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Der große Knall

Betreibt man Schlagzeilen-Studium, wurscht, ob in der Zeitung, im Fernsehen, online, in Print oder Social Media, scheint sonnenklar: Unsere Zeit steht vor dem Ende. Dass Bad News Good News sind, ist nun nichts wirklich Neues. Aber warum geilt uns das, was uns eigentlich Angst machen sollte, in Wirklichkeit auf?
Eine Spurensuche.

Text: Franz J. Sauer / Foto Header: Adobe Stock

Der WIENER selbst hat diese Erfahrung schon zig mal gemacht: Schreib was von Hoffnung, Zukunft oder schönen Dingen aufs Cover, und das Heft wird bleiern im Laden ruhen. Aber kaum herrscht Action auf dem Titel, fliegen die Fetzen, droht die Apokalypse – Zack!, und schon ordern die Trafiken Nachschub. Gut, dereinst gab es noch einen weiteren Coverbild-Grund für Lieferengpässe, aber die Zugkraft erotisch aufgemachter, möglichst nackter Frauen hat sich anno 2020 längst und endgültig ins Internet ver­tschüsst. Nun haben wir unser ­Titelbild nur sechsmal im Jahr zu gestalten, da kann man schon ganz gut nach Schreckenstiteln suchen in den Tümpeln der menschlichen Abgründe. Aber selbst Tageszeitungen tun sich kaum schwer damit, alltäglich Schlagzeilen des Schreckens auf ihre Titelblätter zu knallen, auf den dazugehörigen Internetseiten schaffen sie das sogar stündlich.


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Den diesbezüglichen Vogel schoss vor kurzem ein schwerer Boulevard-Player des heimischen Medienmarkts ab, der bisweilen sogar sein Erscheinungsland im Titel trägt. Quasi als verkappter Hinweis auf den labilen Zustand unseres Gesundheitsministers – bekanntlich erlitt Rudolf Anschober vor acht Jahren ein handfestes Burn-out und verbrachte darob ein paar Monate im Kranken­stand – krachte in reiße­rischster Aufmachung der Titel „Schock: Gesundheitsminister Rudolf Anschober im Spital!“ ins Netz. Folgte man der Headline weiter in den Text, fand sich freilich nur mehr heiße Luft, die sich nicht mal das geniale Satireportal „Die Tagespresse“ zu veröffentlichen getraut hätte. Der Minister hatte nämlich wegen einer routinemäßigen Gesundenuntersuchung im Linzer Krankenhaus eingecheckt. Offen bleibt, wie viele engagierte Leser ob der scharfen Headline irgendwelche Sensationen erwarteten; etwa, dass der Minister sich bei der Corona-Ampel höchstselbst mit Covid-19 infiziert habe. Oder aber von Innenminister Nehammer in Notwehr angeschossen worden war, weil er ihm vor einer der vielen PK freundschaftlich und ohne Sicherheitsabstand auf die Schulter geklopft hatte.

