KULTUR

Interview: Miriam Fussenegger

 Warum die Buhlschaft kein berechnendes Luder, sondern eine romantische Mädchenseele ist: Miriam Fussenegger, die am Domplatz in Salzburg heuer die berühmteste Rolle des Festspielsommers spielt, über Egoismus, Endlichkeit und die gesunde Erdigkeit von Wilderern und Bergbauern.

Interview: Michaela Ernst/Fotos: Katsey

 

Die Buhlschaft als Hollywood- Blockbuster. Wer übernimmt die Rolle – Paris Hilton, Cameron Diaz oder Brie Larson? Oder eine ganz andere? Ich würd‘ eher zu einer ganz anderen tendieren. Ich bin ein unheimlicher Fan von Charlize Theron. Das ist so eine wunderschöne, uneitle Frau. In Interviews wirkt sie sehr erdig und humorvoll, das find’ ich erotisch und ansprechend. Und sie ist eine hervorragende Schauspielerin.

Stimmt, danke! An die hatten wir jetzt gar nicht gedacht … Ja – um Gottes Willen! (lacht)

In Interviews geben Sie immer wieder an, dass „Der Kleine Prinz“ eines Ihrer Lieblingsbücher ist. Lehnt man sich an den berühmten Satz daraus an – „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“? Was ist an der Buhlschaft mit den Augen unsichtbar? Ich glaube, das sind viele Dinge. Vorrangig sicher, dass diese Lebensgier und Lebenslust aus der Angst vor dem Tod resultieren. Diese romantische Mädchenseele mit ihrer Vorstellung, dass alles gut gehen soll. Alles soll lebendig sein, hell und bunt. Und plötzlich kommt der reale Tod ins Spiel – mit dem möchte sie sich nicht konfrontieren.

Hat man schon so viel Angst vor dem Tod, wenn man jung ist? Ich glaube, dass die eigene Endlichkeit oder der Tod schon etwas Beängstigendes haben.

Aber ist die Endlichkeit, wenn man so jung ist, nicht wahnsinnig weit weg? Angst ist vielleicht das falsche Wort. Aber die Vergänglichkeit oder der Verfall haben in der Sehnsucht nach einer heilen Welt keinen Platz. Das Morbide, das Dunkle, die passen da nicht hinein.

Werden oder wollen Sie das sichtbar machen? Es gibt so eine Szene, in der er sie fragt, ob sie ihn verlässt – und sie antwortet: Ja, Jedermann, ich verlasse dich hier. Ich nde diese Szene, in der sie sich bewusst gegen ihn entscheidet, spannend. Es gibt da diesen Moment, wie er allgemein oft gesehen wird: Wenn es brenzlig wird, zieht sie sich aus der Situation zurück – aber gleichzeitig schwingt bei ihr auch mit: Ich liebe diesen Menschen, aber so weit kann und will ich nicht mit ihm gehen. Darin sehe ich einen spannenden Konflikt.

Der Aspekt der Liebe ist besonders interessant in dem Stück. Denn es geht ja auch um die Frage, inwieweit jeder einfach nur sein eigenes Ego bedient: Der Jedermann, indem er sich die Jugend und Frische einverleibt, und die Buhlschaft, indem sie jemanden hat, der ihren Lebenshunger und ihre Vergnügungsfreude bedient. Da ließe sich doch rückschließen: In Wirklichkeit geht es gar nicht um Liebe … Ja sicher, Liebe ist ein schwieriger Begriff. Ich sag deshalb auch gern Innigkeit oder Verbundenheit – die ist sicher da zwischen den beiden. Dieses unsichtbare Band, das die zwei zusammenhält, möchte ich gern zeigen, denn wenn die Verbindung zwischen zwei Menschen prickelt, ist das doch wunderbar. Alles andere ist mir nicht so wichtig.

Ich weiß jetzt gar nicht, wo haben wir eigentlich angefangen, ich verzettel‘ mich total. Was war die ursprüngliche Frage? Es ging darum, etwas sichtbar zu machen, was für die Augen unsichtbar bleibt. Ich weiß nicht genau, vielleicht sind das alles theoretische Spinnereien in meinem Kopf. Wenn man dann auf der Bühne steht, kann passieren, dass man merkt: Das stimmt überhaupt nicht, was ich mir da alles gedacht habe, das ist ja ganz anders. Das, was ich jetzt sage, ist also vielleicht genau das Gegenteil von dem, was ich im Sommer machen werde. Es ist überhaupt schwer, im Voraus über eine Rolle zu reden, weil ja auch ganz viel auf einer persönlichen Entwicklungsebene passiert.

