KULTUR

Gib mir deinen Duft, Baby!

Duft ist unser primitivster Bote. Er penetriert dich, macht dich anhänglich, ist die stärkste Erinnerung. Und, wie eine aktuelle Studie unterstreicht: Duft ist auch der Schlüssel zu besserem Sex.

Text: Manfred Sax

Es gibt viele Fische im Meer, sagen sie. Das macht Tinder so praktisch, du siehst dir die verfügbaren Leute an und wischst sie herum und hast verlässlich ein paar Handvoll Kandidaten. Du stalkst deren Facebook-Profil und weißt, ob sie auf deiner Welle sind. Grünes Licht fürs Date also – das Aussehen passt, die Hobbys passen, und passt mal was nicht, gibt es Ersatz. Was soll da schiefgehen? Eine Frage, die auch den Forscher Ryne Sherman von der Uni Florida beschäftigte: „Angesichts der Popularität dieser Apps möchte man meinen, dass die Generation Tinder leichter zu Sex kommt und locker damit umgeht“, meinte er (Archives of Sexual Behaviour, via Guardian). Dann sah er die Resultate seiner jüngsten Studie: 15 % der befragten 18-25-Jährigen gaben an, überhaupt keinen Sex zu haben – doppelt so viele wie die Generationen vor ihnen. Faszinierend.

Noch nie war es einfacher, ein Date zu haben. Noch nie war es komplizierter, daraus eine sex­uelle Beziehung zu zimmern, die weitere Fragen erübrigt, weil: wunschlos happy. Aktuelle Studien zeichnen ein Bild ohne Good News. Wenn der 74-jährige Michael Douglas in seiner aktuellen TV-Serie (The Kominsky Method, Netflix) seinen Schwarm mit den Worten: „Keine Sorge, es besteht eine 50%-ige Chance, dass nichts passiert“ Richtung Bett lotst, klingt das nach akzeptabler Quote. Wenn aber die Wissenschaft davon ausgeht, dass 50 % aller 30-jährigen Männer in gleicher Situation keinen hoch kriegen, wird es entrisch. Was ist da los?

Gib mir deinen Duft, Baby! Foto: (c) Getty Images

Männer in ihren Dreißigern – vom Biodesign her ist das die Crème de la Lendenkraft. Aber nach einer Umfrage unter 2000 willigen Exemplaren fanden englische Forscher heraus, dass die Hälfte davon mehr oder weniger halbsteif unterwegs ist. Warum? Weitgehend Performance-­Anxiety, sagt der Doktor. Kaum wird die Chance auf Sex real, regt sich außerdem entsprechende männliche Nervosität: Weiß der Unterleib, welch cooles Ereignis auf ihn zukommt? Das Dumme ist, dass Erektion nicht auf Knopfdruck funktioniert, es braucht gleich mal einen Schwall Testosteron, um den Botenstoff Stickstoffmonoxid (NO) wach­zurütteln – den wiederum die Schwellkörper brauchen; ohne NO geht gar nichts. Und so weiter.

Es ist alles sehr kompliziert, insbesondere dann, wenn du darüber nachdenkst.

„Kaum jemand erwähnt, dass rationale Info beim Sex sinnlos ist und ein „Phallus, erhebe dich!“ leider nichts bringt, von einem eventuellen Lachanfall der Loverin abgesehen.“

Bei der Suche nach Gründen für den mangelnden Enthusiasmus des Gemächts mangelt es nicht an Ideen. Zu viel Stress, sagen 45 % der Betroffenen, 32 % setzen auf Alkohol, jeder vierte pocht auf Depression. Und selbstverständlich wird auch Porno angeführt – die Performance-Anxiety, wie gesagt, die auch nicht kleiner wird, wenn du dir ansiehst, was die Pornohengste so aufführen. Also: Wir sitzen am Stream, es gibt Information zuhauf, es werden Probleme gelistet, und kaum wer bietet Lösungen. Kaum jemand erwähnt, dass rationale Info beim Sex sinnlos ist und ein „Phallus, erhebe dich!“ leider nichts bringt, es sei denn, die Loverin-in-spe hat den richtigen Humor.