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Erst die Takterhöhung des Infokonsums durch das Internet machte die Headline zu einem wichtigen Instrument im Kampf um den täglichen Click, den tatsächlichen Inhalt dahinter dagegen zunehmend zum unwichtigen Beiwerk. Dass dabei auch dramatischere Topics wie Anschobers mutmaßliche Darmspiegelung in Windeseile durchlauferhitzt werden und so wirklich für Angst und Schrecken sorgen können, veranschaulicht eine Episode aus dem Jahr 2014, als gerade die Ukraine-­Krise zwischen Russland und der EU aufkochte. In einem eigentlich inoffiziellen Telefonat mit dem ­damals scheidenden EU-Komissionspräsidenten Barroso soll Wladimir Putin gesagt haben, wenn er wolle, könnte er Kiew in zwei Wochen einnehmen. Die Meldung war ursprünglich von der italienischen Zeitung „La Repubblica“ in EU-Kreisen aufgeschnappt und brav als „Gerücht“ publiziert worden. In den deutschsprachigen Raum gelangte der Sager über die „Süddeutsche Zeitung“, die zwar auch, wie sich’s gehört, beim Konjunktiv blieb, den Gerüchte-Charakter der Meldung und die nie erfolgte Bestätigung durch Barroso aber bereits wegließ. Ab da ebnete sich die entrisch klingende Schlagzeile ihren Weg durch den Headlines-Dschungel und nahm von Medium zu Medium Fahrt auf. Nach gut 24 Stunden bei „Bild“ und „Tagesspiegel“ angekommen, war auch schon der Konjunktiv verräumt: „Russland und Ukraine im Krieg. Putin: ‚Wenn ich will kann ich Kiew in zwei Wochen einnehmen.‘“ Dass der Bericht ­darunter quer durch alle Medien gleich klang, ja sich sogar in jenem so kriegerisch aufgemachten „Tagesspiegel“-Artikel der Hinweis fand, der Kreml habe bestritten, dass die Worte so gefallen seien, steht auf einem anderen Blatt. Letztlich waren weder der Kreml noch die EU begeistert über das Hochkochen der Meldung, da es gerade in diplomatisch angespannten Zeiten wichtig ist, inoffizielle Kontakte von offiziellen strikt zu trennen, vor allem in ­deren Publikation, wie übrigens am selben Tag noch die „Oberösterreichischen Nachrichten“ online und herrlich unaufgeregt berichteten: Der Kreml hatte angeboten, die ­Mitschrift des Telefonats zu veröffentlichen, was die EU aus gutem Grund ignorierte.

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Dass derartige, dem bekannt-beliebten „Clickbaiting“ dienende, Aufbauschungen durchaus ungute Auswirkungen auf das echte Leben haben können, weiß Dr. Christoph J. ­Spindelegger, Psychiater aus Wien 8, zu berichten. „Man braucht sich nur die gar nicht so kleine Community der sogenannten Prepper ansehen, die sich ohne tatsächlich unmittelbaren Grund mit hohem Einsatz auf einen bevorstehenden Krieg oder noch schlimmeren Ernstfall vorbereiten, Vorräte anlegen, Bunker ausheben und ihre Vorsicht auch öffentlichkeitswirksam kundtun. Wenn derartige Phänomene kritische Massen erreichen und eine gewisse Stimmung in der Bevölkerung initiieren, übt das irgendwann auch Druck auf die jeweiligen Machthaber aus, den Konflikt zu suchen.“ Insofern kratzte die durchaus aufgeheizte Berichterstattung über die Auseinandersetzung in der Ukraine, noch dazu pünktlich zum 100-jährigen Ausbruchs-Jubiläum des Ersten Weltkrieges stattfindend, mehrmals an einer gefährlichen Schwelle. Im krassen Gegensatz zur tatsächlichen Kampfbereitschaft der Europäer: Anders als 100 Jahre zuvor wäre eher keine deutsche Mutter fahnenschwingend dazu bereit gewesen, ihre Söhne wegen der Ukraine in einen (Atom-)Krieg gegen Russland zu schicken, dem Wohlstand sei Dank. Dennoch: Die Begeisterung für ein wagnerianisches Crescendo in der Berichterstattung war damals ebenso eindeutig zu spüren wie wenig später bei den diversen Eskalationen des Syrien-Konflikts, den immer wieder aufkeimenden, nuklearen Spannungen mit Nordkorea oder auch den sich traditionell martialischster Sprache bedienenden Wortmeldungen von Typen à la Erdogan. Von einer Abrüstung der Worte sieht man übrigens auch ab, wenn es um ganz andere Lebensbereiche geht: So formulierte „Die Presse“ jüngst in einem Artikel über die Unlust des Finanzministers, sich den Fixkostenzuschuss II von der EU-Kommission genehmigen zu lassen: „Blümel lässt Konflikt mit EU-Kommission eskalieren“. Na bitte, da hört man doch schon Panzer Leopard zähnefletschend Richtung Brüssel rasseln …

