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ZEITREISE

Wiens zweites Gesicht

Ein neuer Prachtband zerlegt das Wien der Jahrhundertwende in seine echten Bestandteile. Herausgeber Philipp Blom versammelt neun Historiker:innen, die hinter Ringstraßen-Glanz und Kaffeehaus-Mythos eine zerrissene, vielstimmige Stadt freilegen – „Wien.

Von Redaktion · 16. August 2026 · 2 Min. Lesezeit
Wien um 1900: das Burgtheater an der Ringstraße, historische Photochrom-Aufnahme

Aufbruch um 1900″ erscheint am 16. September 2026 bei Brandstätter, 75 Euro.

Wien um 1900, das kennt jeder: Fiaker-Geklapper am Ring, Klimts Gold, ein Häferl Melange im Café Central, wo angeblich schon halb Europas Weltverbesserer Schach spielten. Das Bild sitzt so fest, dass man vergisst, wie viel es verschweigt. Hinter den historistischen Fassaden der Ringstraße wuchs eine Millionenstadt, die zwischen Aufbruch und Existenzangst schwankte, Zuflucht für halb Mitteleuropa und Nährboden für Ideen, die bis heute nachwirken.

Genau dort setzt „Wien. Aufbruch um 1900″ an. Der in Wien lebende Historiker und Ö1-Moderator Philipp Blom hat für den Prachtband Kolleg:innen aus Wien, London, Washington und Cambridge versammelt, die das Klischee von der goldenen Jahrhundertwende gegen den Strich bürsten.

Buchcover „Wien. Aufbruch um 1900
„Wien. Aufbruch um 1900″, herausgegeben von Philipp Blom. © Christian Brandstätter Verlag

Was die Fassade verdeckte

Der Wiener Stadthistoriker Peter Eigner zeichnet nach, wie sich hinter den Ringstraßenpalästen eine Stadt der Kontraste auftat: rasantes Wachstum, Zuwanderung aus der gesamten Monarchie, daneben Armut in den Vorstädten. Der Genealoge Georg Gaugusch ergänzt die Perspektive des jüdischen Großbürgertums, ohne dessen Mäzenatentum die Wiener Moderne kaum denkbar wäre, von Ausstellungen bis zu jenen Salons, in denen Kunst und Kapital aufeinandertrafen.

Wer bisher nicht vorkam

Zwei Beiträge korrigieren, wen man sich unter „Wien um 1900″ gemeinhin vorstellt. Die Historikerin Veronika Helfert schreibt die Frauen- und Arbeiter:innenbewegung in die Erzählung zurück, die in den gängigen Klimt-und-Kaffeehaus-Bildern selten vorkommt. Der britische Kulturhistoriker Gavin Plumley, der derzeit an einer eigenen Geschichte queeren Lebens im Wien der Jahrhundertwende arbeitet, macht sichtbar, was die offizielle Erzählung lange ausgeblendet hat.

Ein Ideenlabor mit Nachhall

Dass diese Stadt bis heute nachwirkt, ist die These, mit der auch der Economist-Redakteur Richard Cockett reüssiert – für sein Buch „Stadt der Ideen: Als Wien die moderne Welt erfand“ bekam er 2025 den österreichischen Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch des Jahres. Sein Beitrag im neuen Band spannt den Bogen von Freuds Praxis bis zur Architektur der Ringstraße und zeigt, wie eng Kunst, Wissenschaft und Politik im Wien der Jahrhundertwende verflochten waren. Steven Beller, Herausgeber der vielzitierten Anthologie „Rethinking Vienna 1900″, liefert dazu die internationale Einordnung, Kulturwissenschaftlerin Natalie Lettner und Politikwissenschafterin Julia Carrera steuern weitere Kapitel bei.

Infobox: Wien. Aufbruch um 1900
Herausgeber: Philipp Blom
Verlag: Christian Brandstätter Verlag, Wien
Erscheinungstermin: 16. September 2026
Umfang: 272 Seiten, Hardcover, über 300 Abbildungen, Farbschnitt
Preis: 75 Euro
ISBN: 978-3-7106-0978-7

Der Fiaker klappert heute noch am Ring, die Melange schmeckt noch immer nach Vergangenheit. Nur weiß man nach diesem Buch etwas genauer, wessen Wien man da eigentlich betritt.

Quelle: Presseinformation Christian Brandstätter Verlag, brandstaetterverlag.com. Weiterlesen zur Wiener Moderne: Hotel Beethoven, das der Secession eine eigene Etage widmet. Und: Wie man den schönsten Abend in Wien verbringt.