Apropos Loverin-in-spe: Hattest du schon deine Nase an ihrer Haut – vorzugsweise an einer von Duftwassern ungetrübten Stelle – und zu einem kräftigen Lungenzug angesetzt? Gute Idee. Weil es um Sex geht, einer Welt ohne Ratio. Wir sind im Reich der Sinnesorgane. Wo biochemisch kommuniziert wird.
Biologen haben das sexuelle Informationsnetz leidlich skizziert. Im Gehirn sitzt mit Amygdala, Hypothalamus und dem Limbischen System ein primitives Trio, das sexuelle Stimuli interpretiert und adäquat in die Bahnen lenkt – durch Ausstoß üblich verdächtiger Hormone wie Oxytocin und Vasopressin und Dopamin und so weiter. Ein durch den Treibstoff Testosteron beschleunigter Tanz der Hormone, der uns im Lauf eines Lebens mehr Entscheidungen abnimmt, als auf die berühmte Kuhhaut geht; Entscheidungen jenseits von Vernunft und Moral, wenn auch grenzgenial im Design. Dieser Tanz sorgt seit abermillionen Jahren dafür, dass in der Abteilung „Transfer des Genpools auf die nächste Generation“ nichts schiefläuft.

Aber zurück zu den sexuellen Stimuli. Diese werden von den Sinnesorganen kommuniziert. Das gilt für Augen und Ohren (Timbre!) ebenso wie für den Tastsinn (die Haut, eine einskommasechs Quadratmeter große erogene Zone!). Aber kein Sinnesorgan orientiert sexuell so verlässlich wie die Nase. Ob du mit dem Girl deiner Träume horizontal kommunizieren kannst, hängt noch immer von den Düften ab. Und letztlich ist es die Nase des Girls, die im Zweifel entscheidet, ob aus dem Spaß etwas werden soll. Ein Beispiel: Die männlichen Duftstoffe sind zwar wichtig, aber nicht alles. Zwar kann das (männliche) Androstenon auf Frauen unwiderstehlich wirken. Allerdings „wirkt“ es nur zur Zeit ihres Eisprungs. Und sie sorgt dann kraft ihrer Kopuline dafür, dass sie attraktiv für ihn ist. Tatsächlich ist „attraktiv“ eine Untertreibung. Eine Studie des Instituts für Urbane Ethologie hat die denkwürdige Erkenntnis untermauert, dass die männliche Fähigkeit, Attraktivität zu beurteilen, unter dem Einfluss von Kopulinen zusammenbricht. Damit das Wesentliche geschieht. Eine grenzgeniale Bio-Logik zum Zwecke des Fortbestands der Spezies. Mitunter auch teuflisch. Du kannst noch so viele vernünftige Gründe finden, einer Frau besser aus dem Weg zu gehen, aber hast du mal ihre Kopuline in der Nase, bist du hirnmäßig meier. Und es liegt wahrscheinlich am Re-Branding von Sex zum konsequenzlosen Freizeitvergnügen, dass die führende Rolle des Duftes und unserer olfaktorischen Talente beim sexuellen Geschehen weitgehend unterschätzt werden.

„Sensible Nasen haben erfüllenderen Sex, riechfreudige Frauen haben mehr Orgasmen, kongeniale Männer weniger Erektionsprobleme.“

Selten, aber doch bemüht sich die Wissenschaft um entsprechende Forschung. Vor Kurzem veröffentlichte die psychotherapeutische Fraktion der Uni Dresden eine kleine, aber feine Forschungsarbeit zur Funktion des Duftes bei sexuellen Erfahrungen. 70 Erwachsene im Alter von 20–30 Jahren wurden mit Duftproben und Fragen in Sachen „sexuelle Sehnsucht“, „sexuelle Erfahrung“ (Orgasmusfrequenz, Genuss) und „sexuelle Performance“ (Häufigkeit von Sex, Stehvermögen) konfrontiert. Und was an sich klar war, konnte bestätigt werden: Sensible Nasen haben erfüllenderen Sex, riechfreudige Frauen haben mehr Orgasmen, kongeniale Männer weniger Erektionsprobleme. Sexuelle Interaktion wird durch ­olfaktorische Inputs bereichert.

So ist das, Herrschaften und -innen. Sollte das Motiv für ein Date Sex sein: Es gibt kaum einen Grund, sich für das andere Geschlecht fesch zu machen, es ist vernachlässigbar, wie etwaige Kandidaten auf Tinder optisch rüberkommen. Es kommt vor allem auf den Duft an. Duft ist unser primitivster Bote, die stärkste Erinnerung, der Schlüssel zu funktionierendem Sex. Es gibt dümmere Aktionen, als die Nase an ihren Hals zu platzieren und kräftig durchzuziehen, aber kaum gescheitere. Gib mir deinen Duft, Baby.

PS. Empfehlung: Krimi-Serie ”Perfume“ (Parfüm) auf Netflix.