Film & Serie

Roland Düringer, nun Politiker

Franz J. Sauer

Hintergründe zur medienwirksamen Parteigründung des medienaktiven Medienverweigerers Roland Düringer

 Text: Konrad Augenthal

Roland Düringer (53) war schon vieles. Wehrbugl beim Bundesheer, Bodybuilder, Benzinbruder, Kaisermühlen-Blueser, Motorrad- und Autosammler, Waldschrat, Wutbürger. Sein Geld verdient er damit, dass Leute in Vorstellungen kommen und Filme ansehen, in denen er mitspielt. Doch Zeiten ändern sich. Jetzt ist er auch Politiker. So wie er selbst in jenem Video, das gestern durch alle Sozialen Netzwerke flimmert, klarstellt: „amtlich“. Weil er beim Bundesministerium für Inneres das Statut seiner neuen Partei „Meine Stimme G!LT!“ hinterlegt hat. Gleichzeitig bezeichnet er sich selbst auch als „Taxler, der bestimmt welches Taxi gekauft“ werde. Die Fuhr dürfen „Sie“, also das p.t. Publikum oder das Wahlvolk, sofern es Überschneidungen gibt, „selbst bestimmen“. So weit Düringer.


Schauen wir einmal kurz vor, neben und hinter die Dinge: Interessant an dem Video ist beispielsweise, dass – neben dem nach wie vor recht haarigen Parteichef selbst – ein Mann ohne Haare und mit Brille lustige Kommentare von sich gibt – der Amerikaner würde sagen, ein „Sidekick“ zum Talkshow-Host. Düringer bezeichnet ihn als den stellvertretenden Parteivorsitzenden von „G!LT“, so die Kurzbezeichnung der neuen Partei.

Den mit der Gesichtsbehaarung und -bezopfung kennt man landesweit. Seit Filmklassikern wie „Hinterholz 8“, „Muttertag“ und wütenden Gastauftritten bei seinem Spezl aus Jugendtagen, Alfred Dorfer, im ORF. Aber wer ist der Haarlose?

Landtagsabgeordneter Walter Naderer, Ex-ÖVP, Ex-Team Stronach

Angesichts der zur Schau gestellten Witzigkeit nicht überraschend ist, dass der Herr Stellvertreter früher bei der ÖVP war. Dann mit dieser gebrochen hat, und dann beim – Überraschung! – Team Stronach angeheuert hat. Sein Name ist Walter Naderer (54).

Dieser ist freilich nicht zu verwechseln mit dem obersten Stronachianer in Salzburg, dem Ex-Polizisten Helmut Naderer. Dank Franks Wahlerfolgen bei einigen Landtagswahlen, darunter auch in Niederösterreich, sitzen nämlich zwei Naderers für des Austro-Kanadiers Ex-Lieblingshobby in Landtagen. Der eine, der frühere FPÖler und BZÖler, mit Haaren, eben in Salzburg, und der ander, eben jener ohne Haare, in Niederösterreich.

Letzterer ist seit April 2013 Abgeordneter. Gerade ein halbes Jahr später hat ihn Frank wieder aus seiner Partei geworfen, das Landtagsmandat behielt Walter Naderer aber, somit werkte er seither als „parteiloser Abgeordneter“. Bis zum Mittwoch, den 21. September 2016. Seitdem ist er zwar noch immer ohne Haare, dafür aber wieder mit Partei. Und statt ÖVP und FRANK gilt nun: G!LT. Oder auch: Von einem Spaßprojekt zum nächsten, quasi.

Naderer hat übrigens nichts mit dem Recht bekannten Gasthof „Zum Naderer“ in seiner Heimatstadt Maissau im Bezirk Hollabrunn zu tun. Dieser gehörte bis vor kurzem einer anderen Familie Naderer. Düringers Stellvertrter nennt eine Handels-GmbH sein eigen. In Limberg handelt der frühere Zögling des Stiftsgymnasium Melk und – wie Düringer – Absolvent der Mödliner HTL, mit Nutzfahrzeugen. Den von seinen Eltern übernommenen Weinhandel verkaufte er 2011.

