JULI im Interview – Der schlaueste Satz der Welt

Der WIENER traf Leadsängerin Eva Briegel von „Juli“ und ihren Gitarrist Simon Triebel und sprach mit den Musikern über demokratisches Songwriting, schlechte Zeiten und die Apokalypse.

Seit ihrem Hit „Die perfekte Welle“, der die damals noch junge Band Juli 2004 wie aus dem Nichts zu einem der bekanntesten Vertreter zeitgenössischen deutschsprachigen Poprocks machte, hat sich viel getan bei den fünf Musikschaffenden aus Gießen: Klanglich entwickelte sich die Band über die Jahre weiter, nicht immer zur Freude ihrer Fans – um nach einem eigenwilligen letzten Album nun mit „Reise“ wieder bewährtere Klangpfade einzuschlagen.

WIENER: Ich leg mal los mit einer großen Frage …

Simon Triebel: Uh, jetzt geht’s los!


… warum macht ihr Musik?

Eva Briegel: Da gibt’s verschiedene Gründe für mich. Einmal ist Musik das einzige, was mir wirklich von Herzen Spaß macht – und womit ich mich auch komplett ergebnisunorientiert Stunden beschäftigen kann, ohne dass was dabei herauskommen muss. Einfach Klavier spielen, ein bisschen singen und so – ich spiel auch total gerne vom Blatt, weil mich das einfach entertaint. Wenn ich was neu spiele und die Komposition höre, macht mir das stundenlang Spaß. Davon abgesehen fühle ich mich extrem geborgen in einer Band – wenn wir so richtig laut sind, dann ist irgendwie alles gut. Und dann gibt’s noch einen dritten Grund: Ich empfinde mich schon mein ganzes Leben lang als Sängerin, das ist Teil meiner Identität und Gott sei Dank ja auch etwas, von dem man auch ohne Unterricht recht schnell herauskriegt, ob man’s kann oder nicht. Und das gehört dann einfach dazu – so wie „Ich bin eine Frau“ gehört das zu meiner Identität dazu. Ich hab das seit meiner frühen Kindheit drin, dass ich Musik mag und Musik höre und Musik mache.

Simon Triebel: Bei mir ist das auch so, ich glaube, dass ich nahtlos von „Ich will Astronaut werden“ zu „Ich will irgendwann in irgendeiner Form Musiker sein“ gewechselt bin. Das hat mich immer am allermeisten fasziniert – und das Schreiben, Proben oder Livespielen, das sind die einzigen Zustände in meinem Leben, in denen ich über nichts anderes nachdenke und mir aber auch keine Sorgen darüber mache, dass ich über nichts nachdenke, und einfach alles gut ist.

Das klingt ein bisschen nach dem „Ich muss das machen“ des Künstlers.

Eva Briegel: Also joah – nicht weil ich so getrieben bin und denke, ich müsste meine Dämonen fernhalten, indem ich Musik mache, sondern weil es das einzige ist, was mir wirklich Spaß macht. Ich glaube, das ist schon ein großes Geschenk, wenn man irgendetwas hat, das einem so richtig Spaß macht. Ich glaube, die meisten Leute haben so was gar nicht. Das Hobby hat leider einen schlechten Ruf (lacht).

Das stimmt, Effizienz ist wohl heutzutage in allen Belangen gefragter. Im Pressetext stand, dass „Insel“ das demokratischste Album von euch sei. Wie macht man denn demokratisch Musik?

Simon Triebel: Am besten gar nicht! (lacht)

Eva Briegel: Das ist ein bisschen missverständlich – das hat jemand über uns geschrieben, und das ist dann in den Pressetext gewandert, und ich hab ein bisschen geschlampt beim Korrekturlesen. Es ist so zu verstehen, dass wir bei diesem Album sehr viel in den Kompetenzen der anderen herumgefummelt haben, und wir haben viel mehr geschrieben, alle haben gesungen, ich selbst hab mich ein bisschen instrumental ausgetobt, in den Akkorden mit herumgewühlt. Deswegen also demokratisch – weil wir alle zu allen Elementen unseren Senf beigetragen haben. Aber das heißt nicht, dass wir jetzt mit 2:3-Mehrheit irgendwelche Sounds durchgesetzt haben (lacht).

