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Dominanz von unten

Contessa Juliette war Wiens edelste Domina mit internationalem Netzwerk, bis sie 2009 Peitsche und Fesseln an den Nagel hängte. Und nur noch zum Vorschein bringt, wenn sie ihr Wissen in Seminaren weitergibt. Der WIENER ließ sich zum Dominus ausbilden, lernte professionell binden, klammern, schlagen. Und lernte viel über die psychische Komponente von Machtverhältnissen und deren spielerischen Reiz.

Text und Bilder: Franz J. Sauer

Contessa Juliette ist eine aparte, schöne Frau im besten Alter, hat eine ausgesprochen liebenswerte Ausstrahlung und weiß, ihre Empathie auf der Zunge zu tragen. Gute Manieren sind ihr wichtig wie angeboren. Nichts dominantes oder gar furchteinflößendes ist zu erkennen, wenn man die ersten paar höflichen Worte wechselt, wie ganz selbstverständlich ein Tässchen Kaffee angeboten und dieses nebst Keksen, Milch und Zucker in feinstem Geschirr auf der Terrasse einer wunderbaren Villa am Bolsenasee bei Montefiascone serviert bekommt. Erst als wir „zur Sache“ kommen, verfinstert sich der Blick der Contessa, werden ihre Statements frostig.


Auch Patrizias Laune kühlt merklich ab, obwohl sie kaum Deutsch versteht. Sie wird heute meine Sklavin sein, ist aus Rom angereist, kennt Juliette schon länger, man pflegte mal eine private Beziehung. Ich habe sie zuvor vom Bahnhof abgeholt, gespannt erwartungsvoll. Und letztlich verblüfft ob der anmutigen Schönheit der knapp 50-jährigen, der man aus dem Stegreif gut ein Drittel weniger Lebensjahre abgenommen hätte. Auch sie ist eine aparte Dame, die geistvolles schätzt, Anthropologie studierte und im Sozialwesen arbeitet. Privat führt sie ein reges BDSM-Leben, als Switch, also abwechselnd als Dom oder Sub.

„Seit dieser schreckliche Film in die Kinos kam, ist unsere Szene gewissermaßen erodiert. Jeder Typ hält sich für einen Christian Grey, wenn er sich im Baumarkt ein paar Kabelbinder kauft und seiner Frau oder Freundin daheim ‚befiehlt‘, sie möge sich niederknien und ihm einen blasen.“

Contessa Juliette

Jene „Sache“, die zuvor die Laune gefrostet hat, ist mit ein Grund dafür, dass es Contessas Dominus-Kurse gibt. „Seit dieser schreckliche Film in die Kinos kam, ist unsere Szene gewissermaßen erodiert“ stellt Contessa Juliette mit kühler Miene klar. „Dieser Film“ heißt „50 Shades of Grey“, kam 2015 in die Kinos und wurde, ebenso wie die ihm zugrundeliegende Buchtrilogie der britischen Autorin E. L. James, zu einem internationelen Megaseller. Seine seichte Handlung wird von der BDSM-Beziehung zwischen dem Milliardär Chrstian Grey und der Studentin Anastasia Steele (im Film verkörpert von Jamie Dornan und Dakota Johnson) getragen – oder halt dem, was Autorin James darunter versteht. Und, dass die Fetish-Szene, deren fixer Bestandteil Contessa Juliette als renommierte Domina und Betreiberin der „International Bizarr Escort Agency“ mit weltweitem Domina-Netzwerk und ebensolchem Kundenstock war, bis sie sich 2009 aus dem Business zurückzog und ihren Hauptwohnsitz von Wien nach Italien verlegte, sich ungern über Klischees und Plattitüden darstellen lässt, liegt ebenso auf der Hand. „Seit diese Sache (Film und Buch beim Namen zu nennen fällt der Contessa sichtlich schwer) herauskam, hält sich jeder Typ für einen Christian Grey, wenn er sich im Baumarkt ein paar Kabelbinder kauft und seiner Frau oder Freundin daheim ‚befiehlt‘, sie möge sich niederknien und ihm einen blasen.“ Feststeht: Das Thema zieht mächtig, spätestens seit „50 Shades“ auch in der breiten Öffentlichkeit. Umfragen ergaben, dass doch gut 40 Prozent aller Menschen Neigungen zum oder Interesse an Sadomasochismus verspüren, knapp 20 Prozent leben diese auch aktiv aus, wenngleich selten mit dem eigenen Partner /der eigenen Partnerin.

