Andreas Altmann: Schreiben als Heilkraut gegen die Bosheiten des Lebens

Andreas Altmann im Gespräch über das Leben eines Davongekommenen.

Aufgewachsen im Wallfahrtsort Altötting ist aus Andreas Altmann, Sohn eines Devotionalienhändlers, genau das Gegenteil all dessen geworden, was dieser Ort, diese schrecklichen, lieblosen Familien- und Glaubenskonstellationen und Umstände aus ihm hätten machen können: Ein Lebens- und Schönheitsverliebter, ein Reisender und darüber Schreibender (und das so lesenswert wie erfolgreich), neugierig und scheinbar ewig jung. Gerade hat Altmann sein Buch “Dieses beschissen schöne Leben – Geschichten eines davongekommenen” veröffentlicht, der Nachfolger zum vielbeachteten, fesselnden, beklemmenden und doch zum Trotz völlig lebensfrohen “Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend” (erschienen bei Piper). Wir baten den in Paris lebenden Schriftsteller zum Gespräch.

Sind Sie ein musikalischer Mensch? Ich frage deshalb, weil Ihre Sprache – nämlich sowohl niedergeschrieben, als auch wenn Sie reden oder lesen, etwas sehr musikalisches, rhythmisches hat.

Andreas Altmann: Was für eine Freude, ein Mensch mit Sprachgefühl fragt mich hier. Also, nijet, ich bin nicht musikalisch, ich muss mich anstrengen, um ein Lied richtig nachsingen zu können. Aber immerhin weiß ich, dass ich falsch singe. Aber ich bin ein musischer Mensch, ich habe ein Gefühl für die Melodie von Wörtern, ihren Rhythmus, für die Eleganz der Sprache.

„Dieses beschissen schöne Leben“ ist natürlich eine schöne Umkehrung und Weiterführung zu „Das Scheißleben meines Vaters…“ – der Beisatz „Geschichten eines Davongekommenen“ umso mehr. Bevor wir zu Zukunft und Vergangenheit kommen: Was ich mich beim „Scheißleben“ oft gefragt habe: Was würde Andreas Altmann 2013, der Davon- und Umhergekommene, seinem achtjährigen Ich mit auf den Weg geben, als Ratschlag oder Durchhalteparole?


Stay hungry! Und lass dich von niemanden ficken! Und stay foolish! Und akzeptiere niemals Befehle, immer nur Vorschläge! Und glaube keines Pfaffen oder sonstigen Würdenträgers „ewige Wahrheiten“! Und übernimm Verantwortung für dein Denken und Handeln! Und dulde nur Autoritäten, die DU als richtig und wichtig erkannt hast! Und lerne verzichten, um nicht korrupt zu werden!

Dass Sie regelmäßig Tagebuch schreiben ist bekannt – aber können Sie uns ein wenig über ihren Arbeitsprozess erzählen, wenn Sie ein neues Buch schreiben?

Ganz simpel, zuerst bin ich drei, vier Monate in der Gegend unterwegs, über die ich schreiben will, sprich, ich hetze von früh bis spät, suche Frauen, Männer, Geschichten und immer das Leben. Mit dem Sack Wörter, die ich während der Reise notiert habe, komme ich nach Hause. Und dann gehe ich jeden Morgen zur Baustelle, meinen Schreibtisch, und bin der einzige Schwerarbeiter weit und breit, bin der Maurer, der jeden Tag ein, zwei Seiten hochzieht. Und bin dann immer der einsamste Mann auf Erden, denn keiner könnte mir helfen. Wer weiß ein einsameres Geschäft, als leise sitzend Worte hinzuschreiben? Ach ja, es ist die schönste Einsamkeit, die einen heimsuchen kann.

Sie sind ja, das darf ich so sagen, ein Sprachverliebter im besten Sinne – ist aber das Schreiben an sich für Sie, gerade wenn sie heftigere Themen abarbeiten, Katharsis oder auch mal Mühsal?

Haha, Katharsis, ja, von so etwas schwatzen sie in Journalistenschulen. Nein, ich bin hinterher derselbe, so schweinisch und so freundlich und so versessen auf die Welt und so fassungslos über sie wie um 8.30 Uhr, wenn ich anfange, mich hinzuhocken und auszubeuten. Nur wäre ich sicher noch unerträglicher, wenn ich mich nicht ausbeuten dürfte. Folglich: Katharsis nein, aber ja: Schreiben als Heilkraut gegen die Bosheiten des Lebens, gegen das Vergehen, gegen das Verschwinden, gegen die Ungeheuerlichkeit, dass irgendwann alles vorbei sein wird.

Sie haben die Welt bereist (und gesehen) wie nicht viele andere – gibt es einen Ort, über den Sie sagen, dass sie da im Leben nicht mehr hin wollen würden? Und welchen Ort, den Sie noch nicht gesehen haben, wollen Sie unbedingt besuchen?

Ach, da gibt es viele Orte, wo ich nicht mehr hinmuss und viele, wo ich wieder hinmuss.

Sie leben ja in Paris. Was an dieser Stadt hat sie veranlasst zu sagen: „gut, hier bleibe ich“?

Ich bin ein schönheitshungriges Tier und Paris besitzt diese Schönheit zuhauf. Zudem liebe ich große Städte, ich mag die Hetze, das Schnelle, das Internationale, den Swing, die Elegance.

Ein oft diskutierter und nicht immer positiv besetzter Begriff: was bedeutet für Sie „Heimat“?

Heimat ist ein magisches Wort. Meine physische Heimat, da, wo ich geboren wurde, dort gibt es null Magie. Dort gibt es Dummheit, Heuchelei und den Ranz nie durchlüfteter Gehirne. Heimat für mich, heute? Gewiss Paris, gewiss immer dort, an welchem Ort der Welt auch immer, wo intelligente Frauen und Männer mein Leben bereichern.

Was steht bei Ihnen als nächstes an?

Nun, wie mein stadtbekannter Kollege Goethe bin ich vom Glauben abgefallen und zum Aberglauben übergelaufen, sprich, über ungelegte Eier wird nicht geredet, nur das ist sicher: Frühjahr 2014 kommt das Buch über eine Reise durch Palästina heraus: „Verdammtes Land“ wird es heißen und ich habe mich in dieses Land verliebt.

Foto (c) Nathalie Bauer. Mehr Infos: www.andreas-altmann.com