Ich kenne das nur von befreundeten Musikern – die sagen auch, dass das nichts wird, wenn jeder bei allem mitredet und über jedes Detail einzeln abgestimmt wird, und dass es besser ist, mit einer konkreten Idee anzukommen.

Eva Briegel: Ja, auf jeden Fall. Ich bin aber ganz erleichtert, dass es bei uns im Moment ist, wie es ist, wir haben uns da auch jahrelang durchgewurschtelt und hatten immer die heimliche Sehnsucht nach einem Chef und wollten immer einen König krönen, der dann sagen sollte, wie wir’s machen, und die anderen wiederum machen einfach mit. Das hat sich nie jemand so richtig getraut.

Simon Triebel: Na ja, nicht ganz.

Eva Briegel: Beziehungsweise ist der König ausgerufen und gleich wieder abgesetzt worden.

Simon Triebel: So war’s nämlich! (Beide lachen)

Eva Briegel: Mittlerweile haben wir uns ein bisschen so zusammengefummelt, dass wir der Idee den Vorrang geben.

Simon Triebel: Ich würde gar nicht sagen, dass wir die Sehnsucht nach einem König hatten. Vielmehr hatte jeder von uns wahrscheinlich die Sehnsucht, selbst der König zu sein (lacht). Und das funktioniert dann auch nicht.

Eva Briegel: Das ist aber auch eine große Verantwortung. Ich hab’s dann immer gemerkt, wenn jemand gesagt hat: „Ja, dann mach du halt!“ – dann fehlt es halt auch wieder an Vertrauen in die Idee oder an der Idee generell, denn wenn man selbst allein dafür verantwortlich ist, muss man ja auch sagen können „Okay, dann zieh’ ich mir jetzt einen Zwischenteil für den Song aus der Nase“ – und dann hat man den Salat.

Ihr habt das Album in eurem eigenen Studio aufgenommen.

Simon Triebel: Zum Großteil, ja. Unser Schlagzeuger hat in Berlin ein Studio, was er so betreibt …

Eva Briegel: … was man mieten kann! Salon Annemarie! (lacht)

Simon Triebel: … und da proben wir auch meistens, weil’s am praktischsten ist.

Verleitet das nicht dazu, so lange herumzuprobieren, bis jedes Lied vollgepappt ist mit noch einer Stimme und noch einer Stimme? Muss man sich da nicht dann und wann selbst ein wenig zur Räson rufen?

Eva Briegel: Wir haben das bei dem Album ganz bewusst etwas schlichter gehalten. Mich regen diese Soundwürste immer auf – mit jeder Spur geht ja auch ein bisschen Dynamik verloren. Irgendwann sind die Arrangements so überladen, dass der Song nicht mehr richtig atmen kann. Bei „Reise“ haben wir uns im Vorfeld vorgenommen, uns auf ein paar Schlüsselinstrumente und -sounds zu konzentrieren. Erst wenn das nicht bereits für sich funktioniert hat, haben wir noch zusätzliche Samples oder „Additional Programming“, wie man das ja jetzt nennt, draufgemacht. Aber das war diesmal eine bewusste Entscheidung und nicht der Zeit geschuldet.

Im Lied „Nichts brauchen“ heißt es „Alle schlechten Zeiten gehen vorbei“. Eine ganz schön große Aussage.

(Beide lachen)

Ist das denn wirklich so, dass alle schlechten Zeiten vorbeigehen?

Eva Briegel: Das weiß ich nicht. „Nichts brauchen“ war das letzte Lied, das wir geschrieben haben, und es war das erste Lied, das von Simon und mir in einer „Writing Session“ entstanden ist. Die Zeile war auf einmal einfach da – und wir haben auch kurz überlegt, ob das eigentlich so passt. Wir haben uns dann aber entschieden, die Zeile stehen zu lassen, weil es natürlich keine Aussage ist, sondern eher eine Hoffnung.