Ein anderes Zitat aus dem Kleinen Prinzen lautet: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ Mit Verantwortung hält es die Buhlschaft ja nicht besonders – oder sehen Sie das anders? Ja, die bedient sie nicht so (lacht) – andererseits, Verantwortungslosigkeit würde ich ihr jetzt nicht andichten! Ich merke schon das Bedürfnis von außen, ihr diesen Aspekt anzuhängen – nicht nur von Ihnen, sondern ganz allgemein, kalt sei sie, distanziert, egoistisch. Das verstehe ich nicht ganz, weil ich das nicht so sehe. Ich finde, das ist ein Klischee. Sicher ist sie eher flatterhaft und dem Spaß zugetan, aber das heißt nicht, dass sie keine Verantwortung zeigt.

Die Auffassung rührt wahrscheinlich daher, dass sie geht, wenn er krank ist … Sie geht nicht, weil er krank ist, sondern weil sie nicht mit ihm sterben will. Das finde ich nicht egoistisch. Ich finde es von ihm viel egoistischer, zu sagen: Komm mit mir in den Tod – anstelle dass er sagt: Es war schön mit dir, mach dir eine gute Zeit.

Nachdem wir in einer Zeit leben, in der Verantwortlichkeit und Empathie verstärkt eingefordert werden – wäre das Ihrer Ansicht nach der Drive, wie man die Buhlschaft zu einer extrem aktuellen, heutigen Figur machen könnte?  Als Idee finde ich das total spannend. Aber ich glaube, so etwas funktioniert mehr in der Theorie, als dass man es fürs Publikum begrei ar machen könnte. Die Figur wird einfach dadurch aktuell, indem ich, die in der heutigen Zeit lebt, die Buhlschaft spiele. Ich bin ja eine moderne Frau – somit wird das Stück aktuell.

Welche drei Gedanken schießen einem als erste durch den Kopf, wenn man diese Rolle angeboten bekommt? Bei mir waren das keine Gedanken, sondern Gefühlszustände, die sich abgewechselt haben (lacht). Als Erstes reagierte ich total perplex, denn ich hätte nie mit diesem Angebot gerechnet. Danach war ich unglaublich aufgeregt und mein Körper begann zu zittern. Weil man sich dann auf einmal vorstellt, wie das ist, wenn man am Domplatz steht – und es ist ja so groß und übersteigt jede Vorstellungskraft. Am Ende ist man natürlich geschmeichelt. (lacht laut.)

Sie werden dann auch zwei Monate lang eine ziemlich öffentliche Person sein. Ich stelle mir das schwierig vor, weil man gar nicht abschätzen kann, was da auf einen zukommt. Man gehört sich in dieser Zeit ja nicht wirklich selbst. Na ja, ich glaube, das muss man sich schon bewahren. Wenn ich das Gefühl habe, ich gehöre mir nicht mehr selbst, dann habe ich etwas falsch gemacht. Aber es ist sicher richtig, dass diese Zeit die konstante Auseinandersetzung mit sich selbst einfordert und insofern eine Herausforderung ist. Ich denke, ich habe mir schon ein paar Strategien zurechtgelegt. Ich werde mich dem jedenfalls so authentisch wie möglich stellen (lacht) – dann schauma weida …

 

Wundert es Sie nicht manchmal, dass selbst Schauspielerinnen, die vor Jahr­ zehnten diese Rolle am Domplatz gespielt haben, etwa Senta Berger, Maddalena Crippa oder Veronika Ferres, weiter mit ihr assoziiert werden – ein bisschen wie Romy Schneider, die trotz aller späteren internationalen Filmerfolge doch immer auch die „Sissi“ blieb? Ja, das wundert mich, wirklich erklären kann ich es mir nicht. Es resultiert sicher aus dem allgemeinen Wunsch heraus, andere zu kategorisieren oder zu reduzieren. Dann muss man sich den Kopf nicht weiter zerbrechen. Ich glaube allerdings, dass diese Kategorisierung die Männer genauso betrifft: Wer einmal den Jedermann gespielt hat, bleibt weiterhin auch immer irgendwo der Jedermann, egal, in welche Richtung er sich weiterentwickelt.

