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WIENER des Monats: Markus Ragger – Der Großmeister aus Klagenfurt

Mit sechs spielte er Club-Schach, mit acht war er zum ersten Mal Staatsmeister. Für den 30-jährigen Klagenfurter Markus Ragger wurde die liebste Freizeitbeschäftigung der Großeltern zum Lebensinhalt, der auch nach 25 Jahren nichts von seiner Faszination verloren hat. Heute ist Ragger Profi, die Nummer 45 der Welt, einer von knapp zehn Großmeistern in Österreich und der beste Schachspieler im deutschsprachigen Raum. Und noch immer entdeckt er jeden Tag was Neues auf dem Brett, das für ihn die Welt bedeutet. Sagt er. Und man glaubt es ihm auch.

Text: Franz J. Sauer

Man lernt Markus Ragger als eher ruhigen Menschen kennen. Kein Stardom, kein Wer-bin-ich-was-bin-Ich. Bloß fürs Foto appliziert er, ganz Profisportler, das Sponsoren-Logo, ansonsten würde man den 30-jährigen Familienvater, der sich mit Frau und Kindern längst in Graz niedergelassen hat, eher als IT-Profi oder sonstigen Geisteswissenschaftler einstufen – irgendwas mit Zahlen halt. Allerdings: Für einen Buchhalter blitzt ihm der Schalk dann doch eine Spur zu deutlich aus den Augen. Markus Ragger ist Großmeister. Ein Titel, der Visitenkarten im titeldepperten Österreich durchaus schmückt. Zumal man einen derart hochrangigen Schachspieler in unseren Breiten gar nicht vermuten würde. Eher in Russland, in den USA oder in Skandinavien. Dass Armenien eigentlich eine fanatische Schachnation ist, wo das Nationalteam nach gewonnener Schlacht in der Hauptstadt einreitet wie letzten Sommer die kroatischen Fußballer, erfuhr ich erst im Gespräch mit dem Experten.


Österreichs Schachsuperstar Markus Ragger. Foto: (c) Niki Schreinlechner

Just am Tag des WM-Finales in London sprachen wir mit Großmeister Ragger, und das Ergebnis dieser internationalen Begnung hat auch einen Ragger-Bezug. „Da spielen heute die Nummer 1, Magnus Carlsen, und die Nummer 2, Fabiano Caruana. Gegen beide hab ich schon mal gespielt. Und wenn die Nummer 2 Weltmeister wird, dann habe ich immerhin schon mal einen Weltmeister geschlagen.“ (letztlich gewann Carlsen). Seine eigenen Chancen, jemals die Nummer 1 der Schachwelt einzunehmen, schätzt Realist Ragger eher gering ein. Das nächste Ziel ist die Nummer 30 der Welt, „und dann schau ma weiter“.

„Man wird auch nach 25 Jahren Profischach täglich beim Training vor neue Situationen gestellt. Das fasziniert mich.“

Die Güte-Währung im Schach ist die Elo-Zahl, 1960 vom ungarisch-amerikanischen Physiker Arpad Elo für den US-Schachverband entwickelt und ab 1971 vom Weltverband übernommen. Markus Ragger hält mit November 2018 bei 2701 Elo, für den Titel Großmeister muss man, nebst einiger Nebenregeln, die Zahl 2.500 übertreffen, was Ragger bereits 2008, also mit 20 Jahren, gelang. Verständlich, dass er ein begonnenes Mathematik-Studium bald gegen eine Schachprofi-Karriere tauschte, was im Vergleich zu anderen Sportarten hierzulande keine wirklich gemähte Wiese darstellt. So ist Markus Ragger der einzige österreichische Schach-Profi, der direkt vom Spielen lebt (also nicht davon, Schachmagazine herauszugeben oder Kinder zu trainieren), indem er von Vereinen dafür bezahlt wird, für sie bei nationalen wie internationalen Wettkämpfen anzutreten. Auch Turniere, wo um Preisgeld gespielt wird, gäbe es, die lässt Ragger allerdings eher außen vor. Und gutbezahlte Simultan-Exhibitions, die man aus Columbo-Krimis kennt, gibt es hierzulande auch nicht.

So bleibt Großmeister Ragger neben dem Clubsport die Möglichkeit, Sponsoren für sein Tun zu begeistern, wo eben die eingangs erwähnte „Kärnten-Werbung“ ins Spiel kommt. Aber auch hier wäre noch Luft nach oben, wobei sich ein Marktwert bei einer Sportart, die eigentlich nie im Fernsehen und selten in Tageszeitungen Erwähnung findet, schwer beziffern lässt. Aber Markus Ragger geht es, solange er sich und seine Familie („Dame“ Anna-Christina ist ebenfalls Schachmeisterin und Nummer 1 in Österreich) gut „über die Runden bringt“, sowieso hauptsächlich um den Spaß am Spiel, den er nach 25 Jahren als Profispieler und trotz durchschnittlich sechs Stunden Trainings pro Tag noch immer uneingeschränkt empfindet: „Sonst würde das Ganze keinen Sinn für mich machen und ich würde was anderes tun.“ ­

Tatsächlich kommen selbst einem Großmeister wie ihm „täglich neue Situationen“ beim Training unter, welche die Faszination fürs Schachbrett hoch- und den Spielwitz bei Laune halten. Klar wird daheim viel über Schach gesprochen, auch der Freundeskreis setzt sich naheliegenderweise aus vielen Spielern zusammen. Den Großeltern tun es Markus und Anna-Christina allerdings selten bis nie gleich, ein entspanntes Matcherl am Abend zum Glas Wein ist bei Schachmeisters daheim keine Option. „Vermutlich würde ich gewinnen …“ wird dennoch leise prognostiziert.

Markus Ragger, 30,

wurde in Klagenfurt geboren und spielt seit seinem 8. Lebensjahr Profischach für seinen Stammverein „SC MPÖ Maria Saal“. Seit 10 Jahren ist er Großmeister, aktuell ist er mit 2701 Elo die Nummer 1 des deutschsprachigen Schachgeschehens und die Nummer 45 der Welt, Tendenz steigent. Das nächste große Turnier steigt bei der EM in Skopje nächsten März. Weiterführende Infos gibt’s im Netz unter markusragger.at