ACTION

Sandra Lahnsteiner: "Between"

Shades of Winter

Hannes Kropik

In Sandra Lahnsteiners neuem Film geht es nicht nur um steile Action, sondern ebenso um die schönen und stillen Momente dazwischen. „Between“ ist aber auch eine Hommage an die unvergessliche Matilda Rapaport – und an das Leben, das wir doch einfach genießen sollten.

Sandra Lahnsteiner hatte eigentlich schon eine recht klare Vorstellung, wie „Between“, der bereits dritte Teil ihrer erfolgreichen „Shades of Winter“-Filmserie, aussehen sollte. Und dann schlug die Nachricht vom Unfall ihrer Kollegin Matilda Rapaport ein wie eine Bombe: Die 30-jährige Schwedin war im Juli während der Dreharbeiten für einen Werbespot in Chile von einer Lawine erfasst worden und erlag wenige Tage danach ihren Verletzungen. „Ihr Tod“, erinnert sich die Salzburgerin im Gespräch mit dem Wilden Wiener, „hat zuerst bei allen im Team einen Schock ausgelöst. Wir waren gerade dabei, den Film zu schneiden, und wussten plötzlich nicht mehr, wie es weitergehen soll.“ Die Antwort gab letztendlich Matildas Ehemann, der Slalom-Star Mattias Hargin: „Er wollte, dass wir den Film genau so fertigstellen, dass er Matilda gefallen hätte.“

Und so wurde „Between“ zur Hommage an Matilda Rapaport – und ans Leben an sich. „Matilda war immer so authentisch, so geradlinig, so ehrlich. Natürlich war es extrem schwer, weiterzumachen und sie permanent einen Meter von mir entfernt auf dem Bildschirm zu sehen. Aber wie sagt man so schön: Wenn es schwierig wird, lächle. Mir ist es nach einigen Wochen gelungen: Immer wenn ich Matildas fröhliches Gesicht auf dem Monitor gesehen habe, konnte ich selbst wieder lächeln. “


Neben den actionreichen Aufnahmen, die Sandra und ihre Kolleginnen Julia Mancuso, Janina Kuzma, Nadine Wallner, Evelina Nilsson, Melissa Presslaber und eben Matilda Rapaport in Europa, Neuseeland, Hawaii und Alaska zeigen, dreht sich „Between“ nun stark um diese wertvollen Momente zwischen den ganz großen Skiabenteuern: „Es geht um die Träume und Ziele, die wir mit unserem Sport verfolgen. Es geht um die Freundschaften, die man auf seinen vielen Reisen schließt, und um die Freude, die man empfindet. Letztendlich war es mir eine Ehre, aber zugleich eine große Verantwortung, Matilda in ihren schönsten Momenten zu zeigen. Ich glaube, es ist uns gelungen, die Begeisterung und Leidenschaft fürs Skifahren in ihren Augen einzufangen.“

Wenn man sich bei „Between“ nicht nur von den großartigen Bildern beeindrucken lässt, sondern auch dem Soundtrack sein Gehör schenkt, wird man die Textzeile „All the things make me who I am“ entdecken – und vielleicht mit einer Aussage verbinden, die Sandra in Hawaii trifft: „I’m the luckiest girl right now!“ Macht Freeriden aus Menschen also trotz aller Gefahren ganz einfach glücklichere Menschen? Ja, bestätigt die Filmemacherin, die ihren früheren Zivilberuf als Konditionstrainerin und Mentalcoach an der Skitourismusschule Bad Hofgastein auf ein Minimum zurückgeschraubt hat: „Ich kann nur für mich selbst sprechen, aber durch das Skifahren habe ich mich in den vergangenen Jahren definitiv weiterentwickelt. All diese Erlebnisse und Erfahrungen haben mich stark geprägt und verändert; der Sport hat mich weltoffener gemacht. Und glücklicher.“

Begonnen hat die Leinwandkarriere der studierten Sportwissenschaftlerin 2009 mit einem Part in der YDream-Produktion „Made in Austria“, in der sie als einzige Skilady neben Szene-Größen wie Matthias Haunholder und Matthias Mayr (siehe Seite 16) gute Figur machte. Schon im Jahr darauf drehte sie neben ihrer damaligen Arbeit als Konditionscoach von Alpinstar Anna Veith (vormals Fenninger) ihren ersten eigenen Film. Dem Konzept von „As We Are“ blieb sie bis heute treu: Ebenso wie bei „Shukran Morocco“ (2012) und der 2013 gestarteten „Shades of Winter“-Serie standen bei Sandras Produktionen ausschließlich Damen vor der Kamera. „Mit diesen Filmen will ich auch andere Mädels inspirieren, ihre Träume zu verfolgen. Du erlebst da draußen manchmal wirklich einzigartige Momente! Zum Beispiel, als ich in Schweden um zehn Uhr abends in diesen pinkfarbenen Sonnenuntergang hineingefahren bin. Ich dachte mir nur: ,Heilige Scheiße, dass es etwas so Schönes geben kann!‘“