Sie traten schon im letzten Jahr in Salzburg auf und haben in der „Dreig­roschenoper“ die Rolle der Lucy gespielt. Welchen der beiden Frauencharaktere empfinden Sie als den spannenderen? Fokussieren Sie sich bitte wirklich auf den Charakter und nicht die Rolle. Ich bin ganz ehrlich: Ich habe das Gefühl, zu Brecht einen direkten emotionalen Zugang zu bekommen ist schwieriger als bei der Buhlschaft. Deswegen habe ich zur Buhlschaft einen spontaneren Zugang.

Ist es einfacher, einen komplexeren, eher definierten Charakter zu spielen, oder einen eher offenen, flatterhaften, auf den sich auch Bilder projizieren lassen? Das kann ich so nicht beantworten. Ich glaube allerdings, jeder gute Autor schafft eine komplexe Rolle, selbst wenn sie klein ist.


Zum Abschluss vielleicht noch ein kleiner Ausflug in die Landschaft. Im österrei­chischen Kulturmagazin „Festspiele“ sagen Sie, dass Sie das Salzkammergut am ehesten mit Heimatgefühl assozi­ieren, obwohl Sie mit Begriffen wie „Heimat“ oder „Daheimsein“ wenig am Hut haben. Was macht diese Gegend für Sie so besonders?Als Kind war ich oft in Grünau im Almtal. Meine ganze Verwandtschaft mütterlicherseits stammt von dort. Die Oma meiner Mutter hat eine Gastwirtschaft geführt und es herrscht da eine gewisse Art von Matriarchat. Mir gibt diese Gegend und dieses Geerdete ganz viel Kraft und Energie, und wenn mit mir einmal etwas nicht in Ordnung ist, sagt meine Mutter immer: „Vergiss nicht, du stammst von Wilderern und Bergbauern ab!“ (lacht) Es ist das Raue, das Bergige, dieser wilde, eiskalte Gebirgsbach – da geht man rein, da habe ich das Gefühl, das sind meine Wurzeln. Die Menschen besitzen auch so einen großartigen Humor, voller Lebensweisheit.

Es gibt ja viele schöne Flecken in Ös­terreich, warum, glauben Sie, hat das Salzkammergut seit jeher so viele Künst­ ler angezogen? Was muss eine Gegend können, um inspirierend zu sein, oder hat das nichts mit der Gegend zu tun? Ich kann nur von mir reden – das Salzkammergut lüftet meinen Kopf durch. Dann bin ich frei und es kann wieder etwas Neues kommen. Ganz grundsätzlich glaube ich, dass es Orte gibt, die den Kopf frei machen, andere sind mit Geschichten besetzt. Kreativität entsteht aber aus der Freiheit.

Wenn Sie sich jetzt schon etwas wünschen dürften, das Sie von diesem Salzburger Sommer mit nach Hause nehmen – was könnte das sein, egal ob ideell oder materiell? Also kulinarisch (lacht) – ich hab als Kind irrsinnig gern Salzburger Nockerln gegessen. Als ich letztes Jahr in Salzburg war, war die Küche immer schon geschlossen, als ich zum Essen gekommen bin, heuer werde ich das sicher nachholen. Das wäre sozusagen das Materielle. Und das Ideelle: Diese Festspiele sind ja doch etwas sehr Großes für mich. Wenn ich dann diesen Sommer das alles erlebt habe, wünsche ich mir, vielen Dingen viel entspannter zu begegnen.

Bio-Box

Miriam Fussenegger. Die 1990 in Linz geborene Schauspielerin studierte am Max Reinhardt Seminar in Wien, überzeugte jedoch schon vor ihrem Abschluss in diversen Bühnenproduktionen. In diesem Jahr übernimmt sie die Rolle der Buhlschaft im wohl bekanntesten Stück der Salzburger Festspiele und löst damit Brigitte Hobmeier an der Seite von „Jedermann“ Cornelius Obonya ab. Obwohl sie die zweitjüngste Buhlschaft auf dem Salzburger Domplatz ist, betritt sie das Festspiel-Parkett nicht als gänzlich Unbe- kannte: 2015 war sie bereits in der Rolle der Lucy Brown in Sven-Eric Bechtolfs Inszenie- rung von „Mackie Messer – Eine Salzburger Dreigroschenoper“ zu sehen.

Die Salzburger Festspiele finden vom 22. Juli bis 31. August 2016 statt. Die diesjährige Inszenierung des „Jedermann“ mit Miriam Fussenegger in der Rolle der Buhlschaft feiert am 23. Juli am Salzburger Domplatz Premiere. salzburgerfestspiele.at