dass die Sache auf die Lungen geht. Dann wär da noch die allgemeine körperliche Robustheit. Die Frau wird im Schnitt sieben Jahre älter als der Mann. Da bleibt nur der positive Spin: Wer will schon vor dem Sarg des Lebensmenschen stehen? Das können Frauen viel besser. Bleibt dennoch die Frage: Warum eigentlich liebt der Tod in Zusammenhang mit dem C-Wort die Männer weitaus mehr als die Frauen? Besagen jedenfalls die bislang verfügbaren Daten. Hier der Werdegang:


First Blood. Der Trend wurde zuerst, klar, in China gesehen. Dort zeigte eine Analyse der Wuhan-Daten bei Männern „mit C“ eine Sterblichkeitsrate von 2,8 %, bei Frauen 1,7 %.(1) Ähnliche Ergebnisse folgten gemäß der Verbreitung. Sterblichkeitsrate der Männer in Italien: 71 %, in Spanien: 67 %, Deutschland: 66 %. Eine globale Studie der Uni Stanford zeigte dann auf, dass das Virus hinsichtlich Geschlecht eindeutig diskriminiert: Bei den Infizierten hielten sich die Geschlechter sozusagen die Waage (Männer: 52 %, Frauen: 48 %), Sterbeverhältnis allerdings: drei zu eins. In der bei Redaktionsschluss letzten verfügbaren Studie, wieder aus China(2), erlaubten sich die Scientists immerhin einen Befund, nämlich: Männlichkeit ist ein Risikofaktor. Allerhand. Da fühlt sich unsereins gleich viel wohler in der Haut. Frage dennoch: warum diese Diskrepanz? Antwort von Prof. Sarah Hawkes, Direktorin des Londoner Zentrums für Geschlecht und Globale Gesundheit(3): „Die ehrliche Antwort ist, dass niemand wirklich weiß, was diesen Unterschied verursacht.“ Immerhin Klartext. Verifiziertes Wissen muss warten, die Forschung bewegt sich bis dato in der Grauzone der Theorie: Daten über Zusammenhänge gibt es, über Kausalität wird spekuliert. Folgend die Lage.

Die Altershypothese. Bert Ehgartner, mehrfach ausgezeichneter Dokumentarfilmer und Sachbuch-Autor mit Spezialfach Medizin(4), bietet eine Kausalkette an. Man nehme die Altersgruppe rund um 80: „Frauen leben häufiger allein, weil die Männer schon tot sind, haben deshalb weniger Infektionsrisiko. Passiert bei einem alten Paar eine Ansteckung, ist die Anfangsdosis von großer Bedeutung. Beim Schlafen etwa ist die Virenübertragung enorm. Und dann stirbt der Schwächere und Ältere der beiden zuerst. Das ist meistens der Mann, der außerdem häufiger (Ex-)Raucher mit vorgeschädigten Lungen ist.“ Dazu der Schweizer Herzspezialist Dr. Paul Vogt: „Bei einem 85-jährigen Mann erhöht Covid-19 die Wahrscheinlichkeit, das nächste Jahr nicht zu erleben, von 8 % auf 16 %.“ Weiters aber: „In jeder Altersgruppe ist das Sterberisiko bei Männern ­doppelt so hoch wie bei Frauen“ (Vogt).

Faktor Lifestyle. Das Dumme ist, dass die Dinge, die Spaß machen, häufig auch die Gesundheit ­gefährden, Beispiel Nikotin und Alkohol und einiges mehr; Nachteil Mann also. Weiters: die Fahrlässigkeiten des Alltags; dass Männer sich seltener die Hände waschen, gilt als gegeben(5), auch sind sie weniger geneigt, die Maske zu tragen, weil das als „uncoole Schwäche“ ausgelegt wird.(6) Und dann wäre noch das, was Erich Striessnig vom Wiener Institut für Demografie(7) als den Unterschied im „Health-Seeking Behaviour“ bezeichnet. Striessnig zum WIENER: „Männer gehen seltener zum Arzt und nehmen vielleicht auch eventuelle ­Symptome weniger ernst.“
Biologische Unterschiede. „Frauen haben generell ein stärkeres Immunsystem“, sagt Striessnig. „Durch das zweite X-Chromosom, das zum größeren Teil für das Immunsystem zuständig ist, verfügen Frauen über ein breiteres Repertoire an Verteidigungsmöglichkeiten.“ Hormone mögen eine zusätzliche Rolle spielen – Östrogene sorgen nachweislich für verstärkte antivirale Reaktionen.

Der übliche Verdächtige. Als da wäre: das Rauchen – das die Funktion der Flimmerhärchen, die den Schmutz aus den Lungen abtransportieren, beeinträchtigt. Höhere Entzündungsgefahr, schlecht bei ­Coronainfektion. Fakt: Raucher machten in einer Analyse 12 % der Infizierten mit geringeren Symptomen aus. Aber 26 % von ihnen landeten auf der Intensivstation oder im Sarg(8). Kurioserweise kam eine jüngere französische Studie des Neurobiologen Jean-Pierre Changeux vom Pasteur Institut(9) zum gegenteiligen Schluss. Aufgrund demografischer Daten (Frankreich: über 25 % Raucher, „nur“ 7 % Covid-Opfer) forcierte er die Hypothese, Nikotinpflaster könnten vor Infektion schützen. Dazu Striessnig: „Ich würde das mit Vorsicht bewerten, die Studie wurde noch keinem Peer Review (wissenschaftliche Prüfung, Anm.) unterzogen. Und ins Internet hochladen kann schließlich jeder.“

Zusammenfassung. Was Gesundheit anbelangt, steht der Mann in Forschungsfragen weiterhin ziemlich hinten in der Warteschlange. Die oft schon von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angeregte Empfehlung, Studiendaten nach Geschlecht zu trennen, wird weitgehend ignoriert. Männer und Frauen werden oft unterschiedlich von Seuchen bedient. Zur Frage, warum dem so ist, fehlen die wichtigen Antworten. Immerhin: Das Problem hat mit Biologie, Lifestyle und Verhalten zu tun. Der Mann ist Risikozone, weil er ein Mann ist.

(1) Wuhan bis 11.02.2020: weekly.chinacdc.cn/en/article/id/e53946e2-c6c4-41e9-9a9b-fea8db1a8f51
(2) www.tagesschau.de/ausland/corona-maenner-frauen-
sterblichkeit-101.html

(3) www.ucl.ac.uk/global-health/igh-centre-list/centre-ggh
(4) bertehgartner.com/?fbclid=IwAR1LK44dAnSXB_
DVaWiA1S5sicuL5Z6ezRYVx-1SfXNnRVntZhgTi6plIFQ

(5) www.cleaninginstitute.org/sites/default/files/assets/1/AssetManager/2010%20Hand%20Washing%20Findings.pdf
(6) www.thehill.com/changing-america/respect/equality/497814-men-less-likely-to-wear-face-masks-because-theyre-not-cool
(7) www.researchgate.net/profile/Erich_Striessnig
(8) www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2002032
(9) www.qeios.com/read/FXGQSB.2