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Toleranz ist keine Gleichgültigkeit

Die italienische Schriftstellerin Dacia Maraini bekommt den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln 2026. Die Verleihung findet am 22. November 2026 in Krems statt, im Rahmen der Europäischen Literaturtage, mit Katja Gasser im Gespräch und Maike Albath als…

Von Redaktion · 28. September 2026 · 4 Min. Lesezeit
Die italienische Autorin Dacia Maraini erhält den Toleranzpreis des Österreichischen Buchhandels 2026

Laudatorin.

Ein halber Löffel Reis am Tag. Mehr gab es nicht für ein Kind im japanischen Internierungslager, in dem die Familie des Ethnologen Fosco Maraini von 1943 bis Kriegsende gefangen war, weil sie sich weigerten, Mussolinis faschistischer Marionettenrepublik von Salò die Treue zu schwören. Die kleine Dacia war sieben, aß, wenn es sein musste, Ameisen, und ihr Vater hackte sich aus Verzweiflung einen Finger ab. Mehr als achtzig Jahre später hat Dacia Maraini genau darüber ein Buch geschrieben, „Ein halber Löffel Reis“, 2025 im Folio Verlag auf Deutsch erschienen.

Und jetzt, mit 90 Jahren, bekommt sie dafür einen der bedeutendsten Literaturpreise Österreichs, wobei „dafür“ zu kurz greift. Der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels würdigt mit ihr ein Lebenswerk, das seit mehr als sechzig Jahren jenen eine Stimme gibt, die man sonst gern überhört: Frauen, Ausgegrenzte, Opfer von Gewalt. Toleranz, heißt es in der Begründung der Jury, bedeute nicht Gleichgültigkeit, sondern die aktive Bereitschaft, den anderen zu verstehen. Nach einer Kindheit, in der genau das fehlte, ist das kein Satz aus dem Lehrbuch, sondern gelebte Biografie.

Wer ist Dacia Maraini?

Geboren 1936 in Fiesole bei Florenz, wuchs Maraini in Japan und auf Sizilien auf. Mit ihrem Debütroman „La vacanza“ wurde sie 1961 über Nacht berühmt, wurde zur Lebensgefährtin von Alberto Moravia und schloss sich in den 1970er-Jahren der italienischen Frauenbewegung an. Als eine der ersten italienischen Autorinnen schrieb sie offen über Vergewaltigung, Inzest und sexuelle Gewalt aus feministischer Perspektive, Themen, die auch in Österreich gerade wieder Konjunktur haben, wie zuletzt der WIENER-Artikel „Die Einwilligung, die keine war“ gezeigt hat. Für ihr Werk erhielt Maraini unter anderem den Premio Strega, Italiens wichtigsten Literaturpreis. Auf Deutsch liegen im Folio Verlag zuletzt „Drei Frauen“, „Trio“, „Tage im August“ und eben „Ein halber Löffel Reis“ vor, 2026 folgt „Ragazze di Palermo“.

Buchcover Ein halber Löffel Reis von Dacia Maraini, erschienen im Folio Verlag
„Ein halber Löffel Reis“: Marainis Erinnerungen an die Kindheit im japanischen Internierungslager, 2025 im Folio Verlag erschienen. © Folio Verlag

Die Verleihung in Krems

Die Zeremonie findet als literarisch-musikalische Matinee am Sonntag, dem 22. November 2026, um 11 Uhr im Klangraum Krems Minoritenkirche statt, einer profanierten gotischen Klosterkirche in Stein an der Donau, die seit 2002 als Konzert- und Veranstaltungsort dient. Katja Gasser, ORF-Literaturchefin, führt das Gespräch mit der Preisträgerin, die Laudatio hält die deutsche Italianistin und Übersetzerin Maike Albath, für die musikalische Umrahmung sorgt der Wiener Akkordeonist Otto Lechner. Die Matinee bildet seit 2017 traditionell den krönenden Abschluss der Europäischen Literaturtage, die heuer von 19. bis 22. November 2026 unter dem Motto „Zuversicht“ in Krems stattfinden, mit Autor:innen wie Robert Menasse, Jonathan Coe, Maja Haderlap und Dorota Masłowska. Das vollständige Programm gibt der Veranstalter, die NÖ Festival und Kino GmbH, laut eigener Ankündigung erst Ende September bekannt.

Klangraum Krems Minoritenkirche in Stein an der Donau, Ort der Preisverleihung an Dacia Maraini
Der Klangraum Krems Minoritenkirche in Stein an der Donau, Schauplatz der Preisverleihung am 22. November 2026. © Wikimedia Commons

Eine lange Reihe großer Namen

Der Ehrenpreis für Toleranz in Denken und Handeln, im Buchgewerbe kurz Toleranzpreis genannt, ist die höchste Auszeichnung, die der österreichische Buchhandel zu vergeben hat, ungefähr das, was der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Deutschland ist. Vergeben wird er seit 1990, als Milo Dor den Anfang machte. Seither reiht sich die Liste der Preisträger:innen wie ein Who’s who der literarischen Aufklärung: Simon Wiesenthal, Ilse Aichinger, Christine Nöstlinger, Elif Shafak, Navid Kermani, David Grossman, zuletzt 2025 Eva Menasse. Dacia Maraini ist damit auch die bislang älteste Preisträgerin in dieser Reihe, und mit Blick auf ihr Frühwerk aus den frühen Sechzigerjahren wohl auch jene mit der längsten literarischen Laufbahn.

Wie kommt man zur Matinee?

Termin: Sonntag, 22. November 2026, 11:00 Uhr
Ort: Klangraum Krems Minoritenkirche, Minoritenplatz 4, 3500 Krems-Stein
Programm: Gespräch mit Katja Gasser, Laudatio von Maike Albath, Musik von Otto Lechner
Rahmen: Europäische Literaturtage 2026, „Zuversicht“, 19. bis 22. November 2026
Tickets/Info: europaeischeliteraturtage.at, Gesamtprogramm ab Ende September 2026

Der Preis heißt Toleranz in Denken und Handeln. Dacia Maraini hat beides früh gelernt, am eigenen Leib, mit einem halben Löffel Reis am Tag. Dass sie neunzig Jahre später dafür in einer Kirche in der Wachau geehrt wird, ist die Art von Pointe, die sich keine Jury hätte ausdenken müssen. Die Geschichte hat sie selbst geschrieben.