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Der große Knall hat also immer Saison, vor allem in seiner medialen Erscheinungsform, deren hochwirksame Mechanismen der Roman „Berlin Prepper“ von Johannes Groschupf, verpackt in eine spannende Krimihandlung, skizziert. Ein Onlineredakteur namens Noack ist bei einer ­großen Tageszeitung für Hygiene in den Kommentarspalten zuständig und wird so andauernd mit den widerwärtigsten Hass­tiraden und Angriffen des gemeinen Lesers konfrontiert. „Das tägliche Gift, der Dauerhass sickert schließlich auch in Noacks Seele“, weiß der Klappentext des Buches zu berichten, und irgendwann kippt diese. Ab da besteht der Lebensinhalt des Einzelgängers Noack nur noch darin, sich auf die Apokalypse vorzubereiten, wie und wann auch immer sie denn auftrete. Dass hier, neben aus­ufernder Selbstkasteiung und dem Umbau der eigenen Bleibe zu einem einzigen Schutzraum schnell Kontakte zu Militaristen und dem rechten Gedankenspektrum ­geknüpft werden, liegt auf der Hand, und ­irgendwann eskaliert die Lage tatsächlich.

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Neue Helden braucht das Land, und weil der Staat sich im Erschaffen derselben zuletzt eher Durchhänger leistete, herrscht unter Empfänglichen das Do-it-yourself-Prinzip Handlungsbedarf, nicht nur in Groschupfs Roman. Dass das Coronavirus mit all seinen Unberechenbarkeiten ein wunderbares „Manöver“ für all jene darstellt, die das Ende und seinen infernalischen Knall kaum mehr erwarten können, liegt auf der Hand, auch herrscht in den entsprechenden Branchen Aufbruchs- bis Jubelstimmung. Waffen etwa gehen derzeit wie geschnitten Brot, ebenso Profi-Survivalpakete, die sowohl inhaltlich wie in puncto Preisgestaltung das herkömmlich zu hamsternde Klopapier bei Weitem übertreffen. Allerdings vermag die Pandemie – wohlgemerkt: bislang – kaum endgültige Befriedigung zu verschaffen, weil der richtig große, laute Knall ein bissel fehlt. „Unsere Lust am großen Knall liegt in der unterbewussten Sucht des Menschen nach Action, die dieser bisweilen sogar über sein Bedürfnis nach Sicherheit stellt“, führt Dr. Spindelegger weiter aus. So gesehen lässt sich Corona bislang gar viel Zeit mit der richtigen Eskalation, von Action kann bei Maßnahmen wie etwa dem Lockdown kaum die Rede sein. Also bezieht der Prepper von Welt freudig Kollateralschäden der Pandemie in seine Überlegungen mit ein, von den Spätfolgen bei Infizierten bis zu den Bürgerkriegs-Unruhen ante portas, die der unvermeidliche wirtschaftliche Niedergang in absehbarer Zeit mit sich bringen wird. Hier ist auch ein Feindbild schnell gefunden: Die Reichen, die Krisen wie die aktuelle überhaupt erst erfinden, nur um noch ­reicher zu werden, während die große Masse verreckt … kennen wir das nicht von wo?

