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Stimmungsbericht aus Idomeni

Sarah Wetzlmayr

Während bei uns über die Bundespräsidentenwahl und die Ursachen wie Folgen dieses Lagerwahlkampfes debattiert wird, räumen die Behörden am südlichen Ende Europas ein ganz anderes Lager. Unser Autor ist vorort und liefert einen Stimmungsbericht aus dem Flüchtlingscamp Idomeni

von Thomas Bruckner

Heute ist den Clowns, die über Wochen hinweg für Kinderlachen im illegalen Flüchtlingslager Idomeni sorgten, das Spaßmachen vergangen. „No Entry“, hieß es nämlich für nahezu alle NGOs und privaten Helfer, die seit Monaten für einen mehr oder weniger reibungslosen Ablauf im Camp sorgen. Seit vorgestern (anm.: 24.5.2016), 18 Uhr erlaubt man bloß noch einigen Mitarbeitern von NGOs wie „Ärzte ohne Grenzen“, „UNICEF“ und „Praksis“ den Zutritt auf das mittlerweile hermetisch abgeriegelte Gelände. Auch Journalisten, die nicht im staatlichen Dienst stehen, sollen draußen bleiben.


Taten sie aber nicht. Schon tags zuvor mischten sich einige unter die rund 9000 Flüchtlinge. Um unentdeckt zu bleiben, übernachteten sie teils in deren Zelten.  Seit den Morgenstunden wird das Lager nun geräumt. Alles verläuft planmäßig. Die griechische Behörde geht ruhig aber bestimmt vor. Zuerst werden die Flüchtlingsfamilien mehr oder weniger einzeln von zwei Polizisten vom Vorhaben der nächsten Tage informiert. Danach umstellen Polizei und Militär einen etwa fußballfeldgroßen Sektor, welcher daraufhin Zelt für Zelt geräumt wird.

Und so arbeitet man sich voran. Von Fußballfeld zu Fußballfeld, quasi. Letztlich entsorgen Bagger den hinterlassenen Unrat. Die Flüchtlinge werden mit Bussen auf verschiedene Lager in Griechenland aufgeteilt. Detail am Rande: An den meisten Bussen prangt die Aufschrift: „Crazy Holidays“. Laut offiziellen Angaben soll das Camp in fünf bis zehn Tagen menschenleer sein. So die Vorstellung der griechischen Behörden.

Wie reagieren die Flüchtlinge? Bei aller Unterschiedlichkeit sind drei Trends klar ersichtlich. Man hat sich dem Schicksal ergeben. Die letzten Monate haben zu viel Kraft gekostet und trotzdem scheint von manchen eine Last zu fallen. „Endlich wurde eine Entscheidung getroffen, endlich kann die Hoffnung, die alle hier miteinander verbunden und zum Bleiben verdammt hat, endlich kann diese Hoffnung begraben werden“, sagt der 45-jährige Mhmod mit traurigen Augen während er seinen 16-jährigen Sohn Rafe liebevoll über die Haare streicht, wie zum Trost für all die Strapazen.

Viele haben aber auch Angst davor, dass die neue Unterkunft noch einschränkender, noch eintöniger und noch hoffnungsloser sein wird als jene in Idomeni. „Freunde von uns haben uns gemailt, dass die Militärunterkünfte wie Gefängnisse sind. Man hat keine Freiheit mehr“, meint Mariam, die Frau aus Damaskus, die Arabisch studiert hat. Der häufigste Satz aber den man in diesen Stunden von den Menschen hören kann ist jener von der Lüge Europas. 

„Die Europäer gehen mit ihren Tieren liebevoller um als mit uns“, meint Fadi, der über zehn Jahre lang in Hamburg gelebt hat und an seiner Stimme und Körperhaltung erkennt man, dass die Strapazen diesen Mann gebrochen haben. Aber natürlich gibt es auch radikalere Stimmen. Speziell in jenem Bereich des Camps, der immer wieder mit Drogen und Prostitution in Verbindung gebracht wurde, hört man die. „Wir werden unsere Träume nicht kampflos aufgeben“, sagen Menschen mit seltsam glänzenden Augen.

Und dann geht im Camp auch noch ein weiteres Gerücht um. Angeblich legen es radikale europäische Aktivisten auf gewaltsame Auseinandersetzung mit der Polizei an. Während ich versuche, diese Gruppierung ausfindig zu machen, laufe ich einem zivilen Polizisten in die Arme, der mich zwar nicht verhaftet aber korrekt und mit Nachdruck aus dem Camp befördert. 5km außerhalb Idomenis, direkt bei der Autobahnabfahrt, da wo die Polizei eine Straßensperre errichtet hat, stehen dann über zig Kameras, alle Richtung Idomeni gerichtet. Laufend passieren Busse mit Flüchtlingen diese Stelle und wer versucht die traurige Stimmung ein wenig aufzuhellen? Die Clowns sind wieder da, sie tanzen jetzt am Pannenstreifen.

Fotos: Thomas Bruckner