AKUT

Milftown – Im Reich der Ödipussy

Es gibt Gegenden, dort ist jeder Tag ein Muttertag. Weiß der geneigte Besucher von Pornoland. Trends kommen und gehen, aber der Appeal der MILF bleibt bestehen.

Text: Manfred Sax / Foto: Getty Images

Es ist eine gewachsene Sache, also, subjektiv gesehen: Früher kam sie daher wie die Mutter meiner Freundin, generell erfreulich, du weißt, was ich meine, du kennst ja sicher den Ohrwurm der Poptruppe Fountains of Wayne über den Typen, der mit einem tollen Girl namens Stacy geht, nur halt leider auf ihre Mutter steht – „Stacy’s mom has got it going on“ und so weiter. Uralt (2003), aber unverändert groß im Geschäft mit über 100 Millionen Klicks auf YouTube.(1)


Heute sieht sie aus wie meine Freundin und deren Freundinnen, simply phänomenal, am liebsten würde man die Zeit anhalten, man möchte sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn sie, um die es hier geht, meine Tochter sein könnte. Aber hey, wozu gibt es Viagra?

Objektiv gesehen ist sie allerdings immer die gleiche, sie macht sich als bemerkenswert homogener Typ transparent. Sie ist immer um die 40 und erzählt davon, dass ihr Nachwuchs bereits flügge ist. Ihr Hairstyle erinnert an die Porno-Ästhetik der 70er-Jahre (think Farrah Fawcett Majors, Charlies Engel der ersten Stunde), in ihrem Gesicht steckt eine resche Dosis gelebtes, aber sorgsam gepflegtes Dasein, der Busen gibt sich üppig und straff, der Schönheitschirurgie sei Dank. Der Bauch weist sie als Stammgast im Fitnessstudio aus, unter dem erfreulich mütterlichen Arsch entpuppt sich meist ein makelloses Paar langer Beine. Und apropos Porno: Dort ist sie nicht wegzudenken und signalisiert Unwiderstehliches. Die ­Natur des Genres will es, dass dieses ältere, aber topfitte Mädchen neben dem Pferdestehlen in so gut wie allen Dingen kompetent ist. Der nicht allzu diskrete Charme der Neusprache will es, dass sie superleicht zu finden ist. Einfach die vier Buchstaben „MILF“ in den Sucher tippen, dann führen alle Wege zu ihr, als wäre sie Rom. Tatsächlich ist Milftown so was wie die Mega-­City des ­Internets.

Natürlich weißt du, wofür diese vier Buchstaben stehen. Du weißt, dass sich dahinter nicht die Moro Islamic Liberation Front verbirgt (die es schon auch gibt, aber wir sind hier ja nicht auf den Philippinen), sondern für „Mothers I’d Like to F“. Gemeint sind also Mütter, mit denen man gern frühstücken würde. Das ist im 21. Jahrhundert so gut wie manifest und eigentlich schon so was wie eine Hommage. Mit dem Kürzel „MILF“ widerfuhr der Mutter eine Ermächtigung zum Objekt der Begierde, ob sie wollte oder nicht, aber tatsächlich reagiert die so Angesprochene gern geschmeichelt, so unempört gern, dass auch die Industrie reagierte. Die vier Buchstaben zieren T-Shirts und Kaffeehäferl, und was eine moderne frischgebackene Mutter ist, die bindet ihrem Baby auch einen Sabberlatz um den Hals, auf dem so Sprüche wie „Ich bin schuld, dass meine Mama eine MILF ist“ stehen.

Phänomenal, oder? Es gab mal Zeiten, da war das mütterliche Dasein der Frau über 40 wenig mehr als ein Zustand – zu alt für weitere Kinder, zu jung für die Menopause. Unter Chauvis war sie gerade mal für Schmähungen gut. Die englische Alte-Leute-­Zeitung „Daily Mail“ unterhielt eine „Mutton dressed as Lamb“ (= Hammelfleisch im Lammkleid) getaufte Rubrik, die Frauen über 40 outete, die sich „zu jugendlich“ kleideten. Aber nun sind sie das Sexsymbol der Gegenwart. Wie geht so was, wie kam es zur MILF?

Hier die Recherche: Stiflers Mama ist die Hauptverantwort­liche. Stifler ist, wie du sicher weißt, eine der Dumpfbacken des Teenager-Films „American Pie“ (1999). Und als Stiflers Mama war die Aktrice Jennifer Coolidge (damals 38) im Einsatz – die einem Schulfreund Stiflers namens Finchy die Unschuld nahm (Sie: „Ich komm jetzt über dich.“ – Er, auf Bogart: „Wir haben immer noch Paris.“ – Sie: „Und den Pooltisch.“ Und das Auto, und das Hotelzimmer, und so weiter). Worauf die zusehenden Teenie-Voyeure ins Stöhnen gerieten: „Oh, meine Göttin, oh, meine Königin, meine MLIF, MILF, MILF“ … Kurz: Ein Sexsymbol war ­geboren. (2)

Weitere Sternstunden folgten: etwa der legendäre Golden-Globe-Auftritt der Schauspielerin Mary-Louise Parker (2004), die zuvor hochschwanger vom Gatten verlassen wurde, um sich dann als Mutter in ihrer Rede beim Baby zu bedanken: „Seit ich dich habe, sind meine Boobs ganz einfach prächtig.“ Ms. Parker wurde dann auch gleich für die Hauptrolle in der TV-Erfolgsserie „Weeds“ verpflichtet (3) – als ­Marihuana-Dealerin, die ­„Milfweed“ vertrieb.

