Der Tagtraum aus Affalterbach
Mercedes-AMG baut mit dem CLE 646 Spezialanfertigung ein 646 PS starkes Solo-Antriebs-Coupé, das schon vor der Premiere ausverkauft war.

Nur 30 Stück entstehen handgefertigt in Affalterbach, mit reinem Hinterradantrieb, Carbonkarosserie und einem Datenblatt, das eher nach Rennstrecke klingt als nach Alltag.
Es begann, wie die besten Geschichten bei AMG offenbar beginnen: mit ein paar Ingenieuren, die sich heimlich einen Traum bauten, für den es zunächst gar keinen Auftrag gab. Aus dem Prototyp wurde die zweite Ausgabe der Mythos-Reihe, jener Sammler-Sublinie, die 2022 mit dem offenen PureSpeed begann. Diesmal blieb das Dach drauf, dafür flog fast alles andere über Bord, was nicht direkt der Rundstrecke dient. „Hochrational denkende Ingenieure träumten von einem höchst irrationalen Auto“, sagt AMG-Chef Stefan Weckbach dazu – und genau so liest sich das technische Datenblatt auch.
Was steckt unter dem Carbon-Kleid?
Herzstück ist der überarbeitete AMG-4,0-Liter-V8-Biturbo mit 646 PS (475 kW) und 850 Newtonmetern Drehmoment, der von 2.500 bis 4.500 Touren anliegt. Eine Flat-Plane-Kurbelwelle sorgt für schnelleres Drehen, ein Abgassystem mit Akrapovič-Endrohren für den passenden Sound. Die Kraft geht über die 9-Gang-Speedshift-Wandlerautomatik ausschließlich an die Hinterachse, mit elektronisch geregeltem Sperrdifferenzial. In 3,9 Sekunden geht es auf 100 km/h, nach 11,4 Sekunden auf 200 km/h, Schluss ist erst bei 310 km/h.
Warum aus Allrad plötzlich Hinterradantrieb wird
Die größte technische Kehrtwende betrifft den Antrieb: Das AMG-Performance-4MATIC+-System des Spender-CLE wurde komplett entfernt. Das spart Gewicht und verändert den Charakter des Autos grundlegend – kontrolliertes Driften eingeschlossen. Dazu passt die neu entwickelte Stahlfeder-Coilover-Fahrwerksabstimmung von AMG und KW automotive mit vierfach verstellbaren Dämpfern, eine AMG-Keramik-Hochleistungsbremsanlage mit 420-Millimeter-Scheiben vorne und ein manuell verstellbarer Frontdiffusor mit den Positionen „Street“ und „Race“. Karosserieverbreiterungen um 60 Millimeter vorne wie hinten schaffen Platz für 20-Zoll-Schmiedefelgen und breite Reifen, die auf eine Weiterentwicklung der Mercedes-AMG-One-Reifentechnologie zurückgehen.
Wie viel Auto bleibt noch übrig?
Im Innenraum ist Verzicht Programm: Rückbank, Akustikdämmung und ein Teil der Komfort- und Assistenzsysteme sind gestrichen, das Soundsystem wurde vereinfacht. Stattdessen gibt es ultraleichte Rennschalensitze, Carbon-Türverkleidungen und einen Überrollbügel, optional Sechspunktgurte. Macht in Summe rund 170 Kilogramm weniger Gewicht als beim Spenderfahrzeug CLE 53, auf dessen Basis jedes Exemplar in Affalterbach von Hand aufgebaut wird – in der Tradition von AMG-Manufakturikonen wie dem 300 CE 6.0 „The Hammer“.
Alle 30 Exemplare des CLE 646 Spezialanfertigung sind längst verkauft, noch bevor der Wagen offiziell debütierte – der irrationale Traum der Affalterbacher Ingenieure hat demnach offenbar mehr Menschen erwischt als nur sie selbst.









