KULTUR

Die Ur-Gewalt am Pult

Franz J. Sauer

Der Dirigent und Pianist Baldo Podic verstarb 78jährig in Lugano. Die Musikwelt trauert um einen großartigen Energetiker, der Musik lebte wie wenig andere.

Baldo Podic wurde 1942 in Dubrovnik, jener Perle der Adria im südlichen Dalmatien, geboren. Die weltberühmte Festspielstadt mit den eindrucksvollen Stadtmauern und der späten, nicht unumstrittenen Karriere als „Game of Thrones“-Kulisse, lieferte von allem Anfang an die ideale Umgebung für ein kultiviertes Genie, das sich von frühester Jugend an zur klassischen Musik hingezogen fühlte und wie wenig andere vermochte, sich mit ihr zu verschmelzen. Egal, ob er am Dirigentenpult stand, am Flügel saß oder vom Zuschauerraum aus inszenierte.

© Kurt Wyss

Podic studierte an der Musikuniversität Zagreb, schloß 1965 mit Auszeichnung ab und wurde sofort als Assistent der musikalischen Leistung der Zagreber Philharmonie verpflichtet. Dass ihn das Opernhaus der damals jugoslawischen Metropole allerdings nicht lange halten konnte, lag offenbar. Über Wien (wo er als Musikalischer Leiter zahlreiche Balettaufführungen begleitete) und Linz (wo er am Landestheater dirigierte) führte ihn seine schnell an Fahrt gewinnende Karriere bald ans Pariser Opernstudio als Musikdirektor. Der hochenergetische Mann ließ sich allerdings selten fest an einem Platz verorten, trotz ausgeprägter Flugangst (Podic reiste stets vorzugsweise per Zug) gastierte er häufig an renommierten Häusern in Siena, Spoleto, Triest, Bonn, Düsseldorf, Hamburg, Chicago und London.


Am Flügel ein Orchester

Auch das Wiener Publikum konnte sich gern und oft an Podics Energetik erfreuen, etwa wenn er als Korrepetitor Liederabende am Wiener Konservatorium (heute: Privatuniversität) begleitete und mit zehn Fingern und einem Flügel ein komplettes Orchester ersetzte. Regelmäßige Auftritte bei den Dubrovniker Festspielen (sowohl, als diese noch in Jugoslawien, als auch in Kroatien stattfanden) waren Ehrensache.

Baldo Podic mit seiner Tochter Jenny, ebenfals Musikerin (© privat)

Seit 1983 war Basel die musikalische Heimat des Vollblutmusikers, wo er bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2007 die musikalischen Geschicke des Stadttheaters leitete. Die Musikwelt verliert mit Podic nicht nur einen großartigen Dirigenten, sondern auch einen hochinteressanten Gesprächspartner von unfassbarem, gesamtkulturellen Wissen sowie einen großen Menschen. Zuletzt litt der 78jährige an zahlreichen Leiden des Kreislaufes, was ihn zur leichten Beute für die schauerliche Covid 19-Pandemie machte: Er verstarb bereits am 20. April. Baldo Podic hinterlässt eine Ehefrau sowie drei Kinder, zwei davon aus erster Ehe.