Mode

Guter Stoff!

Sandra Keplinger

Jeder kennt sie: Die lässigen Umhängetaschen von FREITAG, die mal LKW-Planen waren. Mit dem Projekt „F-ABRIC“ geht die Schweizer Firma in Sachen Nachhaltigkeit einen großen Schritt weiter und produziert kompostierbare Kleidung. Wir sprachen mit Markus Freitag über grüne Marketinglügen und verändertes Konsumverhalten.

Wie kam es dazu, dass ihr eigene Stoffe produziert? Keine Lust mehr, alte LKW-Planen zu jagen? Wenn man das macht, bleibt es immer spannend. So spannend, dass man ein zweites Standbein haben sollte, denn die LKW-Planen-Quelle fließt nicht unbegrenzt. Als Firma mit 160 Mitarbeitern sollte man nicht von einem einzelnen Rohstoff abhängig sein, von dem man nie weiß, wie viel man bekommt und zu welchem Preis. Außerdem hat die Arbeitskleidung, die wir für unsere Mitarbeiter gekauft hatten, nicht unseren sozialen und ökologischen Standards entsprochen, also wollten wir Kleidung aus Material erzeugen, das man unbegrenzt anbauen, aber auch entsorgen und kompostieren kann. Und ja, wir haben trotzdem noch Spaß am Taschenmachen, dies ist nach wie vor unser Kerngeschäft.

Was ist momentan bei „F-ABRIC“ die größte Challenge? Das Projekt am Markt zu etablieren! Obwohl man uns in der Schweiz und sicherlich in Deutschland und Österreich gut kennt, dauert es eine Weile, bis der Konsument so weit ist, dass er sagt: „Ich brauche eine neue Hose oder ein neues Shirt und gehe deswegen zu FREITAG.“ Da muss man vertiefte Muster brechen. Und wenn man FREITAG sagt, denken die meisten zuerst mal an Taschen und nicht an kompostierbare Stoffe. Aber wir geben nicht auf, es ist klar, dass dies seine Zeit braucht.

Wie macht ihr eure Kunden darauf aufmerksam, dass die Kleidung biologisch abbaubar ist? Wenn man bei uns im Geschäft eine Hose anprobiert, entdeckt man, dass der oberste Knopf fehlt; er wird erst am Ende angeschraubt. Normalerweise sind Jeans-Knöpfe immer angenietet und werden meist mitsamt der Hose weggeworfen, wenn diese durch ist. Unsere Knöpfe können mit Initialen versehen und von der Hose abgeschraubt werden – und sind dann ähnlich wie Manschettenknöpfe etwas, das man sein ganzes Leben lang weiterverwenden kann. Mit dem Knopf erzählen wir, dass es zwei Materialkreisläufe gibt: den organischen und den technischen. Metall kann man im technischen Kreislauf halten, indem man es immer wieder verwendet, während organische Stoffe einfach kompostiert oder problemlos im Wald weggeworfen werden können.

Wieso verarbeitet ihr eigentlich Leinen, Hanf und Modal statt Baumwolle? Wir wollen Textilien in Europa herstellen, deren Rohstoffe hier wachsen und verarbeitet werden. Baumwolle ist ja nur ganz am Rand von Europa vertreten – es gibt in Griechenland ein kleines Anbaugebiet, aber eigentlich kommt sie von weit her, hat lange Transportwege und braucht zu viel Wasser. Selbst wenn man sie ganz ökologisch und ohne Pestizide anbaut, trocknen Baumwollfelder den Boden stark aus. Sie müssen sehr stark bewässert werden, sodass der Aralsee mittlerweile fast leer ist.

“Früher hatte man ja auch Bekleidung in Europa, ohne dass sie zweimal um die Erde geschickt werden musste.”

Dabei wird Baumwolle doch gerne als DIE tolle Faser angepriesen, auch von veganen Communitys! Eigentlich ist sie nicht nachhaltig. Früher hatte man ja auch Bekleidung in Europa, ohne dass sie zweimal um die Erde geschickt werden musste. Deshalb sind wir zum Hanf und Leinen zurückgekommen. Uns hat im Baukasten aber noch eine feinere Faser gefehlt, und so sind wir auf Modal gekommen, das übrigens von einer Firma in Österreich produziert und aus Buchenholz gewonnen wird. Es steht Baumwolle um nichts nach und wurde während des Krieges entdeckt, als die Baumwollzufuhr knapp wurde. Unsere T-Shirts haben einen hohen Modalanteil und fühlen sich fast wie ein Merino-Wollshirt an.

Ist es auch wärmer als Baumwolle? Ein bisschen – und es geht mit Feuchtigkeit besser um, was sich auf die Geruchsentwicklung positiv auswirkt. Während man technische Fasern oder Baumwolle nach einmal tragen in die Wäsche gibt, bleiben unsere Shirts länger frisch. Außerdem trocknet es etwas schneller als Baumwolle.

Stichwort Nachhaltigkeit: Konstanter Trend oder Modeerscheinung? Es muss ein anhaltender Trend werden! Wenn alle wie wild Fast Fashion konsumieren, dann trägt die Textilindustrie das Ihre zum ökologischen Kollaps bei. Marketingabteilungen sind auf „greenwashing“ getrimmt, das sieht man am Begriff „organic cotton“. Am Ende des Tages ist Baumwolle immer organisch. Dafür braucht man kein Zertifikat. Der Verbraucher wird bewusst in die Irre geführt und hat ein gutes Gewissen: „Super, ich hab mir gerade ein ökologisch verträgliches Organic-Cotton-T-Shirt gekauft für 5,90 Euro!“ Aber das kann gar nicht sein. Ich hoffe, dass bei Bekleidung ein ähnliches Bewusstsein einsetzt wie bei Lebensmitteln. Niemand will Gift essen. Deswegen sollte man auch keinen Sondermüll auf der Haut tragen. Das Problem: Du denkst beim Kauf von Kleidung ja nicht primär an die Entsorgung, sondern daran, ob du gut aussiehst.

Aber geht da nicht eine Schere auf? Einerseits wird die Frage nach nachhaltigen Produkten größer, andererseits gibt es immer mehr Billigketten, die ein T-Shirt um 2 Euro verkaufen und gestürmt werden! Ja klar, da sind wir mit unseren
F-ABRIC Kleidern am genau anderen Ende. Natürlich macht es im Preis einen Unterschied, aber hoffentlich entwickelt sich der Trend dahin, dass der Konsument weniger besitzen will, aber das wenige zu 100 Prozent passen und lange halten soll. Diesen Kunden sprechen wir an! Als wir vor 23 Jahren mit den Taschen anfingen, waren Leute gewillt, für eine Art Abfallprodukt einen recht hohen Preis zu bezahlen. Und jetzt ist es etabliert.  Und es gibt ein breites Verständnis dafür, dass Upcycling erstrebenswert ist. Bislang sind wir also mit unserer Einschätzung richtig gelegen. Wir sind ein kleiner Fisch in einem noch kleineren Anteil dieses -Riesenmarktes – aber wir hoffen, dass der Anteil immer größer wird und wir vielleicht auch Vorreiter sein können.

Zur Person:
1993 gründete der Grafikdesigner Markus Freitag mit seinem Bruder Daniel in Zürich die Marke FREITAG, die Taschen aus gebrauchten LKW-Planen, Fahrradschläuchen und Autogurten fertigt..

Fotos: Lukas Wassermann