Parallel zum S/M-Geschäft leitete die Berlinerin mit Wiener Wurzeln gemeinsam mit ihrem Bruder den von den Eltern geerbten Elektrohandel, die Tätigkeit als Domina erwuchs zunächst aus Interesse im privaten Kreis, später schließlich als Geschäftsmodell mit „properer Buchhaltung, Gewerbeschein und allem Drum und Dran.“ Viele interessante Begegnungen zeitigten den „Alltag“ der cleveren Lady, die ihren Kunden auch international exquisite Szenekontakte vermittelte, wenn sie verreisten, aber auch Fetish-Parties veranstaltete und auf Szene-Messen als Ehrengast auftrat. Ihrem Geschäftssinn geschuldet war es eine logische Folge, dass Juliette, nachdem sich die Contessa zur Ruhe setzte, ihre umfangreiche Erfahrung in Domina-Schulungen und änlichen Seminaren (etwa: Dominanz im Business) an ähnlich gepolte Damen weitergeben würde.

Vom Baumarkt in die Notaufnahme

Als nun, durch Shades-Film und -Buch ein wahrer BDSM-Boom durch die Lande fegte, wunderten sich nicht nur Baumärkte über die plötzlich gestiegene Nachfrage nach Kabelbindern, Seilen, Schlauchklemmen und Ähnlichem. Immer mehr Damen klagten in der Szene über das kümmerliche Verständnis von Männern für das echte Wesen eines Dominus, auf allen Ebenen von geistig bis körperlich. Klar kann der unerfahrene Dominierende im Eifer des Gefechtes fatale Fehler machen. Etwa, wenn er Fesseln falsch oder zu streng setzt, mit Nadeln oder Kerzenwachs zu übermütig hantiert, vor lauter Euphorie das Safeword überhört oder seine Gespielin ob völliger Ahnungslosigkeit über Regeln und NoGos beim Spanking in die Notaufnahme prügelt.

„Natürlich gibt es auch Menschen, die sich einer Neigung bewußt sind, die bei echtem Ausleben strafrechtliche Folgen haben könnte, und daher Domini werden wollen. Wenn ich solche Menschen treffe, werde ich allerdings sehr, sehr vorsichtig.“

Contessa Juliette

Es sind zumeist die Frauen, die ihre Männer dazu ermutigen, das Dominus-Seminar der Contessa zu besuchen. Dem geht zumeist ein längerer Prozess des Herantastens voraus. Da tut es gut, eine Expertin wie die Contessa mit einzubeziehen. „Es beginnt meist verhalten, die Bereitschaft, sich an die Grenzen heranzutasten, wächst zumeist mit der Zeit. Jemand, der zunächst sagte, sicher keine Schmerzen haben zu wollen, bittet irgendwann darum.“ Puncto Prädisposition gibt es vorrangig drei Gruppen, die das Spiel mit Dominanz und Submission ausprobieren möchten: „Jene, die schon längst über ihre Neigung Bescheid wissen, etwa weil sie als Jugendlicher, in der Phase der ersten, sexuellen Erregung geschlagen wurden. Dann Menschen, die sexuell gerne viel ausprobieren möchten, oder aber vom ‚Normalprogramm‘ gelangweilt sind. Und es gibt auch ältere Menschen, die aus körperlichen Gründen ihre PartnerInnen nicht mehr so befriedigen können, wie sie es gerne möchten und nach Alternativen zu den bekannten Methoden suchen.“ Sind Domini automatisch Sadisten? „Die allerwenigsten. Natürlich gibt es auch Menschen, die sich einer Neigung bewußt sind, die bei echtem Ausleben strafrechtliche Folgen haben könnte, und daher Domini werden wollen. Wenn ich solche Menschen treffe, werde ich allerdings sehr, sehr vorsichtig.“

