Heißer Reifen, Kalte Kuchl: Harley CVO Road Glide ST
Die Harley-Davidson CVO Road Glide ST in Inferno Grey ist der Straßenableger jener Rennserie, die heuer in Spielberg die Tribünen zum Kochen brachte. Wir haben sie über die Hausstrecken der Wiener Motorradfahrer getrieben und dabei ein paar Weltbilder zerlegt. Unser eigenes inklusive.

Auf den Punkt
Die CVO Road Glide ST ist mit 127 PS und 193 Newtonmetern das Sportlichste, was Harley-Davidson derzeit mit Koffern baut. Rund 380 Kilo bleiben 380 Kilo, aber das Trumm biegt mit erstaunlich viel Schräglage ums Eck und blamiert auf der Passstraße so manchen, der sich auf dem leichteren Gerät in Sicherheit wähnt. Billig ist der Spaß nicht: Listenpreis in Österreich ab 59.900 Euro, unser Testbike lag bei rund 74.000.
Machen Sie jetzt bitte nicht den klassischen Fehler. Denken Sie nicht an die speckige Fransenkutte, verchromten Cupholder und den Sonntagsausflug mit der Mirli-Tant‘ am Sozius nach Mariazell, auf einen Cappuccino mit viel Schlag und ein halbes Kilo Pirker Lebkuchen zur Darmversiegelung. Denken Sie an einen voll ausgestatteten PAX vom Schweden-Tischler. Zwei Meter zwanzig hoch, mit Schuhregal, Krawattenhalter und Innenbeleuchtung. Und dem klebt jetzt jemand eine Startnummer auf die Tür und schickt ihn zum Bergrennen. Dann sind Sie schon deutlich näher dran.
Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht. Man trägt keine Socken in Sandalen, man bestellt beim Heurigen keinen Aperol, wurscht ob mit Wein oder Prosecco, und man überholt mit einer Harley keine Reiseenduro in der Kehre. Letzteres galt bis vor Kurzem als Naturgesetz, ungefähr so verlässlich wie die Wartezeit am Schalter der Bezirkshauptmannschaft, wenn der Reisepass wiedermal exakt 4 Tage vorm Sommerurlaub ausgelaufen ist. Dann kam der Bagger World Cup und hat diese Ordnung durcheinandergebeutelt wie ein Kleinkind die Schneekugel aus dem jenen heiligen Mariazell.
Ich gestehe: Ich war angefixt. Wer im September in Spielberg gestanden ist und gesehen hat, wie diese Reisedampfer mit Seitenkoffern durch die Rindt-Kurve fliegen, kommt mit einer Infektion nach Hause. Symptom: ein nervöses Zucken im rechten Handgelenk beim Anblick jeder Road Glide am Supermarktparkplatz. Therapie: eine Woche CVO Road Glide ST. Ob das heilt oder verschlimmert, dazu später.
Reisedampfer im Rennfieber
Kurz zur Herleitung, für alle, die im September beim Heurigen statt in der Steiermark waren. „Bagger“ nennen die Amerikaner jene fetten Tourer mit Verkleidung und Koffern, nach den „bags“ am Heck. Gebaut für Interstate, Tempomat und die Leberkässemmel im Seitenfach. Irgendwann haben ein paar Tuner in den USA begonnen, diese rollenden Wohnzimmer auf Leistung zu trimmen, 2020 wurde in Laguna Seca ein Schaurennen daraus. Gelacht haben alle. Bis zur ersten Runde. Heute heißt die Sache King of the Baggers, mit Werksteams, Budgets und Rundenzeiten auf Moto2-Niveau, bei denen einem das Lachen im Rachen stecken bleibt wie der zu große zähe Bissen vom zu kurz gegrillten Schweinsschopf.
Heuer ist der Zirkus über den Atlantik gekommen: der FIM Harley-Davidson Bagger World Cup, mitten im Rahmenprogramm der MotoGP. Das Finale stieg am Red Bull Ring, und dort krönte sich der erst zwanzigjährige Australier Archie McDonald zum allerersten Champion, im letzten Rennen übrigens ohne funktionierende Hinterradbremse. Die Rennmaschinen drücken mehr als 200 PS aus rund 2.150 Kubik, wiegen etwa 280 Kilo und gehen bis 62 Grad in Schräglage. Topspeed: mehr als 300 km/h. Mit Kofferei am Heck wohlgemerkt. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen und glaube es trotzdem nur halb.
