STIL

RENAULT ZOE

Sandra Keplinger

Bei E-Mobility in urbanem Umfeld werden gerne die Totschlagargumente Infrastruktur und Reichweite aufs Tapet gebracht. Kann man innerstädtlich also tatsächlich nicht ohne eigene Garage oder Ladestation überleben? Wir haben es eine Woche land mit dem Ranault ZOE versucht…

Text: Gregor Josel
Fotos: Eryk Kepski & Maximilian Lottmann
Video & Schnitt: Gabriel Krajanek

Das Angebot an Fahrzeugen mit E-Komponente hat über die letzten Jahre und in verschiedensten Spielarten stark zugenommen. Vom Hybrid über den Plug-In-Hybrid und Autos mit Range-Extender bis hin zu den rein elektrisch betriebenen Fahrzeugen –Alternativen zum klassischen Verbrennungsmotor gibt es mittlerweile viele. Ob hochexklusiv à la Tesla oder BMW i8 oder vergleichsweise günstig und einspurig wie diverse E-Scooter aus dem Baumarkt – für jeden Bedarf gibt es inzwischen das richtige Gefährt.


All diese Gerätschaften sollen jedoch unterm Strich einem Zweck dienen, nämlich im urbanen und suburbanen Gebiet größtenteils lokal emissionsfrei unterwegs zu sein. So sehr sich das
Angebot an Fahrzeugen allerdings verbessert hat, so eingefahren ist das Bild in Sachen E-Mobility in manchen Köpfen geblieben. Denn trotz aller Innovation und allem Pioniergeist halten sich nach wie vor zwei gängige Totschlagargumente, die der Elektromobilität jegliche Grundlage rauben wollen und die sich interessanterweise auch in diversen Fachmedien seit Anbeginn der Elektromobilität sehr konstant halten. Sie heißen Reichweite und Lade-möglichkeiten in der Stadt ohne eigene Garage oder eigenen Parkplatz. Aus Wohnungsfenstern hängende Verlängerungskabel und stehen gebliebene E-Autos auf der Südosttangente sind die Schreckensbilder, die man uns hier einpflanzen will.

Wir sagen allerdings: Das ist Blödsinn! Um dieser Argumentation den Nährboden zu nehmen, haben wir beschlossen, uns der Urban-E-Mobility Challenge in Wien zu stellen und versucht, mit einem Renault ZOE eine ganze Woche lang unterwegs zu sein. Und zwar ohne eigene Garage, ohne eigenen Parkplatz, ohne eigene Ladeinfrastruktur. „Tanken“ wäre also ausschließlich an öffentlichen Ladestationen möglich. Das Testobjekt ist der neue Renault ZOE R240, der dank neuem Batteriesystem satte 240 Kilometer Reichweite verspricht. Dass kolportierte Reichweiten bei E-Autos nicht ganz der Realität entsprechen, ist kein Geheimnis, unterm Strich braucht ja auch jeder Diesel oder Benziner deutlich mehr, als er das in der Normverbrauchs-Angabe im Katalog vollmundig verspricht. So rechnen wir für unseren ZOE mit einer realen Reichweite von rund 140 bis 180 Kilometern. Um das Fahrzeug laden zu können, haben wir uns einerseits mit einer Smatrics- und andererseits mit einer E-Tanke-Ladekarte ausgestattet.

Das Testmodell entspricht der Ausstattungslinie Intense, die neben 16-Zoll– Leichtmetallfelgen eine Chipkarte mit Keyless-Go-System, Regen- und Lichtsensor, ein umfangreiches Infotainmentsystem, „R-Link“ mit Tomtom-Navigationssystem sowie eine Rückfahrkamera bietet. Elektrische Fensterheber vorne, elektronische Klimaautomatik mit reversibler Wärmepumpe, Aktivkohle Innenraumfilter, höhen- und längsverstellbares Lenkrad, Bluetooth-Freisprecheinrichtung, Bedienungseinheit am Lenkrad sowie einen Tempomat gibt es beim ZOE übrigens bereits ab der Basisausstattung.

Tag eins beginnt mit der Abholung des Testautos bei Renault Wien am Laaerberg, gefolgt von einigen Terminen in der Stadt und einem Nachmittag im Büro. Der klassische Arbeitstag also. Der ZOE ist voll geladen und ob der vollen Batterien verzichtet man auch nicht auf Klimaanlage, Sound und allen anderen Komfort, der potenziell Strom frisst. Abends trifft man sich noch auf ein Getränk im Stammbeisl, das Auto parkt bereits friedlich vorm Wohnhaus. Am Ende des Tages stehen gerade mal 22 gefahrene Kilometer auf der Uhr, die Restladung des ZOE liegt bei rund 90 Prozent.

Tag zwei beginnt früh, ein Termin in St. Pölten steht an, den man natürlich auch mit dem ZOE absolvieren will. Wenn schon, denn schon! Auf der Autobahn saugt der Zoe ordentlich an der Batterie, im Eco-Modus bei rund 110 km/h hat man den Stromverbrauch halbwegs unter Kontrolle, doch wird schnell klar: Bis nach Wien retour spielt’s das nicht. Am Rückweg machen wir also Halt bei der Autobahnraststation Steinhäusl, die mit einer Smatrics- Schnellladestation ausgestattet ist und den ZOE in nur 20 bis 25 Minuten, die der Fahrer für Kaffee und Kuchen nutzt, wieder auf ein Ladeniveau bringt, das uns locker zurück nach Wien führt und sogar noch für den nächsten Vormittag reichen sollte.