Große Renn- oder Contest-Ambitionen hatte Sandra selbst eigentlich nie. „Aber ich habe mir sehr gerne Skifilme angesehen und war fasziniert von den Möglichkeiten, dadurch an so viele einzigartige Orte zu gelangen. Als ich die Gelegenheit bekam, bei ,Made in Austria‘ mitzuwirken, habe ich gesehen, wie sehr mir das kreative Arbeiten in der Natur taugt. Es kann zwar eine richtig anstrengende Arbeit sein, wenn ich mir mit Puls 195 beinahe die Lunge aus dem Leib renne, damit der Kameramann noch rasch eine bestimmte Licht/Schatten-Stimmung einfangen kann. Aber wenn man ein Ziel vor Augen hat, dann tut man eben alles, um es zu verwirklichen.“

Dieser Anspruch ändert sich auch nicht durch die Tatsache, dass Matilda Rapaports Tod wieder einmal allen Extremsportlern vor Augen geführt hat, wie viel Risiko sie eigentlich auf sich nehmen. Sandra selbst ist zum Beispiel in Schweden vor laufender Kamera schwer zu Sturz gekommen. Sie ist einen eisigen Steilhang gut 300 Höhenmeter weit hinabgeworfen worden, hat sich dabei neben Abschürfungen im Gesicht aber nur eine Bänderverletzung in der rechten Schulter zugezogen. „Ich stürze eigentlich nur sehr, sehr selten. Das war ein massiver Abflug, bei dem ich nie die Chance gehabt habe, aus eigener Kraft stehen zu bleiben. Und ich hatte brutales Glück, nicht auf einem Felsen aufgeschlagen zu sein. Aber schon eine halbe Stunde später bin ich trotz meiner Schmerzen wieder Ski gefahren. Der nächste Run war nicht sehr gut, aber ich bin gefahren.“

Zu Hause ist das Thema „Gefahr“ natürlich präsent. „Nach Matildas Unfall haben mich meine besten Freundinnen angerufen und gesagt: Sandy, es reicht, jetzt muss endlich Schluss sein!“ Ihr Lebensgefährte Gernot hingegen, selbst ein sehr guter und begeisterter Skifahrer und außerdem sportlicher Leiter der Skitourismusschule Bad Hofgastein, würde sie nie bitten, ihre große Leidenschaft Freeriden aufzugeben: „Wir sprechen sehr viel über das Risiko in meinem Beruf. Das ist ein unglaublich emotionales Thema und ich spüre seine Ängste. Aber er weiß, dass wir uns alle bestmöglich gegen die Gefahren wappnen. Außerdem: Wer weiß, ob unser Schicksal überhaupt steuerbar ist? Es gibt so viele Dinge, die dir zustoßen können. Am Tag von Matildas Unfall sind mehr als 80 Menschen bei diesem Anschlag in Nizza ums Leben gekommen. Die haben überhaupt nichts riskiert und dann rast ein Wahnsinniger mit dem LKW in die Menge …“

Die Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss, ist: Wie sehr lässt man sich von einem unvermeidbaren Restrisiko einschränken? Sandra Lahnsteiner hat ihre Antwort gefunden: „Man darf sich nicht verrückt machen lassen. Wir müssen dankbar sein für jeden Tag, für jeden Moment. Dieses Wissen ist gerade nach Matildas Tod extrem präsent. Und was immer meine Zukunft bringen mag: Skifahren wird immer ein wichtiger Teil meines Lebens sein.“Sandra Lahnsteiner
Geboren am: 17. Oktober 1980 in Kuchl
Erlernter Beruf: Studium Sportwissenschaften, Staatlich geprüfte Diplomskilehrerin und Skitrainerin
Eigene Filme: „As We Are“ (2010), „Shukran Morocco“ (2012), „Shades of Winter“ (2013), „Pure“ (2014), „Between“ (2016)
Sponsoren: BMW, Fischer, Uvex, Leki, Allied Feather & Down, Recco
Im Netz: sandralahnsteiner.comFotos: Mattias Fredriksson, J. McCarty, Tommy Pyat, Mattias Hargin, Sandra Lahnsteiner