Roland Düringer, schon länger Politiker

Soviel zum Sidekick. Zurück zum bärtigen Talkshow-Host: Düringer mischt ja schon länger politisch mit: 2011 hielt er bei Spezi Dorfer im Fernsehen seine berühmte „Wutbürger-Waldschrat-Rede“, bei der die Zuschauer spätabends nicht wussten, wie viel davon kabarettistische Übertreibung und wie viel echter Furor war. Die Rede wurde ein Hit auf YouTube, und setzte die damalige Regierung Faymann/Spindelegger doch etwas unter öffentlichen Druck.

Im Oktober 2012 erzählt Düringer Journalisten, dass er ab nun nach dem Motto “Back to the 70’s” zu leben gedenke und im Selbstversuch auf Bankkonto, PC, Handy und Fernseher zu verzichten gedenke. Gut also, dass er jemanden kennt, der ein Smartphone hat, sonst hätte er sich gestern bei der Anmeldung seiner neuen Partei nicht filmen lassen können.

Ebenfalls 2012 veröffentlichte er ein Buch namens „Das Ende der Wut“. Verfasst mit dem Philosophen Eugen Maria Schulak und mit Rahim Taghizadegan. Der Klappentext sagt, es gehe um Gesellschaftskritik, Finanzkrise und den eigentlichen Sinn im Leben. Da sich so ein Buch ja nicht von alleine verkauft (der Link oben führt übrigens zu Amazon, schmunzel …), musste er damals wohl oder übel beim Systemsender Ö3, den es immerhin auch schon in den 70ern gegeben hat, auftreten. Er sagte damals anlässlich eines Frühstücks bei Frau Stöckl etwas über Dinge, die Menschen so tun, und Dinge die er, Düringer, dagegen tue: „In dem Moment, wenn es alle machen, merke ich, es ist schon falsch.“ Deswegen ist seine neue Partei wahrscheinlich auch ein Taxi und keine Partei.

Nicht ganz konsequent

Das mit den 70er wurde auch nicht ganz konsequent vorangetrieben. Düringer betreibt seit dem 22. Dezember 2012 ein Videoblog namens „www.gueltigestimme.at„. Dort dokumentiert er seit damals seinen „Rückzug aus den Systemen“ – über sein Leben „ohne Auto, ohne TV, Radio und Printmedien, ohne Mobiltelefon, ohne Supermärkte und Handelsketten, ohne Plastikgeld und letztlich ohne Internet“, schreibt er im – äh – Internet.

2013 interviewte er für seine Videoblogseite und seine Sendung „Gültige Stimme“ auf PULS4 den Waldviertler-Unternehmer Heinrich Staudinger. Dieser sammelte damals seit einem Jahr – mangels Bankkredit – von Freunden und Kunden für seine Schuhfabrikation GEA Gelder ein. Das gefiel der Finanzmarktaufsicht gar nicht, sie ist der Rechtsmeinung, Staudinger betreibe eigentlich Bankgeschäfte, wofür er laut Gesetz eine Konzession brauche. Der Clinch wurde öffentlich, die FMA war das System, und Heini der Robin Hood. Waldviertel statt Sherwood, dieser Rebell gefiel vielen – von ganz links bis rechtsliberal. So auch dem Herrn Düringer, wo immer dieser politisch zu verorten ist. Hat er doch auch schon 2003 für Weltkonzerne wie VISA-Kreditkarten Werbung gemacht.

2014 hat Roland Düringer dann im Parlament rund 49.600 Unterschriften übergeben, mit denen ein U-Ausschuss zur Causa Hypo Kärnten gefordert wurde. Dieser ist ja dann auch eingerichtet worden, hat so ziemlich nichts Neues gebracht. Düringer durfte damals, so wie alle PetitionseinbringerInnen, im Petitionsausschuss des Nationalrats sprechen. Nach der Rede beschwerte er sich, dass die Abgeordneten während seiner Rede getratscht hätten. Er diktierte dann Journalisten ins Mikro, er wolle übrigens nach wie vor nicht Politiker werden, denn: „Das wär‘ für mich ein sozialer Abstieg.“

Stronachs Erben

Spannend und durchaus Unterhaltung versprechend wird ab sofort, nachdem eh alle Medien über das Düringer-Naderer-Video berichtet haben, wer sich noch dem „Beppe Grillo mit Holzperlen-Bart“ begeistert und engagiert anschließt. Die Tageszeitung heute hat nämlich gleich am ersten Tag rausgefunden: 40 Prozent würden Düringer wählen. Verlockend, winken doch 8500-Euro-Jobs als Hinterbänkler im Taxi, äh, im Parlament.