An den darauffolgenden Tagen wird eines ganz schnell klar: Das Argument der vermeintlich viel zu geringen Reichweite ist schon mal ein riesengroßer Blödsinn. Unterm Strich war der Zoe in dieser Arbeitswoche in der Stadt exakt 188 Kilometer unterwegs, was einem Durchschnitt von 37,6 Kilometern pro Tag entspricht. Rein theo-retisch käme der ZOE somit eigentlich mit nur einer Vollladung knapp eine ganze Woche aus. Rechnet man den Ausflug nach St. Pölten hinzu, kommt man auf ins-gesamt 319 Kilometer. Verabschiedet man sich geistig also mal vom Horror-szenario der leeren Batterie des E-Mobils auf der Südosttangente, dann lebt es sich eigentlich recht unbeschwert mit dem ZOE in der Stadt.

Da aber dennoch immer zuerst der Vernunftschalter fällt, lädt man das Auto allerdings bei verschiedenen Gelegenheiten. Mal bei einer der Smatrics-Ladestationen bei verschiedenen Merkur- und Billa-Filialen während des Wochenendeinkaufs, mal in diversen Tiefgaragen in der Stadt, bei einem feisten Gelage bei Burger King am Gaudenzdorfer Gürtel oder auch während man sich das EM-Finale am Donaukanal ansieht – der ZOE saugt zwischenzeitlich in der Sofitel-Garage in der Praterstraße Saft aus dem Netz. Während der -ganzen Woche sank der Ladepegel des ZOE nur ein einziges Mal unter 50 Prozent, und zwar am Weg nach St. Pölten.

Klar, mit dem ZOE samt Ski und Kindern ins Stubaital – das wird schwierig. Doch dafür ist diese charmante Gattung Fahrzeug auch nicht gemacht. Einer wie der ZOE ist zum Pendeln da, oder eben rein für den Stadtbetrieb. Und hier gilt mittlerweile: Es zählt einzig und alleine der gute Wille. Denn mit ein bisschen Einteilung und einem Schuss Enthusi-asmus überlebt man innerstädtisch in Sachen E-Mobility auch gänzlich ohne eigene Ladeinfrastruktur oder Garage. Dafür haben diverse Unternehmungen wie Smatrics oder auch WIEN Energie durch ein gut ausgebautes öffentliches Ladenetz gesorgt. Somit ist auch das zweite Totschlagargument widerlegt. Und zu guter Letzt macht der ZOE auch noch ziemlich viel Spaß! Denn wenn man dank des permanent voll abrufbaren Drehmoments des E-Motors des kleinen ZOE an der Ampel so ziemlich jeden Sportwagen stehen lässt, kann man sich das eine oder andere breite Grinsen im Gesicht nicht verkneifen.

ZAHLEN & FAKTEN

Wir haben also gelernt, dass man mit dem E-Auto auch ganz komod ohne Garage und eigene Ladestation -auskommen kann. Doch wie sieht’s mit den Kosten aus?

Was den Kaufpreis betrifft, ist momentan noch die Politik gefragt. Denn in Wien gibt es für Private derzeit keine Förderungen für die Anschaffung eines E-Fahrzeugs. Im Falle des ZOE Life R240 liegt der Kaufpreis bei 21.390 Euro. Ein in Ausstattung und PS-Leistung vergleichbarer Benziner Clio liegt in der Version ENERGY TCe 90 Ecoleader als Sondermodell Limited mit
einem Einstiegspreis von 16.750 Euro -deutlich darunter. Inklusive Batteriemiete (bei 12.500 Kilometern im Jahr) von 79 Euro liegt man bei den Betriebskosten ungefähr gleichauf, so man auch die -geringeren Verschleißkosten eines -E-Fahrzeugs kalkuliert. Für Arbeitnehmer entfällt für ein E-Fahrzeug jedoch der Sachbezug. Vergleicht man hier wiederum beide Modelle (ZOE und gleichwertiger Clio), vermindert sich die Bemessungsgrundlage der Lohnsteuer und Sozialversicherung im Vergleich zu einem konventionellen Fahrzeug durchschnittlich um satte 3.030 Euro pro Jahr (abhängig vom jeweiligen Lohnsteuer- und Sozialversicherungstarif). Für Unternehmer ist das -E-Konzept noch interessanter. Hier liegt die Ersparnis bei einer Laufzeit von vier Jahren bereits bei knapp unter 5.000 Euro (bei einer Förderung von 2.000 Euro beim Ankauf). Stellt man allerdings den Leistungsvergleich an, müsste man sich am saftigen Drehmoment des ZOE orientieren und hier alternativ den Clio mit 90 PS Diesel ebenfalls in der Ausstattungslinie „Limited“ anschaffen, denn erst der schafft ebenfalls 220 Nm Drehmoment. Hier würde die geringere Bemessungsgrundlage für Arbeitnehmer einen Vorteil von rund 3.350 Euro jährlich bringen. Die Ersparnis für Unternehmer läge nach vier Jahren bei rund 7.200 Euro (ebenfalls bei 2.000 Euro Förderanteil bei der Anschaffung).