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Falco ist tot, und uns ist auch schon ganz schlecht

Wiener/Basta und andere Verirrungen: Ein paar wahre Geschichten aus den Neunzigern, erzählt von einem, der dabei war.

Text: Andreas Wollinger / Foto: Privat

Es gab da Anfang der Neunzigerjahre einen denkwürdigen Abend, der mir noch immer so lebhaft in Erinnerung ist, als hätte er vorgestern stattgefunden oder zumindest vorige Woche. Rückblickend ist das aber eh klar: Es kommt ja nicht so oft vor, dass man an einer Weggabelung der Geschichte sitzt und quasi historische Entwicklungen erste Reihe fußfrei erlebt.


An diesem Abend hatte Herausgeber und Chefredakteur Gerd Leitgeb überraschend eine Redaktionskonferenz einberufen. Erwartungsvoll saßen wir – ich war damals einer der Redakteure – in den ehrwürdigen, mit knarrendem Parkett ausgestatteten Räumen der seinerzeit noch nahe des Naschmarkts gelegenen WIENER-Redaktion in der Lehárgasse. Leitgeb lächelte geheimnisvoll und fragte, ob wir uns vorstellen könnten, in naher Zukunft mit dem WIENER jede Woche zu erscheinen statt wie bis zu diesem Zeitpunkt einmal pro Monat. Es sei nämlich so, dass Hans Schmid, Werbeguru und Eigentümer des Verlages, eben mit einem deutschen Medienkonzern über dieses Projekt in Verhandlungen stehe. Und offenbar waren die schon so weit gediehen, dass der Chef es für angemessen hielt, die Redaktion zu informieren.

Natürlich konnten wir uns den WIENER als Wochenmagazin vorstellen. Es machte sich sogar so was wie aufgekratzte Vorfreude breit. Und auch Leitgeb sah man an, dass er einen persönlichen Triumph auskostete – was nicht allzu oft vorkam: Normalerweise zog er es vor, undurchschaubar und damit unberechenbar zu sein.

Um diesen seltenen Gefühls­ausbruch zu verstehen, muss man ein paar Dinge wissen, die mit der Person Leitgebs, aber auch mit seiner Arbeit beim WIENER zusammenhängen. Leitgeb war, bevor er 1987 zum WIENER stieß, eine große Nummer in der heimischen Zeitungsszene: In den Siebzigerjahren Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Profil, von 1979 bis 1986 in gleicher Funktion bei der Tageszeitung „Kurier“, bevor er dort trotz Rekordauflage abmontiert wurde.

Der WIENER als Monats­magazin war dagegen ein vergleichsweise kleines Licht, dennoch setzte Leitgeb alles daran, das Blatt wirtschaftlich in lichte Höhen zu treiben. Vor allem deshalb, weil er den Ahnungslosen vom „Kurier“ zeigen wollte, was sie mit seiner Absetzung für einen Fehler begangen hatten. An jenem Abend Anfang der Neunziger schien Gerd Leitgeb sein Ziel erreicht zu haben: Das ehemals kultige, aber wirtschaftlich brustschwache Magazin brachte es inzwischen auf eine zweistellige Reichweite und die Auflage hatte die Schallmauer von 100.000 Heften mühelos durchbrochen.

Wir als Redaktion hatten eine Riesenhetz damals. Abgesehen davon, dass Gewinnen immer Spaß macht, war der WIENER eine einzigartige journalistische Spielwiese, gewürzt mit einer interessanten Konkurrenzsituation. Wir lieferten uns ein überaus spannendes Match mit der ebenfalls monatlich erscheinenden Illustrierten „Basta“, gegründet 1983 von den Brüdern Wolfgang und Helmuth Fellner, heute auf der Brücke des Unterhaltungsdampfers „Österreich“. Der Umstand, dass das Magazin inzwischen in den Besitz der „Kurier“-Gruppe übergegangen war, mag Leitgeb zusätzlich motiviert haben.

Am Ende hatten wir meistens die Nase vorn, was natürlich auch an dem kultigen Ruf des Magazins lag, den sich die „Zeitschrift für Zeitgeist“ schon vor dem Einstieg Leitgebs erarbeitet hatte. Der neue Chef kümmerte sich darum allerdings keine Sekunde. Er hielt das, was vor ihm passiert war, für Kinderkram, für den er gewöhnlich nur milden Spott übrig hatte. Den Zauber des Zeitgeists hatte er sowieso nie verstanden, was man schon daran erkennen mochte, dass er es eine Zeit lang ernsthaft in Erwägung zog, den WIENER in WINNER umzutaufen, um das Publikum in den Bundesländern besser anzusprechen.

Sei’s drum. Leitgeb hatte bewiesen, dass er sein Handwerk auf dem harten Pflaster des Boulevards beherrschte. Und sollte die Transformation des WIENER in ein Wochenmagazin klappen, würde er das Match gewonnen haben, wieder den alten Einfluss zurückgewinnen und alles wäre gut.

Bloß kam es anders: Wie in Woody Allens genialem Film „Matchpoint“ tänzelte der Tennisball eine Weile unschlüssig auf der Netzkante, um dann doch auf die falsche Seite zu fallen. Im letzten Augenblick platzte der Deal, in der Folge ergriffen die Gebrüder Fellner ihre große Chance. Mit der finanziellen Kraft eines anderen deutschen Medienkonzerns gründeten sie 1992 das Wochenmagazin News.

