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„Hinfallen, Corönchen richten, weitergehen.“

„Die Wirtin“ Darija Kasalo empfängt in Shirt und Maske der Designerin Ina Alber in ihrem Lokal „Ungar Grill“. Sie hatte gerade richtig viel zu tun, als es am 10. März „Shutdown“ hieß. Seither weiß sie nicht, wie es weitergeht, und wundert sich über die Politik. Das „Ungar Grill“ wird sie mit Ende Juni zusperren müssen, falls nicht doch noch ein Wunder passiert.

Datum: 18. 05. 2020 um 13.00 Uhr
Ort: Ungar Grill, Burggasse, Wien
Interview: Manfred Rebhandl
Fotos: Maximilian Lottmann

wiener: Sie stammen aus der ostkroatischen Stadt Vukovar. Von September bis November 1991 gab es dort die sogenannte „Schlacht um Vukovar“, die jugoslawische Volksarmee belagerte die Stadt, es kam zu ethnischen Säuberungen und Massakern.
kasalo: Ich war siebeneinhalb Jahre alt damals, und wir waren dort mitten im Krieg. Davor lebten wir dieses Jugoslawien-Gefühl mit Tito, meine Eltern sind nicht in Geld bezahlt worden, sondern in Bons. Meine Großeltern bekamen schon Pension, dann haben die Eltern immer mit ihnen getauscht, solche Sachen. Vukovar war eine 30.000-Einwohner-Stadt, in Jugoslawien die zweitreichste mit dem Hafen und der Industrie, eine wunderschöne, barocke alte Stadt mit 23 „Minderheiten“, voll Multikulti, nie Probleme. Obwohl: Mein Opa hat zehn Jahre vor dem Krieg schon gesagt: „Wenn Tito tot ist, haut ab!“ Aber mein Vater war Schriftsetzer und Buchbinder, er war bei der Gewerkschaft und wollte das nicht glauben. Er hat immer allen geholfen und sich immer mit allen gut verstanden.


Und dann begann der Krieg.
Wir lebten in unserem Haus im Keller, mussten immer wieder raus und wurden kontrolliert. Einmal habe ich mich vor meinen Vater gestellt, als sie ihn erschießen wollten, pfuuh. Sie haben dann imaginäre Grenzen aufgebaut, und dann musste ich mich von meinem Vater verabschieden. Sie haben gesagt: Der kommt jetzt mit.

Für Sie war klar: Sie sehen Ihren Vater nie wieder?
Ja, den werden sie jetzt erschießen, das war klar. Das waren ­Bekannte aus der Nachbarschaft, die ihn mitgenommen haben. Die Mama mit meiner sieben Jahre älteren Schwester Nives und mir haben sie vertrieben, wir sind in Bosnien bei serbischen Nachbarn untergekommen, die haben in Vukovar zwei Häuser weiter ­gewohnt. Weil er so viele Leute kannte, hat mein Vater am Ende doch überlebt und uns nach drei Wochen dort gefunden. Wobei mein Vater immer gesagt hat: Ich hab ihm das Leben gerettet. Aber pfuuh, das war für mich schon immer sehr heftig, weil: Ich war ja ein Kind!

Blöde Frage, aber: Hatten Sie große Angst in dieser Zeit?
Hm. Lustigerweise willst du ­einfach nur, dass es aufhört. Die Angst kommt erst später.

Bis dahin waren Sie ein glück­liches, unbeschwertes „jugo­slawisches“ Kind?
Voll. Ich war immer ein sonniges Kind. Wir haben so Pionierröckchen getragen, und überall hingen die Fotos von Tito.

Wie kamen Sie dann nach Österreich?
Wir kamen illegal nach Lanzendorf an der Stadtgrenze zu Wien, nahe Schwechat. Die ersten paar Mal, wenn dort Flugzeuge gelandet sind, haben wir uns auf den Boden geschmissen, weil wir es so gewohnt waren. In Vukovar gab es ja 3.000 Luftangriffe am Tag. Meine Eltern hatten 200 Schilling in der Tasche, ein Auto, zwei Kinder und haben nochmal ganz neu angefangen. Ich weiß nicht, wie viele Wohnungen meine Mutter geputzt und wie viele Fliesen mein Vater verlegt hat. Sie haben sich ein neues Leben aufgebaut, ohne Kredite, ohne Schulden. Ich habe einen großen Respekt vor meinen Eltern. „Geht nicht“ gab’s bei ihnen nicht.

