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Wiens erster Hotrodfiaker

Streitthema, Verkehrshindernis, Wahrzeichen: Die Rede ist hier nicht vom Gasometer, sondern vom Gespann. Aber abseits aller Bedenken gab dieser Wiener Hotrodfiaker einen Tag lang das Stadtgespräch.

TEXT: FRANZ J. SAUER / FOTOS: ERYK KEPSKI, SANDRA KEPLINGER

Du sprichst schon wieder wie ein Kutscher!“ Wenn meine Mutter diesen Stehsatz brachte, war der aktuelle Streit mit meinem Vater schon fortgeschritten, also in ein deutliches Wienerisch abgedriftet. Das mannstoppende Kutscher-Bonmot konnte Mama bringen, weil mein Urgroßvater zur Kaiserzeit Wiens größter Fiaker-Betreiber mit 110 Gespannen gewesen war und aus dem damaligen Kutscherhof ein bisweilen harscher Umgangston überliefert wurde (Ur-Opi war scheints nicht zimperlich mit seinen Mitarbeitern). Meistens saß das, Vater gab klein bei und ging in sein Zimmer Wagner hören. Mir begegnete der sagenhafte Kutscher-Slang erst einige Jahre später live, exakt am 12.9.2001. Na, klingelt’s? Richtig. Einen Tag nach 9/11. Vor der Albertina hatte ein vermutlich indischer Taxifahrer mit Turban und langem Bart dem langsam vom Michaelerplatz heranrollenden Gespann quasi den Vorrang genommen, indem er sich quietschenden Reifens vor die fahrende Schikane setzte. Der Kutscher, nicht mundfaul, machte seinem Ärger über das unfreundliche Manöver höchst tagespolitisch Luft, indem er dem Taxler so laut, dass das ganze Hrdlicka-Denkmal ins Wanken geriet, ein herzhaftes „SCHEISS TALIBAN!“ nachbrüllte.

Jaja, das goldene Wienerherz in Fiaker-Gestalt. Karl, der Pilot unserer speziellen Zwei-PS-Fuhre, fährt schon seit 30 Jahren Wiens Sehenswürdigkeiten hoch zu Kutschbock ab und erklärt sozusagen eidesstattlich, dass derlei Sprache heutzutage doch eher Einzelfall und der Kutscher generell dazu angehalten ist, freundlich zu sein. Als wir nun einen Tag lang ins Wiener Fiaker-Gewerbe eintauchten, uns bei den „Kollegen“ umhörten – am Umgangston war da nichts zu bemäkeln. Karls Dienstfahrzeug ist ein „Leder-Landauer“, gut 70 Jahre alt und top in Schuss. Nicht mal die ruckelnde Kombination Kopfsteinpflaster-Holzspeichenrad konnte das wackere Gehölz bislang auseinanderbringen. Trotzdem war es mal Zeit für etwas Neues, wie auch Gespanneigner Johann Trampusch, Wiener Fiaker-Unternehmer in dritter Generation und „immer für einen Blödsinn zu haben“, befand. Flugs war der fesche Fiaker kurzerhand mit 21-Zöllern in fetter Bereifung ausgestattet und auf Promotiontour. Bessere Kurvenlage, weniger Heuverbrauch? Jo eh. Letztlich ging es dann doch mehr um den optischen Effekt, der den altehrwürdigen Pferdekarren in einen heißen Hotrod verwandelte. Und weil das derart getunte Gefährt zwar Wiens Straßen befahren, dabei aber keine reguläre Kundschaft befördern durfte, luden wir einfach ein paar Freunde des Hauses ein, in der schicken Kutsche Platz zu nehmen. Vorab, es war eine Riesenhetz, den Rest erzählt das Video:

Bei unserer Stadtrundfahrt inszenierte sich Foto-Diva Christina Noélle vom Helden- bis zum Petersplatz, am Weg zum Stephansdom verfasste Manfred Rebhandl einen neuen Roman. Roman Gregory schließlich stieg beim Guesthouse zu und ließ sich zum Gig in die Eden chauffieren. Überall mit dabei: Edel-Schutzengel und WIENER-Urgestein Conny de Beauclair.