Die CVO Road Glide ST ist das, was Harley aus diesem Wahnsinn für die Straße destilliert hat. Beziehungsweise um gekehrt, denn sie ist sozusagen die Basis allen Wahnsinns.Keine Rennmaschine mit Taferl, das sei gleich gesagt. Aber ein Bagger, der weiß, wo die Rennstrecke liegt, und bei jeder Gelegenheit hinüberschielt wie der Ehemann zum Würstelstand, wenn die Holde kurz im Humanic verschwindet.
Grau, aber nicht fad
Optisch ist die Sache schnell erledigt. Die Sharknose, also die rahmenfeste Haifischnase der Road Glide, schaut in dieser Ausbaustufe drein wie der Hausmeister, wenn jemand den Kinderwagen im Stiegenhaus abgestellt hat. Inferno Grey ist ein mattes, technisches Grau mit großem Harley-Davidson-Schriftzug und übergroßem Bar-&-Shield-Logo. Weniger Chromglanz vor dem Eissalon, mehr Boxengasse.
Vorderer Kotflügel, Tankkonsole und die Abdeckung hinter dem Solo-Sitz sind aus geschmiedetem Karbon, die Endkappen der Auspuffe aus Titan. Der Lenker steht auf 15 Zentimeter hohen Risern im Motocross-Stil, statt ausladender Trittbretter gibt es Mini-Trittbretter, die beim Schräglegen später aufsetzen. Da hat jemand mit Absicht weggelassen, was beim Kurvenfahren stört. Bei einer Harley ist das ungefähr so, als würde der Kirchenchor beim Erntedankfest plötzlich Rammstein anstimmen.
Lustiges Detail am Rande: Unser Testbike trug ein Frankfurter Kennzeichen. Merken Sie sich das, es kommt noch.
1.977 Kubik schlechte Manieren
Im Herz steckt der Milwaukee-Eight 121 High Output mit 1.977 Kubik, der stärkste Serienmotor, den Harley derzeit verbaut. Die Eckdaten für die Stammtisch-Ingenieure: 103,5 Millimeter Bohrung, 117,5 Millimeter Hub, Verdichtung 11,4 zu 1, vier Ventile pro Zylinder, betätigt über Stoßstangen, wie es sich in Milwaukee gehört. Ein Langhuber von der unverschämten Sorte. Jeder Kolben ist breiter als das Mokkahäferl in Ihrer Büroküche und schiebt fast einen Liter vor sich her.
127 PS bei 4.900 Touren, 193 Newtonmeter bei rund 3.750. Wer jetzt im Kopf das Datenblatt einer Superduke danebenlegt und milde lächelt, hat das Prinzip nicht verstanden. Die Leistung wohnt hier nicht im dritten Stock des Drehzahlbands. Sie steht schon im Vorzimmer, die Schuhe an, den Schlüssel in der Hand, und trommelt ungeduldig mit den Fingern auf die Kommode.
Kurzes Zucken im rechten Handgelenk, und der Big Twin reißt an wie die Pensionistenpartie zur zweiten Kassa, wenn beim Billa das Startlicht über der Kassenfront bei einer auf Grün schaltet. Das Hirn bleibt kurz stehen, der Magen kommt erst eine Kurve später nach, und irgendwo zwischen 2.500 und 4.000 Touren tanzt das Herz einen Tango, für den es eigentlich zu alt ist. Dazu schnorchelt der offene Heavy-Breather-Luftfilter rechts am Knie wie dieser eine Spetzi nach dem sechsten Sommerspritzer beim Kirtag und geht beim Aufreißen in ein tiefes, unanständiges Grollen über. Kein Nachbarschaftsfrieden. Aber Musik.
Acht Fahrmodi gibt es, darunter Track und Track Plus, die nur den ST-Modellen vorbehalten sind. Dort hält sich die Elektronik zurück wie die Schwiegermutter, die beim Sonntagsbraten ausnahmsweise nichts zur Sauce sagt. Ganz verschwindet sie nicht: Schräglagen-ABS und Traktionskontrolle passen trotzdem auf, dass der Übermut nicht im Straßengraben endet. Die Bremsen kommen von Brembo und beißen ordentlich zu, was bei knapp 400 Kilo Mensch und Maschine keine Kür ist, sondern Überlebensstrategie.
