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Ich will jetzt nicht

Ist Prokrastination ein Zeichen dafür, dass man ein Mensch ist der sensibel auf seine Umwelt und auf die Vorgänge um ihn herum reagiert? Das wäre immerhin ein Trost.

von Thomas Glavinic

Dieses Klischee vom leeren Blatt, das den Autor anstarrt. Erstens, als ob ein Blatt starren könnte. Zweitens, wenn man nichts zu sagen hat, soll man eben nicht schreiben. Drittens, manchmal hat man etwas zu sagen, mag aber nicht. Das Blatt kann jedenfalls nichts dafür. Gründe dafür, nicht schreiben oder gleich überhaupt nichts tun zu wollen, gibt es viele. Ich zum Beispiel arbeite nicht gern. Ich mache eigentlich kaum etwas gern. Am liebsten liege ich mit meiner Freundin im Bett. Oder sehe mit ihr fern. Oder rede mit ihr. Oder so. Aber manchmal soll ich mich mit einem Thema beschäftigen, weil mich jemand dazu auffordert. Wenn mich das Thema interessiert, beginnt jemand in mir zu denken. Da ich diesen Jemand nicht gut kenne und keinen Einfluss auf ihn und auf das, was er tut oder nicht tut, habe, warte ich ab. Irgendwann merke ich, dass er fertig ist, worauf ich ins Spiel kommen sollte. Aber manchmal will ich nicht. Ich liege mit meiner Freundin vor dem Fernseher und will nicht. Ich will mich nicht äußern. Ich will niemandem etwas mitteilen, wenn es mir gut geht. Außerdem, es gibt ja diesen klugen Satz, nach dem alles Unglück in der Welt daher rührt, dass die Leute nicht daheimbleiben können. Vielleicht könnte man ergänzen, viel Unglück rührt daher, dass die Leute anderen ihre unausgegorenen Gedanken aufdrängen müssen.


Derzeit sind wir in Berlin. Meine Freundin will mir schon den ganzen Tag irgendetwas Wichtiges mitteilen, aber sie sieht, dass etwas in mir denkt. Sie kennt mich zu gut, um nicht zu wissen, dass ich ein bisschen kompliziert bin, wenn etwas in mir denkt, und schleicht um mich herum, um den geeigneten Zeitpunkt für ihr Anliegen zu finden. Ich merke das natürlich, und ich könnte sie einfach fragen, worum es geht, aber ich will nicht und kann nicht, weil ich weiß, dass der Gedanke sonst weg sein könnte, dass er aus dem Hinterkopf verschwinden könnte, anstatt ins Bewusstsein vorzurücken. Nein. Eigentlich ist das eine Lüge. Eigentlich weiß ich ziemlich genau, was ich schreiben will. Das Thema ist genau dieses, Thema ist mein zeitweise auftretender Unwille, etwas zu erledigen, das erledigt werden muss. Prokrastination heißt das auf Neudeutsch, und weil ich Neudeutsch nicht mag, verwende ich dieses Wort selten, ich nenne es faul sein. Meine wunderschöne, liebe, geduldige Freundin scheint mich zu fotografieren. Sie macht es, weil sie meine Aufmerksamkeit auf sich lenken will, denn sie weiß, dass ich nicht gerne fotografiert werde. Aber sogar Aufmerksamkeit schenken muss ich im Moment hinausschieben. Ich bin mit mir beschäftigt. Irgendetwas in mir lehnt es ab, sich dem Thema Prokrastination zu widmen, und meine Lebenserfahrung sagt mir, dass das nur eine Ursache haben kann: Ich bin mit etwas unzufrieden.