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Sie ahnen es schon: Die Lust am apokalyptischen Knall ist zwar nicht verwandt, aber doch verschwägert mit der Lust an der Verschwörungstheorie. Ebenfalls befeuert durch weltumspannende Onlinestammtische, die der rasend schnellen Weiterverbreitung entsprechender Argumentationsketten dienen, besteht der Lustgewinn beim Konsumieren der Verschwörungstheorie vor allem im Wissensvorsprung gegenüber anderen. Man weiß ein bissel mehr als die dummen „Schlafschafe“ (ein Begriff, der übrigens auch bei Preppern die „Unvorbereiteten“ benennt) und wird durch die Blase, in der man bubbelt, noch manifest bestätigt. „Bei der Lust an Verschwörungstheorien wird vor allem das Kontrollbedürfnis des Menschen befriedigt. Wir sind darauf geprägt, für alles eine Erklärung haben zu wollen, mit Ereignissen, die zufällig, oder aber unvorhersehbar in unser Leben treten, haben wir ein grundsätzliches Problem“, weiß Psychiater Spindelegger. „Das erklärt auch, wie stringent manche Verschwörungstheorien zu Ende gedacht sind.“ Je schlüssiger und nachvollziehbarer die nämlichen Gedankengänge aufgebaut sind, desto schneller findet die zugrundeliegende Theorie Fans. Was sie vor allem dann, wenn auch noch prominente Persönlichkeiten (Stichwort: Naidoo) sie über ihre gut geölten Kanäle transportieren, wieder zur genüsslich ausgewalzten Meldung in Massenmedien macht. Und schon ist der verhängnisvolle Kreislauf passgenau geschlossen.

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Auf der Strecke bleiben dabei vor allem jene, die unser bevorstehendes Ende nicht wirklich mit Freuden erwarten. Die Lust an der endzeitlichen Krise erzeugt vor allem bei sensiblen Charakteren, die sich seelisch nicht entsprechend abzugrenzen wissen, Angst. Schlimme Angst. So viel Angst, das daraus ernsthafte Depressionen oder Panikzustände erwachsen können, denen nur noch mit schwerster Medikation beizukommen ist. Im Gegensatz zur Furcht, die in Psychologenkreisen an sich positiv konnotiert ist, weil sie uns vor einer unmittelbar identifizierbaren Bedrohung warnt und, Paradebeispiel, vorm zähnefletschenden Säbelzahntiger davonlaufen lässt, bedeutet Angst das anhaltende, bedrückende und lähmende Gefühl einer diffusen Bedrohung durch etwas Ungreifbares, weit weg Liegendes, gegen das wir ­unmittelbar nichts unternehmen können, auch wenn wir gerne würden. Die nämlichen Bedrohungsszenarien sind vielfältig. Für den einen sind das die nuklearen Launen eines Kim Jong-un, für die anderen ist es das nachhaltige Leugnen der Klimakrise zugunsten des Wirtschaftswachstums, für wieder andere die Angst vor Krankheit oder Verletzung, aktuell etwa der Nichtabschätzbarkeit von Covid-19-Spätfolgen. Alles Topics, bei denen wir in Wirklichkeit Passagiere sind. Und die selbstverständlich hervorragenden Stoff für Schreckensmeldungen aller Art abgeben, also stets glühend geschmiedet bleiben. Mit ­einem unendlichen Bouquet an schillerndsten Headline-Ideen, die unseren Clickfinger triggern.
Eine diesbezüglich nicht unwesentliche Frage können übrigens weder Prepper noch Nerverln nachhaltig beantworten: Wie geht es nach dem großen Knall eigentlich weiter? Werden, wie in Texten über nukleare Konfrontationen oft intoniert, „die Lebenden die Toten beneiden?“ Was bringt es dem best­ausgestatteten Bunkerbewohner, wenn er die ersten 60, 90 oder gar 150 Tage nach dem großen Knall überlebt, die Welt, wie wir sie kannten, aber für ein paar Tausend Jahre unbewohnbar bleibt? Oder wird es am Ende doch gar nicht so schlimm, wie es die geiferndsten Apokalypsos in ihren düsteren Prognosen vorhersehen wollen? Mir persönlich wäre die letztgenannte Variante, ehrlich gesagt, am liebsten. Und noch etwas: Bleibt mir fern mit Glaskugeln, Nostradamus und Konsorten; ich würde mich von dem, was da vielleicht auf uns zukommt, gerne ohne jede Vorbereitung überraschen lassen. So rigoros werde ich meinen Medienkonsum allerdings kaum einschränken können, dass mir dieser Wunsch erfüllt wird.