Sie kamen dann gleich in die Schule?
Ich habe ein Jahr ausgesetzt, wir waren ja illegal und mussten alle drei Monate ausreisen, um wieder den Stempel zu kriegen. Unser Glück war, dass wir in einer kleinen Gemeinde waren, da lernt man schnell Leute kennen. Ich war dann immer alleine zu Hause und hab mit dem Fernseher Deutsch gelernt – Confetti Tivi, Knickerbockerbande, Tom Turbo …

Deutsch mit Thomas Brezina?
Ja! Nach zwei Monaten konnte ich die Sprache perfekt, keine Ahnung, wie das geht. Ich musste dann auch mit den Eltern immer zu den Ämtern gehen, und dort hörte ich immer „Sie werden abgewiesen, Sie haben keine Chance hierzubleiben“. Irgendwann war ich deswegen in der Schule so traurig, dass das der Volksschuldirektorin aufgefallen ist, und der habe ich erzählt, dass wir wieder gehen müssen. Die hat mich dann an der Hand genommen und ist mit mir zum Bürgermeister gegangen. Dem habe ich unsere Geschichte erzählt, und dann durften wir doch bleiben.

Ist so etwas wie Hass oder Bitterkeit geblieben?
Wir haben in der Familie immer total zusammengehalten, wir sind alle weder frustriert noch bitter, und ganz sicher hassen wir keine Serben. Aber es ist eine Erfahrung, die dir keiner nehmen kann, und eine, die die wenigsten verstehen können. Ganz tief drinnen bleibt natürlich etwas, aber jammern bringt ja nix.

Die Matura absolvierten Sie dann bereits als Wiener Mädel?
Ja sicher, in der Rochusgasse im BORG 3. Ich habe nie viel gelernt, war ab 14 immer unterwegs, im „Flex“, in der „Arena“. Das hat sich aber im Rückblick total ausgezahlt, weil ich damals schon in den unterschiedlichsten Szenen unterwegs war – Models, Musiker, Architektur. Meine Eltern sind in der Zeit halt ein bissel durch die Hölle gegangen – „Wo ist die Darija schon wieder?“ Ah ja, im „Jenseits“ bin ich auch oft pickengeblieben!

Die Studienwahl fiel dann zunächst auf Jus.
Ich wollte immer die Welt verbessern. Mit zwölf oder 13 bin ich zu meinem Vater und habe ihn gefragt, ob ich den Staat verklagen kann, weil ich keine Kindheit hatte. Und er hat gesagt: „Hm, ja, warum nicht?“ Da war für mich klar, ich werde Menschenrechtlerin. Ich ging also aufs Juridicum, was natürlich ein großer Fehler war. Ein Jahr lang hab ich mich dort gequält mit diesen Trotteln und Schnösis, und ein Jahr haben die mich gefragt: „Was machst du überhaupt hier, die Kunstuni ist da drüben.“ Oida! Bis ich mir eingestehen musste, das Studium ist ein Vollschas, was mir mein Physiklehrer schon prophezeit hat. Also habe ich Internationale Entwicklung inskribiert mit späteren Jobmöglichkeiten bei der UNO, in der Forschung, bei NGOs oder Parteien usw. Ein Studium, das sie mittlerweile natürlich wieder eingestellt haben, weil … na ja, es zu international und zu weit denkend war. Jedenfalls sehr interdisziplinär mit Wirtschaft, Religion, Soziologie. Ich habe es mit Architektur kombiniert, das war sehr spannend, sehr bunt.

Ihre Magistraarbeit trägt den ­Titel „Krieg als Chance“.
Ich hab mich dafür ein Monat lang nach Vukovar verzogen und dort Feldforschung gemacht, habe 13 Interviews geführt mit verschiedensten Leuten und viele sehr arge, sehr interessante Sachen gehört. Für jeden war der Krieg natürlich total unverständlich, keiner wollte ihn haben, und trotzdem ist er passiert. Bis heute ist das dort nicht aufgearbeitet, alle leben nach wie vor getrennt, die Schulen und alles. Aber ich habe dort eine super Zeit mit meiner Oma verbracht, die wohnt normalerweise bei meiner Tante in Osijek, ist aber diesen einen Monat mit mir dorthin gezogen. Und der Da Vinci war auch dabei, den habe ich seit August 2013 – ein serbischer Hund mit einem italienischen Namen in einem ungarischen Lokal in Wien …

… mit einem Frauchen, das nach wie vor dem Pass nach Kroatin ist.
Genau. Voll multikulti!