Game, Set, Match. Der Rest ist Geschichte.

Dem WIENER bekam das gar nicht gut. Vier Ausgaben eines ähnlich gelagerten Magazins pro Monat gegen eine, da schaust du recht bald ein bisserl alt aus. Etwa zu dieser Zeit übersiedelte der Verlag von der Lehárgasse in den Inku-Park im Niemandsland eines Industriegebiets zwischen Wien und Klosterneuburg. Die Büros waren hell und geräumig, der Blick auf die Donau beruhigend und man bekam immer einen Parkplatz vorm Haus.

Aber was soll ich sagen: Besonders sexy war die Atmosphäre nicht. Statt im Amacord oder im Café Drechsler am Naschmarkt verbrachten wir die Mittagspause nun in einem aus Fertigteilen gebauten Lokal namens Schmaushaus. Der Puls der Stadt war in dieser Gegend, wie man sich leicht vorstellen kann, nur mehr sehr schwach zu spüren.

Ich bog dann bald einmal in die Redaktion der WIENERIN ab. Das Frauenmagazin war zwar schon Mitte der Achtziger gegründet worden, aber bis Anfang der Neunziger im Schatten des großen Bruders relativ unbeachtet und finanziell unterversorgt vor sich hingedümpelt. Jetzt, da der WIENER als Cashcow des Verlages in Gefahr war, sollte die damals auf dem österreichischen Markt noch konkurrenzlose WIENERIN für Entsatz sorgen (was am Ende auch gelang).

Was ich von nebenan mitbekam, war eine tapfer geführte, jedoch aussichtslose Abwehrschlacht, die mitunter kuriose Blüten trieb: So feierte Eigentümer Hans Schmid im Sommer 1994 einen späten, sentimentalen Triumph, indem er die Marke
des alten Erzfeindes „Basta“, inzwischen nicht mehr als eine leere Hülle, kaufte. Über ein Jahr lang, bis zum September 1995, erschien der WIENER als WIENER/Basta, was ungefähr so war, als hätte man die Fußballvereine Rapid und Austria in der Hoffnung fusioniert, damit einen stärkeren Auftritt zu bekommen. Es roch ein bisschen nach Verzweiflung.

Wie üblich in stürmischen Zeiten, war die Blattlinie heftig umstritten: Die einen schworen auf knallharten Boulevard und viel Sex wie in Leitgebs Zeiten. Die anderen wünschten sich die Coolness und den smarten Auftritt der frühen Achtziger zurück, mit einem Wort: den Zeitgeist.

Prinzipiell ein schöner Gedanke. Auch ich träumte davon, die alten Zeiten wieder aufleben zu lassen, als ich im Sommer 1997 das Angebot annahm, Chefredakteur des WIENER zu werden. Ich hatte die herrlich unbeschwerten Achtziger im Kopf, als wir alle noch so jung und deppert waren und wunderbar frische Luft durch die Stadt wehte, die den Mief, den Grant und die Verbissenheit der Nachkriegszeit vertrieben hatte.

Aber der alte Geist, die Aufbruchsstimmung der frühen Achtziger, hatte sich verflüchtigt, die Zeit hatte bestenfalls ein schwaches Echo davon zurückgelassen. Ich war fast 40, noch nicht alt, aber auch nicht mehr jung: Wie das halt so ist mit der Jugend: Kaum schaust du zwei Sekunden nicht hin, ist sie dahin, wie Rauch aus dem Schornstein (das ist geklaut, ich weiß, aber gut).

Am Horizont tauchte, vorerst nur schemenhaft und in groben Umrissen erkennbar, das digitale Zeitalter auf. Wir versuchten zu verstehen, was genau das sein sollte: das Internet.

Am 6. Februar 1998 verunglückte Falco in der Dominikanischen Republik. Hans Hölzls plötzlicher und unerwarteter Tod traf mich tief. Erstens: mein Jahrgang. Zweitens: Er war der jugendliche Held der frühen Tage des WIENER, irgendwie der Fleisch und Blut gewordene Zeitgeist: Alles klar, Herr Kommissar?

In einem Nachruf schrieb Michael Hopp, einer der früheren Chefredakteure: „Überall das Blut auf den entsetzlichen Fotos von News. Früher haben sie mit Postern von Dir Geld verdient. Doch das ist das erbarmungslose Fellner-Kabarett, das ganz Österreich erfasst hat. Jeder ist wichtig, jeder ist nichtig, Mörtel wird Präsident.“

Eine messerscharfe Bestandsaufnahme, die ebenso auffallend stimmte wie ein anderer Satz aus dem gleichen Text: „Der Zeitgeist ist ein Geist, der jeden, der zu lange scheißt, von unten in die Eier beißt.“

Mehr ist zu den Neunzigern nicht zu sagen, finde ich. Außer vielleicht: Am 4. September 1998 wurde in Kalifornien die Firma Google gegründet.


Andreas Wollinger, Jahrgang 1957 und Journalist seit 1979, wurde 1988 vom damaligen Herausgeber Gerd Leitgeb als Reporter zum WIENER geholt. Von 1993 bis 1997 war er Chefredakteur der WIENERIN und von 1997 bis 1999 Chefredakteur des WIENER. Heute ist der gebürtige Wiener und leidenschaftliche Hobby-Gitarrist als Autor für das Red Bull Media House (Red Bulletin, Servus in Stadt & Land, Terra Mater, Bergwelten, Carpe Diem) tätig.