Gestatten: Weichei

Ich selbst empfand bislang noch nie Lust dabei, jemandem anderen Schmerzen zuzufügen, schon gar nicht im sexuellen Kontext. Im Gegenteil – ich bin da ein echtes Weichei. Ein paar Experimente mit Bondage vielleicht, allerdings mehr aus ästhetischen, als aus sexuellen Gründen. Forderte eine Partnerin eine „härtere Gangart“, zuckte ich verlässlich zurück. Insofern hatte die Contessa bei mir bevor es losging an der Erweiterung des Horizontes zu schrauben: „Ein Problem, das wir Dominanten oft haben: wir tun ja eigentlich nie, was wir wollen oder uns wünschen. Die Limits, die Tabus setzt immer der oder die Sub fest und diese Grenzen sind unantastbar. Das ist die sogenannte Dominanz von unten, wenn eigentlich der Sub vorgibt, was geschieht. Hierbei selbst auf seine Rechnung zu kommen, ist eine Gratwanderung. Und die Kunst ist es, seine Befriedigung in der Befriedigung des anderen zu finden.“

Es geht zur Sache. Patrizia zieht sich aus, allerlei Instrumentarien werden hergerichtet, ich merke, wie die Aufregung in mir hochsteigt. Die Contessa erklärt zunächst den Ritualcharakter jeder Session: „Das Spiel braucht einen genau definierten Anfang und ein ebensolches Ende, in Form von strikt festgelegten Ritualen. Etwa dem Anlegen der Hand und Fuß-Fesseln.“ Dies ist wichtig, um sich abseits der spielerisch ausgelebten Sexualität weiterhin auf Augenhöhe begegnen zu können: „eine permanent ausgelebte S/M-Beziehung hält kein Paar aus.“ Von Sex ist bei unserem Seminar übrigens keine Rede, erotische Stimmung kommt in diesem Setup kaum auf. Viel zu technisch sind die Anleitungen für den blutigen Anfänger, was ja auch so intendiert ist: „Auch als Domina ist es nicht selbstverständlich, Sex zu produzieren, sondern eher die Ausnahme.“

Natürlich mache ich von Anfang an alles falsch. Die Lederfesseln bringe ich zu locker an, was natürlich einen negativen Effekt zeitigt, wenn man die Sklavin später fixieren möchte. Auch beim Anlegen von Nippelklammern erliege ich Anfängerfehlern: etwa, dass man die Klammer keinesfalls an der Spitze der Brustwarze befestigen darf, sondern in den Vorhof klemmen muß, „das tut weitaus weniger weh.“ Generell ist das Angebot an Körperzonen, wo genug weiches Gewebe besteht, um Klammern und Gewichte anzubringen, begrenzt, da ist Erfahrung gefragt.

„Wann gedenkst Du, anzufangen?“

Sklavin Patrizia

Als es ans „Schlagen“ geht, bekomme ich zunächst eine Unterweisung über die verschiedenen Peitschen und Ruten, von weich bis hart und die Körperregionen, die man ob ihrer Empfindlichkeit auf keinen Fall treffen darf. Dann schlage ich zu. Einmal, zweimal, immer fester und brutaler, ich gehe richtig aus mir raus, bis sich Patrizia endgültig vor Lachen kringelt, ob der Härte der Hiebe. Wann ich gedenke, anzufangen, fragt sie vergnügt …
Nach drei Stunden Reizüberflutung bin ich durchgeschwitzt. Einerseits, weil es Sommer ist in Montefiascone, andererseits durchaus der Sache wegen. Es dauert, bis man Scheu ablegt, ob man selbst reinkippen könnte, kann man überhaupt erst im Nachhinein reflektieren. Einen kurzen Moment lang hatte ich das Gefühl, meine leichten Schläge mit der Reitgerte auf Patrizias Schamhügel würden sie leicht, ganz leicht an den Rande einer Erregung führen. Dieser reizvolle Moment blieb mir von der ganzen Session am einprägsamsten in Erinnerung.

Das Universum der Contessa Juliette
2014 erschien Contessa Juliettes Autobiografie „Der Engel mit der Peitsche“, eine Anekdotensammlung auf 300 Seiten, die auch „doppelt so lang hätte werden können“. Seit 2009 hält sie diverse Domina-Schulungen sowie das Seminar „Dominanz im Business“, das ihre S/M-Erfahrungen in die Geschäftswelt transponiert. Das Dominus-Seminar ist neu im Angebot und umso besser gebucht, die nächste Kursreihe (nur Einzelsessions) geht im Oktober in Wien an den Start.
Infos: www.contessa.at