Fragt Robert Lugar also schon kurzatmig alle nach Düringers Handynummer? Wird Ulla Weigersdorfer mitübernommen? Cathy Lugner? Geht Robin Staudinger auf die Liste? Und: Was sagt Niki Lauda dazu? Armin Wolf, ein sehr wichtiger ZIB2-Moderator, twitterte bereits: „Roland Düringer will mit einer eigenen Partei bei der NR-Wahl antreten. Sie heißt nicht „Stronachs Erben“, könnte es aber werden.“

Der auf Twitter ebenfalls sehr aktive Politologe Hubert Sickinger kommentierte Düringes jüngsten Stunt auf dem Kurznachrichtendienst so: „Bei Sonneborn weiß man wenigstens sicher, dass es Satire ist. Bei Düringer gibt es den schrecklichen Verdacht, dass er es ernst meint.“ In einem Interview mit der Austria Presse Agentur wurde Düringer 2012 angesichts seiner Wutbürgerei gefragt: „Warum lachen die Leute trotzdem?“ Düringer damals: Das ist nicht das, was ich sage, sondern wie ich es sage. Nichts von dem, was ich da sage, ist lustig.“

Bereits letzten Sonntag verkündete Düringer übrigens auf seinem Videoblog in einem elfminütigen Video das Parteiprogramm:Die wichtigste Frage ist nun: Kann er es schaffen, ins Parlament zu kommen. Simple Anwort: ja. Aus mehreren Gründen: Einer ist: Das Elektorat, also ein – wahrscheinlich größer gewordener – Teil hat bei uns was über für skurrile, laute, goscherte Typen, die es „denen da oben“ zeigen wollen, oder, wie Düringer selbst sagt, „etwas wegnehmen will“. Siehe Lugners erste Kandidatur, siehe Hans-Peter Martin gleich zweimal in EU-Wahlen, siehe Frank Stronach im Nationalrat und in mehreren Landesparlamenten.

Was war deren Vorteil im Vergleich zu anderen Skurrilos wie den Christen oder der EU-Autrittspartei? Erfolg entsteht entweder durch allerbeste Medienpräsenz oder durch viel Geld (wie es die Neos beispielsweise dank Hans-Peter Haselsteiner bekommen haben, oder Jörg Haider in den 90er Jahren von heimischen Großindustriellen).

Die Medienpräsenz hat Düringer sicher. Wer ihm in nächster Folge Geld zukommen lässt, wird sich weisen. Es wird spannend, wie transparent er Spenden machen wird. Wahlkämpfe können in Österreich schon ein paar Millionen Euro kosten, wenn man die etablierten Parteien mit ihren Plakaten, mit ihren Auftakten und Abschlüssen als Blueprint nimmt. Und es braucht Freiwillige, die für einen rennen. Will man als wahlwerbende Gruppe auf den Stimmzettel, braucht es laut Gesetz nämlich entweder drei Unterschriften von Abgeordneten (Stronachler?) oder je nach Bundeslandgröße zwischen 100 und 500 Unterstützungserklärungen.

Und dann kommt erst der eigentliche Wahlkampf. Freilich: Düringer könnte es auch nur mit Blog- und TV-Präsenz versuchen, also deutlich billiger. Die Hürde ist jedenfalls vier Prozent der Stimmen. Oder ein Grundmandat in einem Regionalwahlkreis. Das Protest-Potenzial ist durchaus da. Politologen postulieren, dass die Demokratiemüdigkeit in Österreich bereits in allen Schichten zur Demokratieablehnung mutiere. Diesen Angfressenen und -innen bieten sich nun ein Strache wie möglicherweise auch ein Düringer an. Es könnte also sein, dass der Bartbezopfte den Blauäugigen den Kanzler kostet.