Accessoires

Phönix aus der Asche

Sandra Keplinger

Betritt man einen VIU Store, ist man im Brillenparadies. Jedes Modell scheint zu passen – immer. Nun geht das Schweizer Brillen-label einen Schritt weiter und druckt im 3D-Verfahren eine individuell angepasste Brille. Wir sprachen mit Creative Director Fabrice Aeberhard.

Welche Vorteile bietet der 3D-Druck von Brillengestellen im Vergleich zur herkömmlichen Produktionsart? Der 3D-Druck ist ein hoch innovatives Produktionsverfahren und birgt zwei entscheidende Vorteile: Die Individualisierung –der Kunde erhält eine für ihn angepasste und gedruckte Brille, sowie die Zero-Waste-Produktion – es wird bei der Herstellung immer nur so viel Material verwendet wie benötigt.

Er ist also nachhaltiger? Ja, weil es ein aufbauendes Verfahren ist, während die traditionelle Herstellung in der Regel ein abtragendes Verfahren ist. Konkret werden durch einen Laser innerhalb von Millisekunden mehrere Polyamidpartikel erhitzt und verbinden sich, exakt nach den Vorgaben des Designers, zu einem größeren Ganzen. Die nicht erhitzten Partikel werden einfach beim nächsten Druck wiederverwendet, und so entstehen in der Herstellung praktisch keine Abfallprodukte. Auch wird nur dann produziert, wenn Bedarf entsteht – sozusagen erst auf Bestellung der Kunden.


Bilder aus der VIU 3D Archtypes Collection Kampagne. Alle Frames sind unisex. (c) Sandra Kennel

Wie kann man sich eine Brille aus Polyamid-Staub haptisch vorstellen? Polyamid ist eine Nylon­mischung, die nicht nur superleicht, formstabil und bruchfest ist, sondern auch bereits aufgrund ihrer guten Verträglichkeit und Präzision Anwendung in der Medizin­technik, z.B. bei Implantaten, findet. Die Rahmen sind dadurch sehr filigran, aber dennoch stabil und deutlich flexibler als Acetat. Und, wie gesagt, um 40 Prozent leichter.

Denken Sie, dass sich der 3D-Druck im Design­bereich durchsetzen wird? Generell bietet er viel Potenzial, von der Herstellung von Prototypen bis hin zum finalen Produkt. Allerdings sehen wir 3D noch als Ergänzung der bestehenden Kollektion – als logischen Ausbau in Bezug auf die individualisierte Brille. Es gibt beim 3D-Druck noch gewisse Limitationen, etwa bei der Farbkomposition. Es ist nicht möglich, eine semitransparente Havannafarbe herzustellen, während man beim Baumwollacetat keine Einschränkungen hat. Der 3D-Druck ist auf jeden Fall aktuell ein großes Thema in Mode und Design, allerdings wird er herkömmliche Verfahren nie vollständig ersetzen – gerade im Brillensegment. Jedes Material hat seine besonderen Eigenschaften, und nicht alle Stoffe sind gleichermaßen für den Druck geeignet.

Fabrice Aeberhard ist Creative Director beim Brillenlabel VIU und lebt in Zürich. VIU wurde 2013 in der Schweiz gegründet und produziert überwiegend in Südtirol und Japan. (c) Sandra Kennel

Wann kamen Sie das erste Mal mit 3D-Druck in Berührung? Das war während meiner Studienzeit, vor ca. 13, 14 Jahren. Beim Besuch eines medizinisch-technischen Unternehmens konnten wir erleben, wie Gelenkprothesen im 3D-Druck entstehen. Was viele nicht wissen: In der Medizin wurde das Verfahren schon lange verwendet, bevor es im ­Fashion- und Lifestyle-Bereich Anwendung fand.

Können Sie als Designer freier arbeiten, weil Sie technische Aspekte des Zusammenbaus der Brille weniger beachten müssen? Aus Entwicklungssicht eröffnet der 3D-Druck eine endlose Designfreiheit. Das heißt, wir können sehr viel experimentieren und ausprobieren, was für ein Design-getriebenes Unternehmen wie VIU sehr wichtig ist.

Wie kompliziert ist die Entwicklung der Kollektion gewesen? Wie lange war die Vorlaufzeit? Insgesamt haben wir mehr als zwei Jahre in die Entwicklung der ARCHETYPES COLLECTION investiert. Der Anfang bestand aus Designexperimenten und ersten Gehversuchen. Wir hatten als Team erhebliche Erfahrung beim Design einer Brille, mussten sozusagen aber erst verstehen, nach welchen Gesetzen 3D-Printing funktioniert, und die Grenzen austesten. Danach folgte die Designphase, in der die Grundkollektion designt und die einzelnen Komponenten ausge­arbeitet wurden. Als letzter Schritt folgte dann der Ausbau der Kollektion auf die verschiedenen Größen für Fronten, Bügel und Farben, sowie natürlich die ­Sicherstellung der operativen Umsetzung.

VIU 3D Archtypes Collection

Gab es Komplikationen? Einerseits war es eine Herausforderung, die neue Technologie zu meistern und einen geeigneten Partner für die Herstellung der Brillen zu finden. Auf der anderen Seite natürlich das Design. Wir wollten mit der 3D-Kollektion etwas schaffen, was die VIU-Identität in sich trägt, unser Sortiment erweitert und dabei gleichzeitig neue Maßstäbe setzt.

Wie funktioniert die Anpassung der Brille? Da für die VIU ARCHETYPES COLLECTION eine Vermessung des Kopfes notwendig ist, ist das Produkt bisher nur in den VIU Shops und nicht online erhältlich. Der Kunde sucht sich im Store zuerst eine Form aus, die ihm gefällt, dann wählt er gemeinsam mit unserem Storeteam die passende Front- und Bügelgröße, sowie die Farbe der Brille und des Gelenks aus. Im Anschluss wird die Brille für ihn bestellt und gedruckt.

Woran erkennt man einen VIU Archetype? Was macht ihn optisch für den Träger besonders? Die VIU ARCHETYPES Modelle erkennt man an der zurückgenommenen und sehr reduzierten Form – eben aus dem Ursprung entstehend. Nicht nur der leichte Tragekomfort, sondern auch die leicht raue Oberfläche machen den Charakter der Brillen aus.

VIU ist in Österreich 2x vertreten:

VIU Flagship Store
Neubaugasse 36, 1070 Wien

VIU Flagship Store
Sporgasse 2, 8010 Graz

www.shopviu.com