AKUT

Die Angst geht um

Was mir neulich für ein Scheiß ­geträumt hat: Fliegt ein deutscher Autokonzernlenker am goldenen Häusl seiner konzerneigenen, selbstredend vergoldeten Gulfstream und wünscht sich, dass er vor Angst in die Hosen scheißen könnte, wenn er sich denn vor Angst in die Hosen scheißen könnte. Aber die schwarzen Briketts in seinem Inneren drücken nur gegen seine Darmwände, und das seit Wochen so schmerzhaft, dass er sich beinahe wünscht, der polnische Hilfsarbeiter da vorne im Cockpit, den er im Zuge der Sparmaßnahmen zum Piloten ­befördert hat, möge den Ritt über die Wolken mit ein paar gepfefferten Manövern würzen, damit die Rakete in seinem Arsch endlich zünden kann. Erfreulich war also, dass die Angst auch bei den Arschlöchern ganz oben umgeht. Unerfreulich war, dass es sich ­dabei um einen Traum handelte!

Aber weiter! Mit dem Montblanc-Füller in der Hand ging er – im Traum! – also nach vorn ins Cockpit und schrie den Polanski an: „Jetzt hör mir mal genau zu, du Spaßaffe, Jean-Dominique Raff-Kahn mein Name, dein Konzernlenker, dein Herr, dein Gott, ich sage dir folgendes: Wenn der beschissene Weihnachtsmann in einem Kamin landen kann, dann wirst du blinde Sau wohl endlich da unten landen können, geht nicht gibt’s nicht!“

Das Teiggesicht hatte – im Traum! – nämlich keine Ahnung, wie man eine Gulfstream bei dichter Wolkendecke ohne Navi landen sollte, ohne Navi, das er wegen der Sparmaßnahmen selbstredend auch entfernen ließ. Und er selbst konnte als Konzernlenker selbstverständlich zwar ­alles lenken, nur halt leider kein Flugzeug. Das stand nicht auf ­seinem Stundenplan in der ­„Economic School of Montgomery Burns“ in Springfield, wo er den Schnellkurs „Heuschrecking“ ­belegte und als Klassenbester ­abschloss.


Mittlerweile drückte ihm die Scheiße – im Traum! – aber schon so sehr gegen die Bauchdecke, dass er dringend Maßnahmen für die Zeit nach seiner Landung treffen musste. Er wählte also am goldenen Wählscheibentelefon seiner Gulfstream die Nummer der Puffmutter aus dem „Chez La Blonde“ Ecke Stubenring und Himmelpfort und fragte sie, was sie denn für ihn auf dem Speiseplan hätte, auf Konzernkosten. „Die schwarze Perle Trinidad aus Tobago für alle, die sich gerne im Exotischen verlieren? Die alabasterfarbene Oxana aus der Ukraine für den Herren, der es gerne klassisch hat? Die robuste und grobknochige Gertrude aus Garmisch-Partenkirchen für unten in der strengen Kammer? Oder Ziegenbock Ulf für Wirtschaftsmagnaten mit dem besonderen Gusto?“

Der Konzernlenker überlegte – im Traum! – ein paar kurze Sekunden lang, bevor er dann doch wieder auf Bewährtes zurückgriff: „Ich nehme die zwergwüchsige Franzi Kubelik und bestelle schon jetzt ihren berühmten Einlauf mit Zwetschgenkompott.“ Dazu würde er sich einen Kaiserschmarrn auf seine Suite im Hotel Sacher servieren lassen, und wenn es ihm dann wieder besser ging, dann würde er die Sekretärin in der Konzernzentrale in Deutschland anrufen und ihr ausrichten, dass sie den scheiß Polanski entlassen solle.

Nachdem ich schweißgebadet aufgewacht war, rief ich sofort meinen Kumpel Kubelka, den ­Gehirnschlosser, an, und fragte ihn, was es denn seiner Meinung nach bedeuten könnte, dass ich so einen Scheiß zusammenträumte. Er ­fragte kurz nach, ob es wirklich Zwetschgenkompott war, das diese Franzi Kubelik in meinem Traum für ihren Einlauf verwendete. Und als ich ihm das bestätigte, sagte er, dass er die Frage leichter beantworten könnte, wenn sie dafür ­Milupa-Kindermilch verwendet hätte. Denn dann, so sagte er auch, „wärst du meiner Meinung nach einfach zu lange gestillt worden, oder was weiß ich, vielleicht auch zu kurz.“


Manfred Rebhandl
Autor in Wien. Zuletzt erschien von ihm BIERMÖSEL – Die Kultkrimis in einem Band (Haymon Verlag 2018).