Film & Serie

Preview: Paterson

Sarah Wetzlmayr

Aufstehen, Arbeiten, Heimkommen – da dreht man doch irgendwann einfach durch, oder? Nicht wenn es nach Jim Jarmusch geht.

von Sarah Wetzlmayr

 

Es gibt diese Filme, die 2 Stunden dauern, bei denen man 1 Stunde und  59 Minuten davon auf den großen Knall wartet – den unvorhersehbaren und total absurd erscheinenden Tod des Hauptdarstellers zum Beispiel. Das sind diese Filme, die so daherzukommen scheinen, wie die prototypischen US-amerikanischen Amokläufer – „er war immer ein lieber Bub, etwas zurückgezogen, aber eigentlich unauffällig“ und dann: die große Knallerei. Genau das erwartet man sich auch von Paterson, dem neuen Film von Jim Jarmusch (Stranger Than Paradise,Down by Law, Ghost Dog), der bei der Viennale zu sehen sein wird, doch nichts braut sich zusammen, nichts passiert – kein großer Knall, nicht einmal ein kleines Knallbonbon das zerplatzt. Der Film zeigt, in seiner die Liebe zum Detail zelebrierenden Langsamkeit, sieben Tage im Leben des busfahrenden Poeten Paterson (gespielt von Adam Driver), der in Paterson, New Jersey, lebt. Ein Bild, das nur jemand wie Jarmusch in unsere Köpfe pflanzen kann – denn einfach so würde wohl kaum jemand, beim Einsteigen in den 13A, auf die Idee kommen, dass da ein Dichter hinter dem Steuer sitzt.


Jarmusch schafft das und nimmt dabei alle klassischen Versatzstücke, die man normalerweise für ein melancholisches Kleinstadtdrama mit möglicherweise tödlichem Ausgang braucht, in die Hand und formt sie so um, dass sie einen positiven Ausblick auf das ganz normale Alltagsleben möglich machen. Schönheit und Bedeutung können auch in einer Schachtel Streichhölzer versteckt sein, und während man denkt, dass Paterson, seine wenig standhafte Freundin Laura, bald auf den Mond schießen könnte, liebt er sie umso mehr. Paterson ist diese Stadt in der er lebt – mit allem was daran wundervoll, aber auch beschissen ist.Das klingt, unter diesem großen Schirm, der Poesie des Alltags, nach unfassbar amerikanischem Hollywood-Kitsch. Doch Jarmusch kriegt die Kurve noch, bevor dieses große Schiff voll beladen mit beinahe nervenaufreibender Zufriedenheit, in ein rosarotes Meer voll Kitsch abdriftet. Den großen Knall am Ende, den erhofften Ausraster, der diesen Film zu einem dieser Film machen würde, an den man sich wegen genau dieser Szene noch Jahre später erinnern würde, braucht man nicht. Den eigenen, kleinen Knalleffekt erlebt man sowieso selbst, wenn man das Kino verlässt und sich denkt, dass genau diesen Kebab-Resten am Boden eine ganz eigene Poesie innewohnt.

PATERSON, ab 18. November im Kino.Fotos © Mary Cybulski