Dann lief Ihnen gewissermaßen das „Ungar Grill“ zu, Ihr Lokal hier im 7. Wiener Bezirk.
Das war das Ding! Draußen hing der Zettel: Lokal zu vermieten. Ich bin da bei der Gartentüre rein, die war offen, hier in den Gastgarten. Sofort hab ich mir gedacht: Oida, das ist es! Am 31. 1. 2014 hab ich’s gesehen, am 31. 7. hab ich den Schlüssel gehabt, am 4. 9. hab ich aufgesperrt. Mein Vater ist all-in gegangen, hat mit seinem ganzen Ersparten für einen 60.000-Euro-­Kredit gebürgt, damit hab ich ­begonnen. Am Anfang habe ich alles alleine gemacht, aber die ganzen Leute, die ich eben von früher kannte, die ganze Musikerszene war gleich bei mir. Und am ersten Tag schon ist der strenge Gastrokritiker Florian Holzer gekommen, der hat „alles“ bestellt, was ich hatte, aber ich hatte damals nur Brote. Gott sei Dank mochte er den Da Vinci, also hat er mich nicht zerfetzt … (lacht).

Sie haben dann jahrelang sehr wenig geschlafen und „Die Wirtin“ quasi als Marke aufgebaut mit vielen Fototerminen und ­Modeljobs nebenher.
Ich habe sehr wenig geschlafen, und ich als „Wirtin“ in einer Männerdomäne, das war schon auch ein Statement.

Dann ging’s sogar in Richtung Imperium, als Sie ein weiteres Lokal dazu genommen haben.
Im September 2018 war dann das „Grillx“ frei, da ist gerade mein Vater gestorben zu der Zeit, das war sehr, sehr arg. Das „Ungar Grill“ ist solide gelaufen, und es war immer ein Musikerlokal, daher hat sich das Booking für das „Grillx“ fast von selbst ergeben. Ich hatte mir schon die wunderbarsten Gäste „herangezüchtet“, und das habe ich erst gestern wieder gemerkt, als mir einige den Garten hier aufgebaut haben. Am Samstag, am zweiten Tag nach der Öffnung, hat mir einer gleich angeboten, gratis für mich zu arbeiten. Am Freitag, am ersten Tag, haben alle zwanzig Biere oder dreißig gesoffen, obwohl sie eh nicht mehr konnten, nur, ­damit sie mir helfen. Herz­zerreißend.

Und hilft’s was?
(Lange Pause.) Nein. Am 30. Juni muss ich zusperren, wenn kein Wunder passiert.

Jetzt brauch ich einen Schnaps.
Birne?

Moment, wie spät haben wir? 14 Uhr? Ja, Birne. Prost.
Das Haus hier haben jetzt Chinesen gekauft, bravo, und die haben meinen Pachtvertrag natürlich nicht verlängert. Ich habe ja eine Befristung, dafür habe ich diese horrenden Ablösen für Lokale, wie sie in Wien normalerweise üblich sind, nicht zahlen müssen. Die Chinesen aber wollen jetzt Luxuswohnungen hier machen.

Sehr originell.
Na was sonst! Was wir halt brauchen in der Stadt! Luxuswohnungen, her damit! Bis auf drei Wohnungen stehen hier schon alle leer, von wegen Wohnungsnot! Aber da bist du gefickt, da interessiert es keinen, was „Kultur“ oder „Szene“ in Wien ausmacht. Das Geld scheißt die Stadt zu und verdrängt alles Kleine, und alle schauen deppert oder sind sogar dafür.

Und die Grünen, die den Bezirk regieren, sind wieder mal zu deppert, um daraus eine Geschichte zu spinnen? „Szenewirtin wird von Immobilienspekulanten vertrieben – Skandal!“
Genau so ist es. Der Herr Bezirksvorsteher Reiter pflanzt zwar überall Bäumchen im Bezirk, aber mein alter Walnussbaum hier im Garten muss weg. Der ist auch immer ­gerne gekommen, aber hat sich erst gestern gemeldet, am Dienstag treffen wir uns. Mal schauen, ob den Grünen was anderes einfällt als reden. Es ist alles ein Wahnsinn, wirklich. Ein Wahnsinn!

