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Löcher die man lieben muss: Das Laternderl

Sarah Wetzlmayr

Im Laternderl lernt man was wirklich wichtig ist: Wasserschäden sind es nämlich nicht, solang der Spritzer noch in die Gaumen, und das Wasser noch in die Klospülung fließt. 

von Sarah Wetzlmayr

Wer denkt, Bobos mit Hochwasserhosen, verschiedenfärbigen Socken und dreimal links-gedrehtem Soja-Getränk in der Hand wäre das Skurrilste was die Burggasse in Wien Neubau zu bieten hat, der war noch nie im Laternderl. Der sollte auch einmal umdenken und nicht, wie man es normalerweise tut mit dem Volkstheater im Nacken in den langgestreckten Bobo-Gang starten, sondern mal von der anderen Seite. Vielleicht nach einem ausgiebigen Einkaufstag in der Lugner City, um den fettgetränkten China-Nudeln von zu Mittag und den ganz allgemeinen Eindrücken der Lugner-Hochburg mit einem Schnaps ein wenig von ihrer Schwere zu nehmen. Das Laternderl liegt nämlich ganz am Anfang der Burggasse, an der Schnittstelle zwischen Kaffee- und Zigarettenfiltern in OTK und Instagram-Filtern in Bobotown.


Im Laternderl gab es allerdings einen Wasserschaden, das steht jedenfalls auf einem provisorischen Schild am Eingang. Das wird allerdings von der Stammkundschaft mit größter Konsequenz ignoriert und ist, trennt man diesen Begriff einmal auf, sowieso auch kaum zu glauben: Wasser fließt hier allerhöchstens in die Klospülung, aber bestimmt nicht in die Gaumen der Stammgäste. Und Schäden sucht man hier vermutlich auch woanders, als im Wasserrohrsystem des Beisls. Das Laternderl hat alles zu bieten, was man sich von einem Beisl gemeinhin so erwartet: Es ist eine Raucher-Oase. deren goldene Mitte, zwar keine Palme, aber eine Dart-Scheibe ziert. Der Spritzwein ist günstig und man bekommt immer Soletti nachgefüllt, bei denen man sich nie so ganz sicher ist ob man sie tatsächlich essen soll oder nicht, und dann schlussendlich doch der dritte Spritzer diese Entscheidung ganz autonom für einen trifft. Der Spritzer ist günstig im Laternderl. Denn wenn man sich erstmal den Weg durch die Rauchschwaden und wild umherfliegenden Dartpfeile an die Bar gebahnt hat, weil man plötzlich doch den dringenden Wunsch nach schnellem Aufbruch verspürt, ist man jedes Mal überrascht dass die Rechnung noch einen kurzen Abstecher zum Würstelstand des Vertrauens gewährt. Mit wassrigen Augen (vom Rauch und nicht vom Wasserschaden) stolpert man dann hinaus auf die Burggasse, meistens direkt vor die Füße eines Hochwasserhosenträgers.

Es mag ein wenig dauern, bis das Gehirn den Crossover zwischen dem Gerümpel in der Ecke, den, wegen des tatsächlichen Wasserschadens aufgerissenen Wänden und die durch Kerzenschein verbreitete Romantik schafft. Aber entweder man schafft es und liebt es, oder man dreht am Absatz wieder um. Denn in Wahrheit ist es gut, dass es im Laternderl prinzipiell eher düster ist, weil es ein Beisl ist das gleich im doppelten Sinn dazu einlädt die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Erstens, weil man es tun muss, um nicht sofort wieder zu gehen und sich zuhause panisch die Hände mit Desinfektionswaschgel zu waschen und zweitens, weil man es ganz automatisch tut wenn man  bei einem Spritzer dort versumpert – denn im Laternderl gelten plötzlich nur noch Beisltischwahrheiten und zwischen denen und der Wirklichkeit da draußen, klafft, wie man weiß, meistens ein Graben der deutlich größer ist als der zwischen Lugner City und Bobotown. Und die trennt immerhin der Gürtel.

 

Foto rechts © susi.at