Simon Triebel: Ich würde mal sagen, wenn man das nicht glaubt, dann ist man schon sehr pessimistisch. Ich würde einfach immer davon ausgehen. Was sagt man jemandem, dem’s ganz schlecht geht – und sei es, weil seine Frau gerade keine Lust mehr auf ihn hat – wat sacht man dem? Dem sagt man ja nicht: „Wahrscheinlich wird’s noch schlimmer“. Selbstverständlich sagt man „Das wird schon irgendwann wieder werden“. Insofern finde ich, dass der Satz schon irgendwie richtig ist. Es ist nicht der schlauste Satz der Welt – aber er stimmt schon (lacht).

„Eines Tages / Wenn alles endet“ … Klingt ja ein bisschen nach Apokalypse. „Wenn alles endet“ – was ist denn „alles“?

Eva Briegel: Alles Schlechte!

Simon Triebel: Das Lied ist sehr vielschichtig. Es endet dann ja auf „Und es wird regnen“ – und das hat tatsächlich was mit Apokalypse zu tun. Es gibt ja immer diese apokalyptischen Szenarien, zuletzt ganz groß 2012, und es gibt dann auch auf irgendwelchen drittklassigen Fernsehsendern so, na ja, Dokus kann man nicht sagen –, es sind eher so komische „Berichte“, die dann zeigen, was passiert, wenn der Meteorit einschlägt oder was weiß ich. Und das sind immer diese computergenerierten Szenarien, und stets regnet es in Strömen, schwarze Wolken am Himmel. Und da dachte ich mir – sollte jemals der Tag kommen, aus welchen Gründen auch immer, an dem die Welt untergeht, dann ist das wahrscheinlich der schönste Sommertag aller Zeiten. Einfach ein wunderschöner Tag. Also müsste es ja auf der anderen Seite an dem utopischen Tag, an dem alles gut ist, wahrscheinlich regnen. Das ist der Zusammenhang mit der Apokalypse.

Eva Briegel: Außerdem haben wir so einen Bandmythos: In den ersten Jahren sind uns immer dann gute Sachen passiert, als richtig beschissenes Wetter war. Immer wenn uns unsere Managerin angerufen hat und mit einer total bombigen Nachricht kam, hat’s geregnet. Ich finde, das Lied ist so angenehm ambivalent. Die meisten Leute, die ich kenne, sagen: „Ja natürlich wäre es schön, wenn es all die schlechten Dinge auf der Welt nicht gäbe und wenn das alles enden würde, aber ganz im Ernst: Wie soll man das alles umsetzen? Ach, die Welt ist so komplex, blabla …“ Und das ist ja auch richtig und das stimmt ja auch – und trotzdem sind wir nicht dafür da, den schlausten, endgültigen, klugen, alles erklärenden, alles relativierenden und alles bedenkenden Text über den Weltfrieden zu schreiben. Das macht man ja nicht als Künstler. Man sagt halt: „Ich will das aber. Ich möchte, dass das so ist, und ich möchte, dass das aufhört.“ Und wenn man das ganz doll will, dann ist das, denke ich, auch zu schaffen.

Wie wichtig ist euch der Erfolg eures Albums?

Simon Triebel: Es ist eigentlich ganz einfach: Wir freuen uns über jeden, dem unsere Platte gefällt, über jeden, der auf unser Konzert kommt, über jeden, der die Platte kauft, und wir nehmen’s keinem übel, der das nicht tut.

Eva Briegel: Doch! (Lacht)

Simon Triebel: Stimmt, doch, eigentlich schon, die sind nämlich alle doof! (Lacht) Aber letztlich – man will ja Musiker werden, weil man – zumindest war’s bei uns so – nicht so zurecht kommt mit dieser „Leistungsgesellschaft“, in der wir gerade leben, wo es immer nur um Gewinnmaximierung, höher, schneller, weiter, immer effektiver geht. Ich bin so gerne Musiker, weil ich dadurch ein bisschen raus bin aus diesem Spiel. Und ich fände es daher falsch, wenn wir uns dann am Ende doch diesem Erfolgsstreben so unterwerfen würden und unser Schaffen oder persönliches Glück davon abhängig machen würden, ob wir x- oder y-viele Platten verkauft haben – darum darf’s einfach nicht gehen.