Sind Sie härter geworden?
Jetzt in der Coronazeit auf jeden Fall. Jetzt kam so viel ans Tageslicht, was man gefühlsmäßig eh immer schon gewusst oder geahnt hat, aber man ist durch die ganze Arbeit immer abgelenkt gewesen. Jetzt durch den Shutdown haben viele ihr wahres Gesicht gezeigt: Mitarbeiter, die immer alles von mir gekriegt haben, die ich über Kollektivvertrag bezahlt habe und die Essen und Trinken gratis hatten, klagen mich jetzt bei der AK! Als Wirtin arbeite ich eigentlich eh nur für den Staat, für die Mitarbeiter und die Lieferkette. Aber in der Gastro lernst du die Leute kennen, das ist arg. Dabei denkst dir die ganze Zeit nur: Zufriedene Mitarbeiter sind gute Mitarbeiter. Aber dann ruft mich einer an und sagt: „He, du schaust auf dem und dem FB-Foto so glücklich aus, das melde ich der AK.“ Kein Scheiß! Da hatte ich Geburtstag, und der denkt – was weiß ich –, dass ich jetzt in Sack und Asche herumlaufen muss. „Ich kann meine private Miete nicht zahlen!“, jammert er – „Na, was glaubst? Ich kann meine private und zwei Geschäftsmieten nicht zahlen!“

So eng?
Ich hab echt nichts mehr. Jetzt für den Betrieb bis zum Ende nicht einmal eine Küche, weil ich keine Ware habe, keine Leute, nichts. Die Leute sollen sich was mitnehmen oder bestellen. Seit letzter Woche (Anm.: Mitte Mai) weiß ich einfach, dass sich das alles nicht mehr ausgehen kann: Heute passen 48 Leute rein, normal sind es 120, und die Öffnungszeiten sind auch kürzer. Aber die laufenden Kosten bleiben natürlich gleich! Das alles kann sich also nicht ausgehen! Überbrückungskredit? Keine Chance! Normaler Kredit? Der Bankberater lacht mir ins Gesicht: Haben Sie Sicherheiten? Hahaha! SVA und so ist zwar ­gestundet, okay, aber die Rechnung wird irgendwann fett ­hereinkommen.

Und die „Hilfen“?
(Lacht.) Die großartige Idee „Softdrinksteuer“, danke! Ich habe am Freitag und Samstag genau einen Espresso verkauft, keinen einzigen Softdrink, sonst nur Alkohol, Steuerersparnis: null! Also Danke für eine weitere gloriose Maßnahme. Hauptsache „Wir lassen niemanden zurück“, ich lache mich kaputt. Wie ich bei der Pressekonferenz zu den Hilfs­paketen gehört habe: 500 Euro, da habe ich mich eine Woche lang hingelegt, voll die Depression. Ich hab mir gedacht: Wie stellen die sich das vor, was stellen die sich vor? Sind die deppert? Das einzige, was ich mir jetzt vor­nehme, ist, nicht insolvent gehen. Weil dann kann sich „Die Wirtin“ woanders was Neues auf­bauen, ev. mit Crowdfunding. ­Interessenten bitte melden!

Und was machen derweil die Chinesen?
Die haben mir eine Baustelle in den Garten gepflanzt und waren sogar schon in der Küche und wollten mit Stemmen anfangen. Der Bauträger, oder was der halt ist, hat mir das Lokal dann für 1,5 Millionen zum Kauf angeboten, so läuft das in der Stadt Wien. Ja danke, ich verdopple auf drei! Das ist alles so ein Scheiß, es geht immer nur um Geld, Geld, Geld, und die Stadt und alle lassen es zu. Das Ungargrill war seit 1954 ein Lokal, aber ein Lokal mindert ja den Wert der Luxuswohnungen, so geht die Rechnung. Geld ist wichtiger als ­Kultur. Vier Mal schon wurde das Haus weiterverkauft, seit ich hier bin. Wie geht denn so was? Was soll denn der Scheiß überhaupt? Noch eine Birne? Auf die scheiß Hiobsbotschafen, echt! Ich hab die Schnauze voll! Veltliner auch?

Ja, warum nicht?
Auf Unkraut vergeht nicht. Die Coronazeit hat mich jetzt oft an meine Eltern denken lassen, die alles verloren haben. Sechs Jahre lang habe ich mir etwas aufgebaut, jetzt alles zu Ende. Aber ich sage immer: Hinfallen, Corönchen richten, weitergehen.


Darija Kasalo
wurde 1984 im ostkroatischen Vukovar geboren und erlebte dort als Siebenjährige den Krieg. Ihre Familie floh 1992 nach Österreich, sie maturierte und studierte Jus und Internationale Entwicklung, die sie mit dem Magistratitel abschloss. Während ­ihrer Studienzeit kellnerte sie über viele Jahre lang und machte sich dabei fit für ihre Karriere als „Die Wirtin“, als die sie das Wiener Nachtleben der letzten sechs Jahre mit ihren zwei Lokalen „Ungar Grill“ und „Grillx“ maßgeblich bereicherte.

Ungargrill, Burggasse 97, 1070 Wien, Reservierungen: office@ungargrill.at