AKUT

Müll im Fahrradkorb

Diese Woche hassen wir…

Sarah Wetzlmayr

…wenn Fahrradkörbe als Mistkübel benützt werden. 

Wenn man betrunken ist, tut man seltsame Dinge. Man schreibt Nachrichten, die man am nächsten Tag bereut, kauft sich beim Würstelstand, trotz Gluten-Intoleranz einen Hotdog oder hat auf Hausparties das Gefühl jemanden mit Edding bemalen zu müssen. Kann natürlich auch ein Gegenstand sein. Hauptsache Edding. Hauptsache unauslöschbar. Hauptsache Spuren der inneren Verwüstung auch irgendwo anders hinterlassen (beim Gedanken des Hinterlassens fielen einem da natürlich auch noch andere berauschte Dinge ein, doch die lassen wir – ob der frühen Uhrzeit – mal galant beiseite). Das ist alles okay. Doch dann kommt da noch eine andere Angewohnheit des betrunkenen Stadtmenschen dazu, die bei genauerer Überlegung so einfach nicht zu verurteilen ist. Das Szenario ist folgendes: Ein Betrunkener muss auf seinem betrunkenen Weg etwas tragen. Eine leere Bierdose, das Papier in dem der Mäci-Cheeseburger eingewickelt war, das Kebap-Papier, den Schal von der Oma zu Weihnachten. An sich keine allzu schwere Last, doch wenn man sich selbst so unendlich leicht fühlt, wiegen all diese Dinge so viel, als hätte man sich den Interrail-Rucksack von damals nochmal umgeschnürt. Ihr kennt das. Dann, ein erlösender Busch, ein von der Neubauer Bezirksregierung aufgestellter Riesen-Blumentopf oder einfach ein Fahrradkörbchen. Kaum als solches erkannt, lässt sich der Weg ballastfrei und leichtfüßigst fortsetzen.

Wir wissen es, Wien ist eine saubere Stadt (wer schon mal in New York war – oder auch sonst irgendwo – kann das bestätigen) und weil das so ist und für viele, seit sie denken können immer auch schon so war, liegt eine ganz bestimmte Idee ganz tief im Wiener und der Wienerin begraben. Mist gehört wo hinein. Der gehört nicht auf die Straße und den lässt man auch in seinem ganz eigenen betrunkenen Wien nicht einfach so fallen. Diese Idee sitzt so tief, dass man auch im Zustand tiefster Berauschung nicht davon abgebracht werden kann. Und so passiert es, dass manch ein Fahrradbesitzer anhand des Müllaufkommens in seinem, ganz fein mit Kabelbindern festschnürten Fahrradkorbes, das Wochenende einiger Menschen ganz einfach nachzeichnen kann. Gerade jetzt, im Frühling, wo wieder vermehrt Dinge auf Straßen konsumiert werden und sich die Wochenenden nicht mehr im Wohnzimmer, sondern draußen abspielen, wird jeder Montag zum Seziertag der inneren Verwüstung eines Fremden. Jeden Montag verlässt man als Fahrrad- und Fahrradkörbchenbesitzer das Haus mit Plastikhandschuhen – wenn man sich nicht als zweirädrige Müllabfuhr fühlen möchte. Doch dann beginnt die eigentliche Schwierigkeit – was tut man? Daneben stünde da dieses andere Fahrrad mit Fahrradkorb …


Foto © muell-archaeologie.de