Motor

Fauchen statt Brüllen – Der Jaguar I-PACE

Abgesehen von ihrem potenziell wahnwitzigen Antritt sind ­Elektroautos nicht gerade als Spaßmacher bekannt. Zu schwer wiegt der Motor in rasanten Kurven, zu starr ist der Antrieb für Offroadabenteuer und zu leise säuselt die ganze Geschichte vor sich hin – so heißt es zumeist. Der Jaguar I-PACE nimmt sich all diese Vorurteile, krallt sie zusammen und kippt sie in die Altpapiersammlung. Denn die Elektromieze ist eine wasch­echte Raubkatze – auch wenn sie faucht anstatt zu brüllen.

Text: Jakob Stantejsky

Okay, leise ist der I-PACE natürlich immer noch – zumindest, wenn der Fahrer das möchte. Denn per Slider auf dem eleganten Touchscreen kann man jederzeit die Geräuschkulisse regulieren, von nahezu vollkommener Stille bis hin zum wütenden Raumschiffantrieb. Logischerweise ist der Sound dann nur künstlich generiert, hört sich aber gar nicht so schlecht an und gibt einem ein gutes Gefühl für Speed und Beschleunigung. Am eindrucksvollsten finden wir es jedoch, den I-PACE tatsächlich total stumm durch die Gegend fetzen zu lassen, da der Kontrast zwischen ­Power und Silentium ein besonders erhebendes Feeling verbreitet.


Bei ­Jaguar haben sie ihren Kunden genau gelauscht und festgestellt, dass manche sowieso am allerliebsten ein Elektroauto haben wollen, mit allen Vor- und Nachteilen, während wiederum andere zwar prinz­i­piell nicht ungern mit dem Strom schwimmen würden, aber nur, wenn das Konzept auch im Vergleich zur Verbrenner-Raubkatze überzeugt.

Testfahrt mit dem Jaguar I-PACE. Foto: (c) Eryk Kepski

Wer also auf Sound nicht ­ver­zichten will, muss es nicht tun. Wer Vehicle Creep (das langsame ­Anfahren ohne Gaspedal bei Lösen der Bremse) schätzt, kann auch ­dieses Feature künstlich aktivieren. Der Jaguar I-PACE ist zwar durch und durch ein Elektroauto, reibt es einem aber nicht unter die Nase und stellt sich auch nicht als etwas grundsätzlich Besseres hin. Dieser Stromer hat das auch gar nicht nötig, denn er überzeugt mit Leistung – in jeder Hinsicht und auf jedem Parkett.

Davon konnten wir uns beim aller­ersten Antesten des I-PACE gleich selbst überzeugen, denn von Autobahnen und kurvigen Landstraßen über Offroadklettereien bis hin zur Rennstrecke war alles dabei. Und auch wenn mancher E-Skeptiker das jetzt nicht glauben kann oder will: Dieser Jaguar meistert alle Herausforderungen ebenso souverän, wie es ein beliebiger Benziner oder Diesel tun würde. In der Stadt und auf der Autobahn gibt er sich unaufgeregt, aber allzeit bereit zum Spurt. Dank variabel einstellbarer Rekuperation lässt er sich außerdem nach kurzer Eingewöhnungszeit quasi mit nur ­einem Pedal fahren. Auf Kurvenhatz gibt er sich trotz eines 2,2-Tonnen-Gewichts unfassbar agil und geht mit ein bisschen gutem Willen auch gerne ein Stückchen quer – ein Spaßverderber schaut anders aus! Abseits der Straße pflügt er durch tiefe Wasser­lachen ebenso mühelos wie einen wirklich wahnsinnig steilen, unbefestigten Feldweg hinauf und hinunter. Gripprobleme kennt der Allrad­antrieb (pro Achse ein Motor) nicht, er bahnt sich stetig und sicher seinen Weg durch das Geröll.

Macht aus jedem Blickwinkel eine gute Figur: Der erste ernst zu nehmende Tesla-Herausforderer kommt von Jaguar. Foto: (c) Eryk Kepski

Auf der Rennstrecke heißt es dann endgültig „Let it rip!“ und der I-PACE mutiert zum Sportfreak. Denn wenn die 400 PS mit 700 Nm Drehmoment in den Asphalt beißen, dann presst es einen in bester Supersportlermanier in den Sitz. Erste enge Kurve – scharf anbremsen, einlenken, Ideallinie suchen, finden und zack – schon zerren die Kräfte eifersüchtig an den Insassen, die der E-Jaguar (huch, eine Reminiszenz!) geschmeidig auf die Gerade katapultiert. Egal ob auf und ab oder rechts und links, der I-PACE lässt nicht nur die Muskeln spielen, sondern kann auch handlingtechnisch mit sich selbst mithalten. Nie hat man das Gefühl, dass das hohe Gewicht oder die SUV-Form dem Vergnügen hinderlich ist. Die Raubkatze gibt einfach gerne, ähm, Gas und beherrscht das Spiel mit der Raserei sehr gut.

Vom Fahrerischen her ist also auch der elektrische I-PACE durch und durch ein echter „Jaaaag“. Innen gibt es sowieso keine Zweifel, dass die edlen Materialien und das superfeine Design den hohen britischen Ansprüchen an Eleganz und Komfort Genüge tun. Das Infotainment aus dem Range Rover Velar fügt sich ­perfekt ein in ein Hightech-Auto,
das trotz aller Technisierung solide auf dem Boden bleiben will.

Offroad unterwegs mit dem Jaguar I-PACE. Foto: (c) Eryk Kepski

Dafür sorgt auch das Außendesign, und zwar in zweierlei Hinsicht. Einerseits mutet die futuristische Formensprache mit klaren Jaguar-Zitaten nur auf den ersten Blick sehr avantgardistisch an, wächst dem ­Betrachter jedoch mehr und mehr ans Herz, bis man auch den I-PACE unverkennbar als Jaguar sieht, und das Design des großen Ian Callum (der den E-Jaguar übrigens als ganz besonderes Baby adoptiert) fügt sich tatsächlich gut in die Markenlinie. Klar folgt bei der E-Mieze, wie bei allen Elektroautos, die Form der Funktion, besser gesagt der Aerodynamik, was Jaguar aber nicht daran gehindert hat, ein beeindruckendes Auto zu bauen. So kostete es viel Tüftelei, um einen goldenen Mittelweg zwischen knusprig und windschlüpfrig zu ­finden, letztlich wurde derlei rechtschaffen kompromisslos umgesetzt.

Apropos kompromisslos: Mit 78.380 Euro liefert der I-PACE einen eher börserlintensiven Einstieg. Dafür sind allerdings auch schon die vollen 400 Pferde mit an Bord, eine andere Motorisierung gibt es schließlich ­vorerst nicht. Und von einer SVR-­Variante träumen wir derweil noch im stillen Kämmerchen.

Infoporn Jaguar I-PACE
Leistung: 400 PS
Drehmoment: 700 NM / ab 0 U/min
Beschleunigung: 0-100: 4,8 s
Spitze: 200 km/h
Gewicht: 2.208 kg
Preis: ab 78.380 Euro