Aber der eigentliche Durchbruch der MILF zum Superstar kam via Pornoland. Warum Porno? Ganz einfach: weil es auf diesem virtuellen Kontinent alles gibt, was es im Leben gibt, nur eben besser. Eine Runde Golf? Suche „Minigolf“, ha! Oder gib dir eine Taxifahrt – unglaublich, was da so alles passiert. Pornoland kann wie eine Uni sein, es gibt einen schlicht sensationellen Japanischkurs („Kimoji“, gell?), und selbst für den Hadron Collider, diesen Partikelbeschleuniger in der Schweiz, findest du in Pornoland Treffer (obwohl das mit der Autokorrektur zu tun hat, der Hard-on ist nun mal ein Steifer). Klar, dass dort auch ein alter­natives Ibiza existiert, wo eine Oligarchennichte namens Olga Muschikova regiert.
Vor allem aber ist das horizontale Genre die verlässlichste Quelle. Pornhub zum Beispiel hatte vergangenes Jahr 33 komma fünf Milliarden Besucher, also 92 Millionen pro Tag bzw. knapp 1.000 pro Sekunde auf einer Bandbreite von täglichen 12.7 Mio. Gigabytes (so viel wie das Gesamt-Internet 2002). Tja, und dort ist die MILF seit über einem Jahrzehnt unangefochtene Königin, derzeit hinter den Begriffen „Lesbian“ und „Japanese“ auf Platz drei, allerdings folgen da auch noch „Mutter“ (6) und „Stiefmutter“ (14) auf den vorderen Rängen.

Selbstverständlich hat Milftown ihre Stars, ganz oben etwa Lisa Ann (47), eine Porno-Queen mit einem „Ehrgeiz, so groß wie ihr Arsch“, wie es heißt, deren Serie „Who’s Nailin’ Palin?“ (= „Wer nagelt Palin?“, ja, die Ex-­Politikerin Sarah Palin) erstmals groß für die MILF punktete. Derzeit auf Platz neun im Star-Ranking Ms. Brandi Love (46), die viel Verständnis für die Freunde ihres Filmsohnes hat. Sehr aufwärts mobil die aparte Blondine Cherie DeVille (41), die auch schon mal in die Rolle einer US-Präsidentin schlüpfte, die sich von Putin bedienen ließ (sag „Gott schütze Amerika“, wenn du einen Orgasmus hast). Interessanter aber quasi der „Nachwuchs“ wie die hausfräuliche Cory Chase (38), die ein großes Herz für ihre Filmsöhne und -neffen hat und diese gewisse Bodenständigkeit mehr; die „Sweetie, du hast meine Bluse ruiniert“ sagt, wenn der Boy etwas heftig wird, oder „warum ziehst du ihn ständig raus, du Lauser, lass ihn doch drinnen“ (gemeint ist der Buttplug). Ms. Chase hat tatsächlich die Mutterrolle drauf. Sie ist eine Ödipussy, die dem entsprechenden Komplex-Konzept von Freud entspricht, du weißt, bekanntlich will jeder Boy insgeheim seine Mama bumsen und seinen Papa mittelfingern, deswegen lobt Cory das Filmsöhnchen stets so bewusst („dein ­Penis ist viel größer als der von Daddy“).

Wenig Wunder, dass die MILF laut Statistik vor allem beim jungen User so massiv punktet, was im Übrigen auch für die Topränge „Lesbian“ und „Japanese“ gilt. Sie sind sanfter und liebevoller. Du brauchst als Boy, der sich ins Genre wagt, keine gewalttätigen Akte mit Gangbangs und Hengsten mit Riesenlatten. Meint Psychologe Ian Kerner (4): „Junge Männer spüren heftigen Leistungsdruck. Es ist daher unglaublich verlockend, sich einer älteren Frau anzuvertrauen.“ Am besten einer Mutter, denn die hat Verständnis. Verunsichert? Entspann dich, mein Junge. Vorzeitiger Ergießer? No worries, beim nächsten Mal wird’s besser.

Ja, mit der Mutter ist alles in Butter.

(1) www.youtube.com/watch?v=dZLfasMPOU4
(2) www.ayoutube.com/watch?v=h1C4G0GT3fM
(3) Weeds (2005–2012), derzeit auch auf Netflix.
(4) Dr. Ian Kerner, Autor der Bestseller „She Comes First“ und „He Comes Next“.