Kalte Kuchl, heiße Reifen
Die Teststrecke ist heiliger Boden für jeden Wiener mit Motorradführerschein: raus aus der Stadt Richtung Kalte Kuchl, dann durchs Höllental und übers Preiner Gscheid. Eine Gegend, in der die Kurvendichte höher ist als die Zahl der inzwischen verlassenen Wirtshäuser, und das will in Niederösterreich was heißen.
Sagen wir es ehrlich: Kurven sind nicht die besten Freunde dieser Maschine. Aber sie reden miteinander, und zwar erstaunlich zivilisiert. Rund 32 Grad Schräglage pro Seite gibt Harley für die Serienversion an. Weit weg von den 62 Grad der Rennmaschine, für einen Bagger aber eine Ansage, ungefähr so, als würde der korpulente Bezirksvorsteher beim Feuerwehrfest plötzlich einen sauberen Spagat hinlegen. Das Fahrwerk an unserem Testbike, voll einstellbar und mit Showa-Komponenten bestückt, rettet mehr von dem, was die Masse anrichten will, als man ihm zutraut. Die Fuhre wankt nicht, schaukelt nicht und biegt sauber ein. Allerdings nur auf klare Ansage. Sanftes Bitten bringt hier so viel wie ein „Bitte leise“ im Stadion beim Wiener Derby. Man muss ihr am breiten Lenker unmissverständlich ausrichten, wohin die Reise geht.
Und dann kam der Moment, für den man Motorräder eigentlich kauft. Vor uns, am Weg Richtung Preiner Gscheid, eine kleine Formation der anderen Glaubensrichtung. Zwei Halbgebückte auf Naked Bikes, dahinter ein paar Adventure-Cyborgs: gut 160 PS, drei Kommunikationssysteme, mehr Elektronik als die Fernsehabteilung im Media Markt, Nebelscheinwerfer in Christbaumstärke und so viele Koffer, dass man damit eine Studentenwohnung übersiedeln könnte, samt Kellerabteil. Herren im Klapphelm, die das Gelände der Welt im Blick haben, den Rückspiegel eher nicht.
Was folgte, war ein langsames, genüssliches Aufrollen von hinten, unaufhaltsam wie der Schwiegervater, der beim Familienfest zur zweiten Runde Schnaps ansetzt. Kurve um Kurve kamen die knapp 400 Milwaukee-Kilos näher. Im Spiegel des Vordermanns wuchs eine graue Haifischnase, und man konnte durch das Visier förmlich zuschauen, wie sich eine Pupille angstvoll weitete, bis der ungläubige Augapfel gegen die Sonnenblende im Klapphelm stieß. Auf der zweispurigen schnellen Kehre ging es innen durch, ganz ruhig, mit einem freundlichen Nicken. Eine Harley. Mit Koffern. Und mit Frankfurter Kennzeichen. Nicht einmal von einem Einheimischen hergebrannt worden. Ich bilde mir ein, ein leichtes Wimmern vernommen zu haben. Kann auch der Fahrtwind gewesen sein.
Eine Harley. Mit Koffern. Und mit Frankfurter Kennzeichen.
Wo die Physik bremst
Damit niemand übermütig wird: Die CVO Road Glide ST ist kein Supersportler und tut auch nicht so. Rund 380 Kilo fahrbereit, das ist ein Stutzflügel samt Klavierlehrerin. Lässt sich wegdrücken, aber nicht wegdiskutieren. Spätestens beim Rangieren am abschüssigen Wirtshausparkplatz fühlt man sich wie mit dem vollen Einkaufswagen am Glatteis, der ausnahmslos immer in die falsche Richtung will. In engen Spitzkehren will die Fuhre mit Schwung und Plan genommen werden. Wer zu spät bremst und mitten in der Kurve korrigieren muss, hat oredentlich Hackn vor sich.
Die Sitzposition hinter dem hohen Lenker ist aufrecht und angenehm, die Sitzhöhe von rund 72 Zentimetern lässt auch kürzere Haxen sicher auf den Boden. Der Windschutz hinter der rahmenfesten Verkleidung passt, nur bei Sommerhitze wird es am rechten Oberschenkel so gemütlich wie auf der Ofenbank bei der Oma im Jänner. Das ist bei einem Zweizylinder dieser Größe aber eher Charakter als Mangel. Der Tank fasst rund 23 Liter, das reicht für die Pässe und retour in die Stadt. Und ja: Das Radio spielt auch in Schräglage.