„Der Grund dafür, zu erledigende Dinge vor sich herzuschieben, ist Unzufriedenheit mit sich selbst. Problematischerweise wollen wir selten wissen, was uns an uns stört.“

In der Regel bin ich in solchen Situationen nicht mit anderen Menschen, sondern mit mir selbst unzufrieden. Etwas in mir denkt über mich nach, und ich kann es nicht leiden, wenn dieses Etwas in mir nicht über meine Bücher oder über die Welt nachdenkt, sondern über mich. Es bedeutet, etwas in meinem Leben läuft nicht so, wie es sollte. Das ist meines Erachtens der Hauptgrund für Prokrastination, und zwar bei allen Menschen. Der Hauptgrund dafür, zu erledigende Dinge vor sich herzuschieben, ist Unzufrieden- heit mit sich selbst. Problematischerweise wollen wir selten wissen, was uns an uns stört. Etwas in uns weiß es aber. Die Kommunikation zwischen dieser lästigen Instanz und unserem Bequemlichkeits-Ich ist meistens gestört. Ich sitze im Café, trinke einen Espresso, denke vor mich hin. Meine Freundin bohrt mir ihren Zeigefinger in die Seite und bellt. Wir müssen beide lachen. Diesen Moment nutzt sie, um mich daran zu erinnern, dass wir endlich unser Hotel für den Urlaub buchen müssen. Auch so eine Sache, die ich seit Wochen vor mir herschiebe. Ich kann es nicht leiden, mir im Internet aus tausenden Hotels eines auszuwählen. Alles daran nervt mich. Diese unübersichtlichen Seiten, die langsame Verbindung, die Qual der Wahl. Nicht einmal die Aussicht auf die Belohnung, nämlich entspannte Tage am Meer, hilft mir, mich an den Computer zu setzen und endlich dieses Hotel zu suchen. Und im Moment bin ich dazu noch weniger imstande. Weil ich nicht weiß, womit ich unzufrieden bin. Ich frage mich, was mit Workaholics los ist. Menschen, die schaffen, schaffen, schaffen, die ständig unter Strom stehen, jeden Tag tausende Dinge erledigen und manchmal auch ein paar gleichzeitig. Gesund finde ich das nicht. Sie wirken auf mich auch selten glücklich. Sind sie zur Prokrastination fähig? Und wenn nicht, bedeutet das, dass sie diese Instanz im Hinterkopf nie wahrnehmen, sie durch ständige Aktivität zum Schweigen bringen, dass sie ihre Selbstzweifel auf diese Weise niederarbeiten?

Einiges spricht dafür. Um viel zu arbeiten, muss man in kurzer Zeit viele verschiedene Entscheidungen treffen. Selbstzweifel stehen dem im Weg. Ich könnte zum Beispiel niemals eine Firma führen, denn abgesehen davon, dass ich meinen Angestellten garantiert viel zu hohe Gehälter zahlen würde, hätte ich den ganzen Tag Bedenken und Zweifel und Skrupel. Was man auch als übertriebene Egozentrik deuten kann. Ist Prokrastination ein Zeichen von Egozentrik? Oder anders, ist Prokrastination nicht nur ein Zeichen dafür, dass man mit sich selbst hadert, sondern auch dafür, dass man ein Mensch ist, der sensibel auf seine Umwelt und auf die Vorgänge um ihn herum reagiert? Das wäre immerhin ein Trost für meine Unfähigkeit, all die tausend Dinge zu erledigen, die ich erledigen müsste. Es liegt ja nicht nur eine Hotelbuchung an, ich sollte Honorarnoten schreiben, zwei Abendessen ausrichten, mich um einen Hund für meinen Sohn kümmern, meinem Sohn neue Jeans kaufen, mir neue Jeans kaufen, dem Auto endlich Sommerreifen verpassen, dem Vermieter schreiben, dass die Türglocke seit drei Monaten kaputt ist, ach ja, und ein neues Bett habe ich meiner Freundin schon vor Monaten versprochen. Das ist das Schlimmste, denn Möbelhäuser dürften eine Erfindung hochgradig kranker Faschisten sein. All diese Aufgaben möchte ich nicht erledigen. Die Frage ist nur, was passiert, wenn ich dahinterkomme, womit ich unzufrieden bin. Ich will nicht ausschließen, dass mir dann gleich die nächste Unzufriedenheit einfällt. Ich bin für die Arbeit nicht geschaffen. Ich bin fürs Grübeln geschaffen. Meine Freundin schaut mir über die Schulter. Sie liest den vorigen Absatz. Sie seufzt, lacht und nickt.