AKUT

Verarsche des Monats

Bitte warten!

Kennen Sie den schon? Sagt ein Arzt zum anderen: Als Termin bezeichnet man einen festgelegten Zeitpunkt im allgemeinen Zeitverlauf.

Der Termin beim HNO-Arzt war für 14:15 angesetzt. Nun ist es exakt 14:55. Auf dem kleinen Tisch liegt neben der „Gala“ und der „Frau im Spiegel“ auch „Die Zeit“. Aber jeder, der hier hereinkommt, hat genug Zeit selbst mitgebracht, obwohl sich während der Wartezeit zwischen einem Haufen anderer röchelnder und rotzender Patienten die Gesamtlektüre der „Zeit“ wohl eh locker ausgehen würde. Der Arztbesuch ist zum Synonym für Warten geworden, oft fiebert man dem tatsächlichen Aufeinandertreffen mit dem Gott in Weiß mehr als eine Stunde lang entgegen. Die Ärzte wissen scheinbar um ihre Erlöserrolle und empfinden diese als Loslösung von dem, was man gemeinhin so unter einem „Termin“ versteht. In kaum einer anderen Berufssparte wird dieser Begriff so sehr von seiner ursprünglichen Definition getrennt. In anderen Branchen würde ein solcher Umgang mit dem Wort „Termin“ gar zur Insolvenz führen. Nicht so bei den Kassenärzten – diese scheinen frei nach dem Motto „Wird sich schon ausgehen“ ihre sogenannten Termine zu vergeben, unabhängig davon, ob sie wissen, dass sich der Besuch der älteren Frau Navratil wohl wieder etwas länger hinziehen wird und sich somit alle weiteren „Termine“ nach hinten verschieben. Das wirklich Tragische daran ist aber nicht die Zeit selbst, die jeder hierher mitbringen muss, sondern dass diese Warterei im kollektiven Bewusstsein schon zur Normalität geworden ist. Wenn man dann nach geschlagenen zwei Stunden das Wartezimmer wieder verlässt, fühlt man sich zwar schon ein wenig von den chronischen Ohrenschmerzen erlöst, hat aber den nachfolgenden Termin fast verpasst, für den die eigentliche Definition als verbindliches Treffen aber noch gegolten hätte.

Illustration: Bernd Püribauer