Was der Spaß kostet
Jetzt wird es kurz ernst. Die CVO Road Glide ST startet in Österreich bei 59.900 Euro, unser Testbike in Inferno Grey stand mit seiner Ausstattung bei rund 74.000 Euro. Kein Pemmerl, um es wienerisch zu sagen. Dafür gibt es ein Motorrad, das nicht vor jedem Eissalon parkt, eine Lackierung, die es nur im Modelljahr 2026 gibt, und eine Geschichte, die man beim Stammtisch noch erzählt, wenn die anderen längst beim Bandscheibenvorfall angekommen sind. Die Konkurrenz ist überschaubar: Einen vergleichbar sportlichen Bagger ab Werk findet man am Markt praktisch nicht. Wer genau das will, zahlt dafür. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Ein Hirngespinst mit Kennzeichen
Und weil so ein Motorrad einen nicht in Ruhe lässt, hat sich seit der Rückgabe ein Gedanke eingenistet wie der Ohrwurm vom Après-Ski. Was wäre, wenn man eine Road Glide ST Schritt für Schritt Richtung Bagger World Cup umbaut? Leichter, schärfer, mehr Schräglagenfreiheit, mehr Druck. Aber, und das ist der Clou, mit Straßenzulassung. Ein Renn-Bagger für die Kalte Kuchl. Noch ist das ein Hirngespinst. Aber eines von der hartnäckigen Sorte.
Die letzte Ausbaustufe steht übrigens schon fest: Rennleder auf der Harley. Knieschleifer statt Fransen. Wer im Fahrerlager von Spielberg die Herren mit grauem Bart und Lederweste gesehen hat, weiß, dass das ein Kulturbruch wäre, ungefähr so wie Ketchup auf dem Tafelspitz. Oder Schnitzel mit Tunke. Wir finden: höchste Zeit.
Letzte Kehre
Die CVO Road Glide ST beweist, dass man einen Kleiderschrank sportlich machen kann, ohne ihm die Seele auszutreiben. Der Motor ist ein Monster mit Restmanieren, das Fahrwerk rettet mehr als erwartet, und die Schräglagenfreiheit reicht, um auf der Passstraße die eine oder andere Hackordnung neu zu sortieren. Kurven bleiben Verhandlungssache, 380 Kilo sind kein Detail, und der Preis ist sportlich im wahrsten Sinn.
Unsere Empfehlung: Wer eine Harley will und trotzdem einmal einen Naked-Bike-Fahrer innen durchreichen möchte, findet ab Werk derzeit nichts Besseres. Für alle anderen gilt: Probefahrt auf eigene Gefahr. Die Infektion ist hartnäckig, und die Mirli-Tant‘ fährt nach Mariazell ab sofort mit dem Postautobus.
Fachgespräch am Parkplatz Preiner Gscheid
Cyborg: „Was hat die? 200 PS?“
Greg: „127.“
Cyborg: „Und wie viel wiegt’s?“
Greg: „Knapp 400.“
Cyborg: „Dann versteh i’s net.“
Greg: „Eben.“
Technik auf einen Blick
| Modell | Harley-Davidson CVO Road Glide ST (2026) |
| Motor | V2, 45 Grad, flüssigkeitsgekühlte Zylinderköpfe, Milwaukee-Eight 121 High Output |
| Hubraum / Bohrung x Hub / Verdichtung | 1.977 ccm | 103,5 x 117,5 mm | 11,4 : 1 |
| Leistung / Drehmoment | 127 PS bei 4.900/min | 193 Nm bei 3.750/min |
| Antrieb | 6-Gang, Zahnriemen |
| Fahrwerk | Upside-down-Gabel und Federbeine mit Ausgleichsbehälter, voll einstellbar |
| Bremsen / Reifen | Brembo, Kurven-ABS | 130/60 B19 vorne, 180/55 B18 hinten |
| Radstand / Lenkkopfwinkel / Schräglage | 1.625 mm | 26 Grad | 32 Grad je Seite |
| Sitzhöhe / Tank / Gewicht | 720 mm | 22,7 Liter | 380 kg fahrbereit |
| Fahrmodi | 8, davon Track und Track Plus exklusiv für ST-Modelle |
| Farben | Inferno Grey, Electric Coast, Citrus Heat Re-Entry |
| Preis Österreich | ab 59.900 Euro | Testbike: rund 74.000 Euro |
Mehr Harley im WIENER: Glider geil. Zum Hersteller: CVO Road Glide ST bei Harley-Davidson Österreich.
Text: Gregor Josel
















