AKUT

„Greta hat recht!“

Die Sonne stand noch lange nicht im Zenit, da lenkte ich meinen mintgrünen Datsun 280ZX schon in Richtung Busbahnhof draußen in St. Marx. Mein Freund Guttmann, der Bulle, saß neben mir und hatte eine alte Ledertasche zwischen seine fleischigen Waden geklemmt, die in schwarzen Stutzen steckten, welche er samt seinen riesigen Füßen in alte Sandalen gespannt hatte. Und dann trug dieser Fleischberg seit ein paar Tagen auch noch eine gelbe Warnweste der Größe XXL über seinem kurzärmeligen Hemd! Manchmal glaubte ich selbst nicht, dass ich mit dem befreundet war.
Diese gelbe Weste war der letzte Hinweis darauf, dass in seinem Leben etwas nicht stimmte. Also schenkten wir ihm ein Wochenende inkl. zwei Übernachtungen beim Beachvolleyballturnier in Velden am Wörthersee. Die heißen Girls dort sollten Guttis Hose wieder unter Spannung setzen. Anfangs hatte er noch gezögert, unser Geschenk auch anzunehmen, aber dann überraschte er mich mit der Frage: „Kommen dort auch viele Reiche mit ihren scheiß SUVs hin?“ Und ich hatte ebenso überrascht geantwortet: „Natürlich, Gutti! Aber das ist doch hoffentlich nicht das Einzige, was dich dort interessiert? Beim Beachvolleyball geht es um die Girls, und nicht um SUVs! Die tragen dort wirklich sehr kurze Höschen, und die Tops sind wirklich sehr eng!“

Aber er fragte nur: „Was sind Tops?“

Nachdem ich es ihm erklärt hatte, wollte er es noch mal genau wissen: „Und da stecken ihre Titten drin?“


„Und wenn du Glück hast, dann rutschen sie sogar heraus! Und weil immer die Sonne scheint, wenn sie spielen, cremen sie sich am ganzen Körper ein, und dann glänzen sie! Und weißt du was? Der feine Sand bleibt auf ihrer Haut kleben, wenn sie sich darin wälzen!“

„Sie wälzen sich im Sand?“

„Na was denkst du denn?“

„Aber warum?“

„Weil es geil aussieht, verdammt!“

Erschöpft lenkte ich den Datsun zum Parkplatz vor dem Bahnhof, wo er endlich ausstieg. Er klemmte sich die alte Ledertasche, in der er ein paar Kilo Jause mit hatte, unter den Arm und schaute sich voller Abscheu um: „Diese verdammten SUVs! Und ist dir überhaupt schon aufgefallen, dass diese Idioten mit ihren Schwanzproblemen jetzt alle Pick-ups fahren? Als wären wir in Kansas und müssten den Mais in den Stall bringen! Greta hat recht! So kann das einfach nicht weitergehen.“

Während er ebenso wütend wie verloren dastand und nicht recht wusste, ob er diese abenteuerliche Reise zum Wörthersee jetzt antreten sollte oder nicht, hörten wir aus dem Radio die Nachrichten: Wahnsinn hier und Wahnsinn da. Bis die sexy Nachrichtensprecherinnenstimme plötzlich meinte: „Während der letzten drei Nächte kam es in Wien-Meidling im Bereich der Schönbrunner Allee zu zahlreichen Angriffen auf sogenannte SUVs. Die Kraftfahrzeuge wurden mit Nägeln aus einem Druckluftnagler durchlöchert. Der Sachschaden ist enorm.“

Ich nickte und sagte: „Bravo!“

Während ich mir einen Joint der Marke Vaya Con Dios anzündete, fragte ich Gutti beiläufig: „Wo wohnst du noch mal genau?“ Er wohnte im 12. Bezirk im Bereich der Schönbrunner Allee, von dort hatte ich ihn nämlich vor einer Stunde abgeholt. Er wirkte müde und antwortete nicht. Stattdessen drückte er seine Tasche fest an sich und watschelte zwischen den Autos davon wie Homer Simpson, der eine gelbe Warnweste trug und dringend scheißen musste.

Ich rief ihm nach: „Wer ist eigentlich Greta?“

Manfred Rebhandl
Autor in Wien. Zuletzt erschien sein zweiter Kitty-Muhr-Krimi „Heiß ist die Liebe, kalt ist der Tod“ im Haymon Verlag (2017).